Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Morsal-Prozess: "Was ist das, Ehre? Ich kenn keine Ehre!"

Von

Tumulte vor Gericht: In Hamburg erging das Urteil gegen Ahmad Obeidi, der seine Schwester Morsal tötete, weil er ihren Lebensstil nicht tolerierte. Jetzt muss er ins Gefängnis. Lebenslang. Bei der Urteilsverkündung offenbarte sich die Aggressivität des Angeklagten - und seiner Angehörigen.

Hamburg - Die Vermerke, die die Akte Morsal beim Kinder- und Jugendnotdienst umfasste, sind eine Chronologie ihres Leidens bis zu ihrem Tod am 16. Mai 2008. In dürren Worten ist penibel notiert, was sich wann zugetragen hat. Morsal rief die Polizei regelmäßig, weil sie sich von ihrer Familie bedroht fühlte - oft mehrmals in einer Woche, teils sogar mehrmals am Tag. Sie sei eine "Polizeinutte", gab die Mutter einmal laut Gericht Beamten zu Protokoll.

Was am Freitag vor Gericht bei der Verkündung des Urteils gegen Morsals Bruder Ahmad geschah, ließ nun erahnen, welchen Aggressionen sich die 16-Jährige vor ihrem gewaltsamen Tod ausgesetzt sah.

Die Große Strafkammer 21 des Hamburger Landgerichts hat den Bruder der Deutsch-Afghanin wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ahmad Obeidi hatte die Tat gestanden, während des Verfahrens allerdings geschwiegen.

Die Urteilsverkündung durch den Vorsitzenden Richter Wolfgang Backen unterbrach Obeidi durch lautes Geschrei, beschimpfte das Gericht, die Staatsanwaltschaft, die Ordnungsbeamten, die Journalisten. Die Wut, die sich bei ihm und seinen Angehörigen entlud, gibt vielleicht einen Einblick in die Verhältnisse und auch die Widersprüchlichkeit, unter denen Morsal aufwuchs.

Backen hat die Sitzung kaum geschlossen, da schleudert Obeidi eine Akte auf den Staatsanwalt Boris Bochnick, der in seinem Plädoyer in der vergangenen Woche eine Verurteilung wegen Mordes gefordert hatte. Weiße Blätter fliegen durch den Gerichtssaal. "Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter", brüllt Obeidi. Er schleudert die Worte heraus, so schnell, so laut, sie sind kaum zu verstehen.

Jenseits der Sicherheitsglasscheibe, die die Kammer vom Zuschauerraum trennt, sitzen Morsals Eltern, Geschwister, Verwandte und Bekannte. Die Mutter, die Schwester und die Freundin Ahmad Obeidis schluchzen, weinen, schreien, schimpfen, trommeln mit den Händen ans Glas der Trennwand.

"Ihr macht meine Familie kaputt"

Die Szenen im Gericht sind chaotisch - es entlädt sich eine beispiellose Aggressivität, die sich wahllos gegen alle zu richten scheint, die Familie Obeidi für das in ihren Augen falsche Urteil verantwortlich macht: Journalisten werden bedroht, vor dem Gebäude schleudert der Vater eine kniehohe weiße Kerze, die die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes vor dem Gericht angezündet hat, in den Schnee. Es ist eine blinde Wut, eine laute Wut, ein Protest gegen "das deutsche Gericht, scheiß Deutschland, die deutschen Beamtenfotzen", gegen eine Gesellschaft in der "Kinderficker Bewährung kriegen und der Angeklagte Lebenslang, weil er Afghane ist".

Der jüngere Bruder Ahmad Obeidis, der in der ersten Reihe des Zuschauerraumes sitzt, brüllt: "Ihr habt meine Schwester getötet, ihr habt mir meine Familie genommen, ich hab keine Familie mehr." Er wird von Sicherheitsbeamten aus dem Saal geführt. Morsals Mutter springt auf, drückt die erhobenen Hände gegen die Glasscheibe. "Ihr macht meine Familie kaputt." Später stürmt sie schreiend aus dem Gerichtssaal und droht, sich aus einem Fenster zu stürzen.

Vielleicht ahnen sie alle, dass die erste braune Holzbank im Zuschauerraum auch eine Anklagebank ist - wenn auch nicht im juristischen Sinne.

Die Familie Obeidi ist, wie die Mutter sagt, "kaputt", spätestens seit die Eltern in der Nacht zum 16. Mai Sohn und Tochter verloren, seit Ahmad Obeidi seine Schwester auf einem dunklen Parkplatz in der Nähe der Hamburger U-Bahn-Haltestelle Berliner Tor mit 23 Messerstichen tötete und, wie der sonst sachlich wirkende Richter Backen sagte, ein "Blutbad" anrichtete - und vermutlich ist die Familie schon viel länger kaputt.

