Morsal-Urteil In der Fremde gefangen

Ahmad Obeidi erstach seine Schwester Morsal, weil ihm ihr Lebensstil nicht gefiel. Wegen Mordes hat ihn das Hamburger Landgericht deshalb nun zu lebenslanger Haft verurteilt. Gisela Friedrichsen kommentiert die Entscheidung, die bei der afghanischstämmigen Großfamilie für Empörung sorgte.


Hamburg - Welches Signal geht von diesem Urteil aus? Trägt es zu einem besseren, verständnisvolleren Zusammenleben zwischen der deutschen Bevölkerung und den zugewanderten, eingebürgerten Familien bei, die aus einem anderen Kulturkreis stammen? Hilft es, unsere Werte und Normen durchzusetzen bei Menschen, denen diese fremd sind?

Manche Zuwanderer unterwerfen sich problemlos dem westlichen Lebensstil, sie genießen Frieden und Freiheit und sind dankbar dafür. Andere bleiben, wie der Vorsitzende Richter am Hamburger Landgericht Wolfgang Backen sagte, trotz aller Freiheit "gefangen in ihrer hierarchischen Familienstruktur", sie bleiben den Normen ihres Heimatlandes auch oder gerade in der Fremde verhaftet und passen sich nicht an. Sie wollen von dieser westlichen Welt nichts wissen.

Diese Familien leben nach ihren eigenen Gesetzen, in innerer Unfreiheit, wie die Obeidis aus Kabul, die auf Unbotmäßigkeiten ihrer heranwachsenden Kinder mit nichts anderem zu antworten wussten als mit Gewalt - und sie dadurch aus dem Haus und auf die schiefe Bahn trieben. Ihr ältester Sohn Ahmad, 24, war bei Polizei und Justiz seit längerem als Intensivtäter bekannt, und seine Schwester Morsal sah ihn, bei aller Angst vor seiner Gewalttätigkeit, als Vorbild an.

"Unterste sittliche Stufe"

Nun ist dieser Ahmad wegen Mordes an seiner Schwester Morsal zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden: Er habe die Lebensweise der 16-Jährigen nicht tolerieren wollen, die die Ehre seiner Familie verletzte, befanden die Richter. Ein solches Motiv steht nach Auffassung der deutschen Justiz auf "unterster sittlicher Stufe" und qualifiziert die Tat als Mord.

Auf dem Gerichtsflur empörte sich ein Verwandter der Familie erregt: "Lebenslang wegen so einer Kleinigkeit!"

Da leben Menschen unter uns in einer unzugänglichen Parallelgesellschaft, die sehen die Tötung eines jungen Mädchens als "Kleinigkeit" an. Die toben im Gerichtssaal, drohen, brüllen und schlagen um sich - nicht um der Familienehre willen, sondern weil sie gegen den deutschen Rechtsstaat und gegen unsere Werte und Normen aufbegehren. Von Integration oder auch nur dem Schatten eines Bemühens keine Spur.

Als der Vorsitzende Richter immer wieder auf das Motiv der Familienehre zu sprechen kam, schrie ihn der Angeklagte an: "Sagen Sie mir, was Ehre ist. Ich kenn keine Ehre!" Das dürfte der Wahrheit ziemlich nahekommen.

Denn die Tötung Morsals, diese "Kleinigkeit", ist die Tat ihres unbeherrschten, hochaggressiven, gefährlichen Bruders, der nach der Urteilsverkündung dem Staatsanwalt eine Akte entgegenschleuderte und brüllte: "Du Hurensohn! Ich ficke deine Mutter!"

Die Familie prügelte auf Morsal ein

Daher ist die Auffassung des Gerichts, es sei in jener Nacht im Mai 2008, als Ahmad im Beisein eines Cousins wütend über Morsal herfiel und 23 Mal zustach, um die Rettung der Familienehre gegangen, nur schwer nachvollziehbar. Denn niemand hatte von Ahmad die "Kleinigkeit" verlangt, er handelte auf eigene Verantwortung. Die Familie prügelte auf Morsal ein, doch es gab keine Verabredung innerhalb der Familie, sie um der Ehre willen zu beseitigen. Die Hauptverhandlung ergab auch nicht, dass die Familie unter Druck von außen gestanden hätte, ihr Ansehen mit einer solchen Tat aufbessern zu müssen.

Doch das Gericht wollte offenbar wegen Mordes verurteilen und musste also Mordmerkmale finden. Ob Ahmad Obeidi dabei heimtückisch gehandelt hat, wie das Gericht unterstellt, und ob sein Opfer, als es seiner ansichtig wurde, noch arglos war, wird vermutlich der Bundesgerichtshof entscheiden müssen.

"Er tötete aus reiner Intoleranz", sagten die Richter. "Das ist in Deutschland ein niedriger Beweggrund, wenn der Angeklagte mit deutschen Wertvorstellungen vertraut ist. Dass ihm andere Wertvorstellungen anerzogen wurden, ändert daran nichts." Die deutschen Werte und Normen seien maßgeblich, nicht die "einer afghanischen Volksgruppe."

Das traf die Familie Obeidi und ihr Umfeld offenbar im Innersten. Sie bäumten sich gegen das Urteil und vor allem die Begründung auf, reagierten darauf mit - ja, mit den eingeübten Wut- und Gewaltausbrüchen. Es war in höchstem Maß beängstigend und bedrohlich.

Was wird in dieser Familie noch passieren? Alle Hilfsangebote, alle Bemühungen um Unterstützung gingen bisher ins Leere. Ausweisen kann man die Obeidis nicht, sie sind längst Deutsche. Der Traum von Multikulti ist längst ausgeträumt.

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