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Enthauptetes Mädchen in Moskau: "Uns schien es, sie habe Nastja lieb"

Von , Moskau

Eine Kinderfrau tötet das ihr anvertraute kleine Mädchen und läuft mit dem Kopf des Opfers durch die Stadt. Nun streitet Russland über den richtigen Umgang mit der Tat - und sucht nach Erklärungen.

An der Treppe hinunter zur Metro-Station Oktober-Feld im Nordwesten Moskaus liegen Stofftiere, daneben stehen Kerzen. Auf einem Bund Nelken liegt eine Packung Schokolade, Kinder-Überraschung. Passanten wischen sich Tränen aus den Augen. Die Moskauer haben aus dem Metro-Eingang, der Montag ein Ort des Grauens wurde, einen Platz stiller Trauer gemacht. Sie gedenken hier der ermordeten vier Jahre alten Nastja.

Nach dem Stand der Ermittlungen wurde Nastja von ihrer Kinderfrau ermordet, kurz nachdem ihre Eltern am Montagmorgen die Wohnung verlassen hatten und zur Arbeit gingen. Kinderfrau, Gouvernante, Babysitter - das alles sind eher sperrige Übersetzung für den Begriff "Njanja", die liebevolle Bezeichnung für eine Kinderbetreuerin, die fast Teil der Familie ist.

Der Schock über die bestialische Tat ist auch deshalb so groß. "Blutige Njanja" lautet eine der Überschriften der Moskauer Hauptstadtpresse.

Die vier Jahre alte Nastja wurde von der Frau, der sie anvertraut war, mit einem Kopfkissen erstickt. Danach trennte die Njanja dem Kind den Kopf ab und steckte ihn in eine Plastiktüte. Sie legte ein schwarzes Kopftuch an und ein schwarzes Gewand, das sie vorher nie bei der Arbeit getragen hatte und fuhr zur Metro-Station Oktober-Feld. Als ein Polizist ihren Pass kontrollieren wollte, zog sie den Kopf aus der Plastiktüte, rief "Allahu Akbar" und brüllte, sie werde sich in die Luft sprengen.

Im russischen Fernsehen blieb es ungewohnt still

Sicherheitskräfte überwältigten sie, Sprengstoff fanden sie nicht. Der Name der Frau ist Gjultschechra B., sie ist Gastarbeiterin aus dem moslemisch geprägten Usbekistan. Ihre Herkunft, das Abtrennen des Kopfes und die Parolen haben in Moskau die Angst vor einer Attacke des "Islamischen Staates" geschürt. Die Parallelen zu den Extremisten seien offensichtlich, ist sich der rechte Schriftsteller Sergej Schargunow sicher: "Die gleichen Ausrufe, Köpfe abschneiden, das Benutzen von Kindern."

Ungewöhnlich war die Berichterstattung des russischen Fernsehens. Das blieb nämlich ungewohnt still. Die Staatssender Rossija 1 und der Erste Kanal und auch der zum Gasprom-Imperium gehörende Sender NTW erwähnten den Fall in ihren Nachrichtensendungen mit keinem Wort. Nach Informationen der Wirtschaftszeitung RBC hatten die Sender eine Anweisung bekommen, den Fall nicht zu thematisieren.

Der Kreml bestreitet das. Die Kanäle hätten den Entschluss selbst getroffen, teilte Putins Sprecher Dmitrij Peskow mit, aber er unterstütze die Entscheidung. Der Mord sei "zu monströs, um das im Fernsehen zu zeigen". Das Argument ist nachvollziehbar, allerdings sind Russlands Sender bislang nicht durch feinfühlige Zurückhaltung aufgefallen, im Fall des angeblich von Migranten vergewaltigten Berliner Mädchens Lisa etwa. Oder im Sommer 2014, als Russlands Fernsehen über einen angeblich von ukrainischen Kämpfern gekreuzigten Jungen berichtete. Das war komplett erfunden.

Pawel Astachow, Beauftragter des Kremls für den Schutz von Kinderrechten, wagte sich nach dem Mord an Nastja besonders weit vor und machte den Eltern Vorwürfe: "Wie konnten sie ein kleines Kind so einem Menschen anvertrauen? Wer hat die Frau eingestellt, wie haben die Eltern sie überprüft?" Die Eltern - so der Unterton - seien geizig gewesen, hätten am falschen Ende gespart.

Nastja konnte weder laufen, noch richtig sprechen

Viele russische Eltern vertrauen ihre Kinder einer Njanja an, oft sind es vermögende Familien. Nastjas Eltern waren es nicht. Nastja war mit schweren Behinderungen auf die Welt gekommen. Sie konnte weder laufen, noch richtig sprechen. In Russland ist es über viele Jahrzehnte üblich gewesen, dass Eltern schwer behinderte Kinder nach der Geburt umgehend an ein staatliches Heim abgeben, oft auf Drängen der Ärzte. Es gibt sogar einen eigenen Begriff für diese Kinder. Er lautet "Otkasniki", die Abgelehnten.

Die Eltern von Nastja hatten sich dagegen entschieden, für ein Leben mit ihrer Tochter. Vater und Mutter waren berufstätig. Sie sparten Geld, um ihre Tochter in Deutschland operieren zu lassen. Die Zeitung "Moskowskij Komsomolez" zitiert ein Schreiben von Nastjas Mutter. "Meine Tochter ist ein echter Kämpfer, denn jeder Atemzug ist für sie ein Kampf mit ihrer Krankheit. Ich selbst lerne von Nastja kämpfen, hoffen, sich nicht aufgeben, trotz allem leben."

Während das Fernsehen schweigt, sind Zeitungen und Internetportale voll mit Spekulationen zur Frage, was die Njanja zu ihrer Tat bewegt hat. Jemand könnte sie mit Drogen vollgepumpt und für eigene Zwecke benutzt haben, sie sei bei einem Heimataufenthalts in Usbekistan radikalisiert worden, ihr Mann habe sie betrogen, Verwandte hätten ihr die Kinder weggenommen.

Es sind Versuche, das Unbegreifbare begreifbar zu machen. Gjultschechra B. hat seit drei Jahren in Moskau als Njanja gearbeitet. Die Eltern der kleinen Nastja waren nicht blauäugig, sie hatten über Monate Vertrauen gefasst zu der Frau, die sogar bei der Familie einzog. "Uns allen", sagt ein Freund der Familie, "schien es, sie habe Nastja lieb, wie ihr eigenes Kind."

Zum Autor
Benjamin Bidder

Benjamin Bidder ist Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Moskau.

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Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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