Offenbar psychisch kranke Täterin Kinderfrau nennt Rache für Syrien-Angriffe als Motiv

"Putin hat Blut vergossen": Die offenbar psychisch kranke Kinderfrau der getöteten Nastja hat im Verhör Russlands Luftangriffe in Syrien als Motiv genannt. Nun schlachten Populisten den Fall aus.

Blumen für die getötete Nastja in Moskau
AP

Blumen für die getötete Nastja in Moskau


Im Fall des am Montag getöteten und enthaupteten vierjährigen Mädchens gibt die mutmaßliche Täterin an, sie habe Russlands Luftangriffe in Syrien rächen wollen. "Ich habe Vergeltung geübt", sagte die Kinderfrau Gjultschechra B.

Sie war festgenommen worden, nachdem sie mit dem abgetrennten Kopf des Mädchens an einer Moskauer Metro-Station auftauchte, "Allah ist groß" rief und damit drohte, sich in die Luft zu sprengen. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen hatte B. das behinderte Mädchen Nastja getötet und dann Feuer in der Wohnung gelegt.

Russische Medien veröffentlichen Mitschnitte der Befragung. Darin gibt sie an, Russlands Luftangriffe in Syrien hätten sie zu der Tat bewegt. Auf die Frage, an wem sie sich habe rächen wollen, sagte Gjultschera B.: "An dem, der Blut vergossen hat. Wer hat Blut vergossen? Putin hat Blut vergossen. Seine Flugzeuge bomben. Wieso spricht niemand darüber? Sie (die Muslime Syriens, Anm. d. Redaktion) wollen doch auch leben." In Syrien gebe es kleine Kinder unter den Opfern. Ob sie deshalb das Moskauer Mädchen ermordet habe? "Ja, deshalb habe ich Rache geübt."

Tatverdächtige Gyulchehra B.
DPA

Tatverdächtige Gyulchehra B.

Bereits am Dienstag hatte B. Journalisten bei einem Gerichtstermin im vorübergehen erklärt, die Tat habe ihr "Allah befohlen". Russische Medien spekulieren darüber, gewaltbereite Islamisten könnten B. zu der Tat angestiftet haben. Sie war erst vor kurzem von einem Aufenthalt in ihrer Heimat Usbekistan zurück gekehrt.

Russlands Ermittlungskomitee dementiert allerdings Berichte, wonach sich auf dem Handy der Kinderfrau die Telefonnummern islamistischer Extremisten befunden hätten. "Das entspricht nicht der Realität", sagte Amtssprecher Wladimir Markin.

Inzwischen haben sich Gerüchte über eine mögliche psychische Erkrankung von B. bestätigt. Eine psychiatrische Einrichtung in B.s Heimatregion Samarkand bestätigte der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, B. sei seit 2003 wegen einer "akuten schizophrenen Störung" registriert. In ihrer Akte sei vermerkt, dass ihre Erkrankung zu einem "Verlust der Kontrolle über ihre eigenen Handlungen" führe.

Ein Sprecher des Kreml wies darauf hin, dass es sich anscheinend nicht um eine politisch motivierte Tat handele. "Ich bin kein Fachmann oder Richter, aber wir sprechen hier ganz offenkundig über eine Frau, die psychisch labil ist", sagte er. "Man sollte alle Äußerungen einer solch verwirrten Frau entsprechend einschätzen."

"Vergebt ihr, vergebt uns allen"

Russische Medien zitierten den in Usbekistan lebenden Vater von B.: Seine Tochter sei 2002 das erste Mal in Behandlung gewesen. Sie habe damals erstmals Stimmen gehört. Sie sei aber weder in die Moschee gegangen, noch habe sie den Koran gelesen. "Wir sind alle geschockt durch das, was sie getan hat. Vergebt ihr, vergebt uns allen, wenn man so etwas vergeben kann", so der Vater.

Der Vater von B. sagte dem russischen Internet-Portal "Gaseta.ru", er habe seine Tochter davon abhalten wollen, wieder nach Moskau zu reisen. B. habe ihm aber oft ein Foto von Nastja gezeigt und "gesagt, sie vermisse das Mädchen. Am 23. Januar ist sie nach Moskau geflogen". Sie sei zuvor nach Usbekistan gereist, um einen neuen Pass zu beantragen.

B.s Ehemann soll sich im Jahr 2002 von ihr getrennt haben, nach ihrer ersten Einweisung in eine Psychiatrie. "Sie hat angefangen, merkwürdige Dinge zu sagen", berichtet der Vater. "Sie hörte Stimmen, wurde aggressiv. Plötzlich hat sie das Gedächtnis verloren. Ich habe sie beruhigt, aber sie sagte wiederholt zu mir: Ich fürchte mich, Papa".

In Russland befeuert der Fall den Wahlkampf vor den Parlamentswahlen im September. Die Kommunistische Partei hat eine Kampagne für einen Einwanderungsstop begonnen. Das Logo der Partei-Website zeigt eine schwarz verschleierte Frau mit dem blutigen Kopf eines Kindes. Die Liberaldemokratische Partei des Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski fordert die Einführung der Todesstrafe für "Unmenschen" wie B.

beb/mxw/Reutrers



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