Mordverdacht Abtreibungsarzt soll Föten mit Scheren getötet haben

Jahrzehntelang soll ein Arzt in den USA illegal Föten abgetrieben und getötet haben. In der Klinik herrschten laut Staatsanwaltschaft haarsträubende Zustände: Frauen wurden stümperhaft operiert, mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Mindestens zwei sollen den Eingriff nicht überlebt haben.

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Philadelphia - "Zahnpflege" und "Familienplanung" steht in großen Lettern an dem roten Backsteingebäude in Philadelphia, dem "Haus des Schreckens", wie es viele im armen Westen der Millionenmetropole inzwischen nennen. Denn dort sollen jahrzehntelang illegal Spätabtreibungen vorgenommen worden sein - unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und zum Schaden zahlloser Frauen.

Bis in den achten Schwangerschaftsmonat soll Kermit G. hier lebensfähige Babys abgetrieben und getötet haben. "Er stach eine Schere in den Nacken der Föten und durchtrennte das Rückenmark", heißt es in einem 260 Seiten langen Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft in Philadelphia, die G. jetzt anklagte - wegen Mordes an sieben Kindern und einer 41-jährigen Mutter.

Die Frau soll den Behörden zufolge an einem durch Betäubungsmittel verursachten Herzinfarkt gestorben sein. Ihr Tod hatte die Ermittler auf die Spur des 69-jährigen Mediziners geführt. G. sowie seine Frau und acht Mitarbeiter seien am Mittwoch festgenommen worden, berichtet der "Philadelphia Inquirer", der sich nicht scheute, die komplette Biografie des Tatverdächtigen inklusive der vollen Namen aller Mitangeklagten und deren Wohnadressen zu veröffentlichen. Neben G. müssen sich vier der Angeklagten wegen Mordes verantworten. Keiner von ihnen soll eine medizinische Ausbildung haben, die Gattin des Gynäkologen ist Kosmetikerin.

Katzenkot, Urin, blutbefleckte Laken

Im vergangenen Februar hatten Polizisten die Klinik in Philadelphia durchsucht, nachdem G. verdächtigt worden war, illegal mit Schmerzmitteln gehandelt zu haben. Die Räume waren den Beamten zufolge in einem jämmerlichen Zustand, "völlig verdreckt und widerwärtig". Auf den Treppen habe Katzenkot gelegen, es habe nach Urin gestunken, auf dem Boden sei Blut gewesen, so die Polizisten. Halbbetäubte Frauen hätten im Warteraum und in den Krankenzimmern gelegen und vor sich hin gestöhnt. Im Keller, im Kühlschrank, in Krügen und Plastiktüten seien die sterblichen Reste der Föten gelagert worden - "es war ein Baby-Leichenhaus", so die Ermittler.

Der Arzt habe seine Patientinnen gefährliche Drogen in Überdosis verabreicht, mit nichtsterilen Instrumenten Geschlechtskrankheiten unter ihnen verbreitet, außerdem bei den stümperhaft durchgeführten Operationen immer wieder Gebärmutter, Muttermund oder den Darm perforiert, heißt es in dem Bericht der Staatsanwaltschaft. Mindestens zwei Frauen hätten den Eingriff nicht überlebt.

So habe G. einer Patientin bei dem Versuch, den Fötus zu entfernen, Dickdarm und Gebärmutterhals zerrissen. Als Verwandte die Frau nach dem Eingriff abholen wollten, wurde ihnen der Zutritt verweigert. Nur unter der Drohung, die Polizei zu holen, durften sie in die Klinik und fanden die Frau blutend und verwirrt vor. Sie wurde in ein anderes Krankenhaus gebracht, wo ihr ein Stück des Darms entfernt wurde.

Einer 19-Jährigen musste nach einer misslungenen Punktierung die Gebärmutter entfernt werden. Eine andere Patientin soll G. nach Hause geschickt haben, obwohl sie noch Teile ihres Fötus in sich trug. Der Arzt erklärte, es gehe ihr gut, auch dann noch, als sie schon eine schwere Infektion hatte. Sie kam bewusstlos und in Lebensgefahr ins Krankenhaus.

"Komplettes Versagen der Behörden"

31 Jahre lang war die umstrittene Klinik in Betrieb, immer wieder gab es Gerüchte, dass dort nicht alles mit dem Rechten zuging. "Aber keiner hat dem ein Ende gesetzt", sagen die Staatsanwälte und werfen den Verantwortlichen "komplettes Versagen" vor. Es habe mehrere Aufsichtsbehörden gegeben, die von dem Arzt gewusst, aber nichts gegen ihn unternommen hätten. 46-mal wurde der Mediziner angezeigt, aber nur fünfmal wurde die Klinik vom Gesundheitsamt inspiziert.

G. soll während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit Millionen verdient haben. Den Behörden zufolge zahlten die Frauen 325 Dollar für einen Abort im ersten Schwangerschaftsdrittel, zwischen 1600 und 3000 Dollar für Abtreibungen bis zur 30. Woche. Die Klinik habe zwischen 10.000 und 15.000 Dollar am Tag eingenommen. Der Profit habe eindeutig Vorrang vor Gesundheit gehabt, so der Bericht der Staatsanwaltschaft: "Tagsüber war es eine Rezept-Fabrik und abends eine Abtreibungsfabrik."

Der Bundesstaat Pennsylvania hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze der USA. Abtreibungen nach der 24. Woche sind hier illegal, es sei denn, Leben oder Gesundheit der Mutter sind in Gefahr. Das Gewebe von Föten aus Spätabtreibungen muss von einem Pathologen untersucht werden. Grundsätzlich muss jede Frau über mögliche Alternativen zu einer Abtreibung aufgeklärt werden und darf erst nach einer Bedenkzeit von 24 Stunden den Eingriff vornehmen lassen.

Die Diskussion um die Legitimität von Abtreibungen wird in den USA von jeher mit harten Bandagen geführt. Ärzte und Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen werden nicht selten von radikalen Gegnern attackiert und verunglimpft. "Ich bin mir bewusst, dass Abtreibung ein heißes Thema ist", sagte Bezirksstaatsanwalt Seth Williams am Mittwoch und beeilte sich, zu betonen, dass es in dem Verfahren nicht um die moralische Wertung von Abtreibungen gehen könne. Aber: "Ein Arzt, der wissentlich und systematisch Frauen falsch behandelt, bis eine von ihnen stirbt, der begeht vor dem Gesetz einen Mord."

Der Anwalt des Tatverdächtigen, William Brennan, betonte, auch für seinen Mandanten gelte die Unschuldsvermutung. Er habe den Bericht noch nicht lesen können und wolle sich dazu nicht äußern.

Der ehemalige Generalstaatsanwalt und jetzige Gouverneur von Pennsylvania, der Republikaner Tom Corbett, versprach, man werde in Zukunft solche Kliniken schärfer überwachen. "Die Sicherheit unserer Bürger sollte an erster und vorderster Stelle stehen", sagte sein Sprecher.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
praise 20.01.2011
1. *
Zitat von sysopJahrzehntelang soll ein Arzt*in den USA illegal Föten abgetrieben und getötet haben. In der Klinik herrschten laut Staatsanwaltschaft haarsträubende Zustände: Frauen wurden stümperhaft operiert, mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Mindestens zwei sollen den Eingriff nicht überlebt haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740550,00.html
Legale Abtreibung ist nicht weniger grausam als das, was diesem Mann vorgeworfen wird.
ladyanorak 20.01.2011
2. Wie im Mittelalter...
In der Klinik herrschten laut Staatsanwaltschaft haarsträubende Zustände: Frauen wurden stümperhaft operiert, mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Mindestens zwei sollen den Eingriff nicht überlebt haben. So etwas passiert, wenn man verzweifelte Frauen mit ihren Problemen in die Illegalität schiebt. Es gibt so viele Familien, die Neugeborene adoptieren möchten...
taubenvergifter 20.01.2011
3. Titel? Wozu ´nen Titel?
Zitat von sysopJahrzehntelang soll ein Arzt*in den USA illegal Föten abgetrieben und getötet haben. In der Klinik herrschten laut Staatsanwaltschaft haarsträubende Zustände: Frauen wurden stümperhaft operiert, mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Mindestens zwei sollen den Eingriff nicht überlebt haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740550,00.html
Das, was der Arzt mutmaßlich getan hat, ist schändlich. Mindestens ebenso schändlich ist es aber auch, dass im 21. Jahrhundert in einer führenden, zivilisierten Nation Frauen mit diesem Anliegen in die Illegalität und damit halt auch in einzelnen Fällen indirekt in den Tod getrieben werden.
loncaros 20.01.2011
4. t
Zitat von praiseLegale Abtreibung ist nicht weniger grausam als das, was diesem Mann vorgeworfen wird.
Zum Glück kann man mangels echter Argumente immer mit Moral kommen wenn man sonst nichts zu sagen hat.
FrankB 20.01.2011
5. Ursache
Zitat von sysopJahrzehntelang soll ein Arzt*in den USA illegal Föten abgetrieben und getötet haben. In der Klinik herrschten laut Staatsanwaltschaft haarsträubende Zustände: Frauen wurden stümperhaft operiert, mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Mindestens zwei sollen den Eingriff nicht überlebt haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740550,00.html
Das ist die Ursache. Durch Verbote erreicht man doch nur so etwas. Die Frauen greifen nach jedem Strohhalm, weil vom Staat keine legale Hilfe und Unterstützung zu erwarten ist.
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