Mindestens seit Mitte 2005, so führt Richter Backen aus, wurde Morsal ständig kontrolliert und sogar von ihrem eigenen Vater mit einem Messer bedroht. Der muss sich nun in einem eigenen Verfahren verantworten.

Lernen, wie eine afghanische Frau sich zu verhalten hat

Das Gericht bezog die Verantwortung der Eltern mit ein: Über die Schuld von Morsals Mutter und Vater habe das Gericht nicht zu befinden - schließlich sei keiner der beiden angeklagt worden. "Aber eine hohe moralische Mitschuld trifft sie", schloss der Richter die Urteilsbegründung.

Morsal selbst hatte in Polizeivernehmungen immer wieder ausgesagt, ihr Bruder kontrolliere sie im Auftrag der Eltern, sei deren Handlanger in Fragen der Erziehung. Backen betont, Ahmad Obeidi habe durch das Verhalten Morsals - ihre Kleidung, ihre Schminke, ihren Umgang mit "dem anderen Geschlecht"- nicht nur seine eigene Ehre, sondern auch die der gesamten Familie in Gefahr gesehen.

"2007 verfrachtete die Familie sie unter dem Vorwand, Urlaub zu machen, nach Afghanistan. Dort sollte sie lernen, wie eine afghanische Frau sich zu verhalten hat - dass sie zum Beispiel nicht alleine auf die Straße gehen soll", sagte Backen. Alle Versuche, Morsal zu disziplinieren, seien jedoch erfolglos geblieben und alle Maßnahmen schließlich erschöpft gewesen.

Das Gericht rekonstruierte in der rund einstündigen Urteilsverkündung die letzten Stunden in Morsals Leben: Ahmad Obeidi sah seine Schwester gegen 17 Uhr am Hauptbahnhof, ärgerte sich über ihre "Aufmachung". Wenig später traf er vier Mädchen in einem Dönerladen, die ihm sagten, Morsal sei eine Schlampe, habe Geschlechtsverkehr, prostituiere sich und verkaufe Marihuana. "Sein Vorhaben, dass Morsal sich wie eine afghanische Frau verhalten solle, war gescheitert", sagt Backen. "Der Angeklagte beschloss daher, sie zu töten, um die Ehre wiederherzustellen."

Ahmad Obeidi lehnt sich nach vorne, erhebt die Arme, legt Daumen und Spitzen der Zeigefinger zusammen, gestikuliert wild, schreit: "Sag mir, was das ist, eine Ehre? Ich kenn keine Ehre!"

Tat stehe auf "sozial unterster Stufe"

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Ahmad Obeidi "heimtückisch und aus niederen Beweggründen" handelte, da er seine Schwester durch einen Cousin unter einem Vorwand auf den dunklen Parkplatz locken ließ, sein Klappmesser hinter dem Rücken verbarg und zunächst das Gespräch mit Morsal suchte. "Der Angeklagte nutzte die Arg- und Wehrlosigkeit Morsals aus", begründete das Gericht. Die Tat stehe auf "sozial unterster Stufe" und sei "verachtenswürdig".

Ahmad Obeidi habe seine Schwester getötet, weil sie nach seinen Vorstellungen keinen korrekten Lebenswandel führte. "Er tötete aus reiner Intoleranz", resümiert Backen. Den Vorsatz für die Tat habe er spätestens unmittelbar vor dem Telefonat mit seinem Cousin gefasst - und nicht, wie die Sachverständige Marianne Röhl festgestellt hatte, erst unmittelbar vor der Tat.

Laut Gericht war Ahmad Obeidi bei Begehung der Tat schuldfähig. Die Strafkammer folgte der Diagnose der Sachverständigen Marianne Röhl, die bei dem Angeklagten eine emotional instabile sowie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung feststellte. Das Fazit der Gutachterin, Obeidi sei "in seiner Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit erheblich eingeschränkt gewesen", lehnte es dagegen ab.

"Dass diese Wertvorstellungen dem Angeklagten anerzogen sind, ändert daran nichts." Es gelten die Vorstellungen der Rechtsgemeinschaft in Deutschland und nicht die einer afghanischen Volksgruppe: Die Tötung eines Menschen aus Gründen der sogenannten Ehre sei dann ein niedriger Beweggrund, wenn der Täter mit den deutschen Rechts- und Wertvorstellungen vertraut sei. Da er schon lange in Deutschland lebe und hier auch zur Schule gegangen sei, habe Ahmad Obeidi diese Rechtsvorstellungen gekannt.

Bei einem Prozess in Kabul, schrie Ahmad Obeidi, wäre er "längst draußen".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Prozess gegen Ahmad Obeidi: Tumulte nach Urteilsverkündung

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: