Pfleger vor Gericht Angeklagt wegen Mordens aus Langeweile

Niels H. arbeitete als Krankenpfleger in Delmenhorst. Jetzt muss er sich wegen drei Morden und zwei Mordversuchen verantworten - aus Langeweile soll er Notfälle provoziert haben. Womöglich ist die Zahl der Fälle noch viel höher.

Von , Oldenburg

Nils H. mit Anwältin Ulrike Baumann: Angeklagt wegen Mordes
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Nils H. mit Anwältin Ulrike Baumann: Angeklagt wegen Mordes


Sebastian Bührmann ist ein besonders höflicher Richter. Er begrüßt vor allen anderen Prozessbeteiligten erst einmal den Angeklagten mit Namen. "Wir haben ja schon ein Verfahren zusammen geführt, Herr H.", sagt er. Der Angeklagte schaut den Richter an. 2008 war er an gleicher Stelle, im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Oldenburg, zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren wegen versuchten Mordes verurteilt worden. Er hatte einem Patienten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst eine Überdosis des Herz-Medikaments Gilurytmal verabreicht, der Mann entging nur knapp dem Tod.

Nun sieht alles danach aus, dass Niels H., 37, für weitere Fälle verantwortlich ist, auch solche, die für Patienten tödlich endeten. Der Krankenpfleger steht in Oldenburg vor Gericht, weil er am Klinikum Delmenhorst in den Jahren 2003, 2004 sowie im ersten Halbjahr 2005 Patienten getötet oder deren Tod zumindest in Kauf genommen haben soll. Drei Morde, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen begangen, zwei Mordversuche, lautet die Bilanz der Staatsanwaltschaft.

In keinem der Fälle, so die Anklage, sei das Medikament Gilurytmal mit dem Wirkstoff Ajmalin indiziert gewesen, das H. seinen Opfern verabreicht haben soll. Selbst bei gegebener Indikation dürfe es wegen seiner Nebenwirkungen grundsätzlich nur durch einen Arzt und unter Monitorüberwachung eingesetzt werden. "Trotzdem injizierte H. den Patienten das Medikament in dem Wissen und der Erwartung, dass die Gabe von Ajmalin lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern sowie Blutdruckabfall auslösen kann."

Geltungssucht und Langeweile

Motiv sei gewesen, dass H. anschließend seine "seiner Ansicht nach sehr guten" Kenntnisse im Bereich der Reanimation habe präsentieren wollen. Auch aus Langeweile habe er auf diese Weise Notfälle provoziert.

Langeweile, ein ungewöhnliches Motiv. Aus anderen Fällen von Patiententötungen sind Beweggründe wie Mitleid mit von Schmerzen gequälten Alten oder mit unrettbar dem Tod Geweihten bekannt. H. soll aber auch jüngere Patienten getötet haben und solche, die schon wieder auf dem Weg der Besserung waren. Klappte die "Rettung" beim ersten Mal, soll er erneut versucht haben, eine Krise herbeizuführen.

Die Frage ist jedoch nicht nur, warum er die ihm vorgeworfenen Taten begangen haben könnte - sondern auch, um wie viele Fälle es hier geht. Der damalige Oberarzt der Delmenhorster Intensivstation, auf der H. seit Dezember 2002 arbeitete, hegt einen furchtbaren Verdacht. "Der Angeklagte hatte bei 55 Prozent aller Verstorbenen auf der internistischen Intensivstation Dienst. Und das ist wohl noch zu niedrig angesetzt. Da komme ich auf geschätzt mindestens 100 Tote." Die Staatsanwaltschaft aber habe es "leider abgelehnt", weitere Leichen zu exhumieren.

"Er war ein begeisterter Retter"

Als in Delmenhorst die Medikamentenbestellungen und die Sterbezahlen überprüft wurden, fiel es den Verantwortlichen wie Schuppen von den Augen. In jenen Jahren, als H. auf der Intensivstation war, schnellten die Zahlen in die Höhe. "Zwischen 2000 bis 2002 hatten wir fünf bis sechs Prozent Verstorbene pro Jahr. 2003/2004 waren es plötzlich an die zehn Prozent. Nach 2005 ging es wieder auf rund fünf Prozent zurück", sagt der frühere Oberarzt.

Aber der Oberarzt sagt auch: "Ich hatte stets ein gutes Gefühl, wenn H. da war. Denn er konnte zum Beispiel intubieren." Im Gegensatz zu manchen Ärzten, die Angst davor hätten. "Wenn jemand intubieren kann, darf er das." Bei einem Herzstillstand müsse es schließlich schnellgehen.

Es sei aufgefallen, dass H. immer sofort zur Stelle war, wenn es einen Notfall gab. "Er war ein begeisterter Retter", erinnert sich der Oberarzt. Und H. war beliebt bei den Assistenzärzten, da er Erfahrung hatte. Für die rein pflegerische Arbeit hingegen brachte er weniger Enthusiasmus auf.

Falsches Vertrauen

2005 war er von einem anderen Pfleger beobachtet worden, wie er in einem Krankenzimmer hantierte, in dem er nichts zu suchen hatte. Der automatische Alarm, der ausgelöst wird, wenn sich der Zustand des Patienten verschlechtert, war ausgeschaltet. Als H.s Spind später geöffnet wurde, fand man darin neben Ampullen einen Haufen Wodkaflaschen - und in seinem Pflegerkittel ein Medikament, das als Gegenmittel gegen Gilurytmal dient. Hielt er es bereit, um von ihm selbst ausgelöste Komplikationen zu behandeln?

Die Nachbestellung von Medikamenten sei - einmal wöchentlich - Aufgabe der wechselnden Nachtschwestern oder der Nachtpfleger gewesen, berichtet der Oberarzt. "Eigentlich durfte jeder nachbestellen." Eine Statistik über den Verbrauch habe es nicht gegeben. "Es wurde über Rezeptblock bestellt und ohne Kontrolle der Ärzte abgezeichnet, was fehlte." Dass sich der Verbrauch von Gilurytmal vervierfachte, hat damals niemand gemerkt. "Wer misstraut denn schon Leuten, mit denen man täglich zusammenarbeitet?"

Von H.s Leben ist nur bekannt, dass er geschieden ist und ein Kind hat. Vor Gericht schweigt er. Wird ihm dieses Schweigen nützen? Wahrscheinlich wäre er gern Arzt geworden. Als er ein polizeiliches Führungszeugnis brauchte, beantwortete er die Frage nach seinem Beruf mit "Arzt im Praktikum".



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