Skandal-Oligarch Polonski: "Wer keine Milliarde hat, soll sich verpissen"

Von , Moskau

Er prügelte sich in TV-Shows mit Rivalen, ist immer für einen flotten Spruch gut: Jetzt könnte der frühere Moskauer Baulöwe Sergej Polonski im Gefängnis landen. Er und seine Kumpel sperrten in Kambodscha eine Schiffsbesatzung erst ein und warfen sie dann über Bord.

Festgenommener Polonski in Kambodscha: Handgreiflichkeiten auf Ausflugsschiff Zur Großansicht
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Festgenommener Polonski in Kambodscha: Handgreiflichkeiten auf Ausflugsschiff

In besseren Tagen war Sergej Polonski einer der einflussreichsten Baulöwen der russischen Hauptstadt Moskau, ein Oligarch, Herr eines Milliarden Dollar schweren Imperiums und steter Quell zweifelhafter Lebensweisheiten. "Wer keine Milliarde Dollar hat, soll sich verpissen", lautet eine, "ein Mensch mit verminderter Emotionalität kann niemals Geniales schaffen" eine andere.

Polonski, Jahrgang 1972, brachte es laut Schätzungen des Moskauer Wirtschaftsmagazins "Finans" so zu einem Vermögen von 4,3 Milliarden Dollar, bevor die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise sein auf Pump gebautes Immobilienimperium zusammenfallen ließ wie ein Kartenhaus.

Polonskis überbordendes Temperament hat ihn nun in Haft gebracht. Kambodschanische Sicherheitskräfte nahmen ihn und zwei Begleiter fest, wegen einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit der einheimischen Besatzung eines Ausflugsschiffs.

Die Russen, von Moskaus Hauptstadtpresse süffisant "Piraten des Südchinesischen Meeres" tituliert, hatten das Schiff gechartert, um Silvester auf der Insel Koh Rong zu verbringen. Das für die Feierlichkeiten vorgesehene Feuerwerk zündeten sie allerdings nach Erkenntnissen der kambodschanischen Polizei bereits an Bord. Den protestierenden Kapitän sperrten die Passagiere zunächst samt Mannschaft in die Kajüte, später zwangen sie die Besatzung über Bord zu springen. Die angesehene Tageszeitung "Kommersant" berichtet, bei dem Zwischenfall habe auch ein "Aufguss aus halluzinogenen Pilzen" eine Rolle gespielt.

Paintball-Zielübungen auf Lenin-Büste

Polonski selbst stellt die Episode anders dar: Das Feiertagsfeuerwerk habe die Aufmerksamkeit von in der Nähe stationierten Militärs erregt. Die Soldaten hätten die Russen, die keine Reisepässe bei sich trugen, gewaltsam zu ihrem Stützpunkt transportiert und damit, so betont der Anwalt des Unternehmers, "eine heftige Reaktion des emotionalen Sergej Polonski provoziert". Bei einer Verurteilung drohen den Russen bis zu drei Jahren Gefängnis.

Sergej Polonski ist in der Moskauer Reichenszene eine schillernde Figur. Als Jungunternehmer, Ende der neunziger Jahre in Sankt Petersburg, schoss er zum Zeitvertreib aus Paintball-Gewehren auf eine weiße Leninbüste.

Von 2002 bis 2003 trainierte er im nahe Moskau gelegenen Sternenstädtchen, einem Ausbildungszentrum für russische Kosmonauten, für einen Ausflug auf die Internationale Raumstation ISS, konnte sich aber mit Russlands Raumfahrtagentur nicht über den Preis einigen. 2004 dann bot er 13 Millionen Dollar für den Flug, fiel aber bei der Medizinkommission durch, weil er mit 1,93 Meter und 103 Kilogramm zu groß und zu schwer war.

Nicht weniger extravagant als seine Hobbys war auch Polonskis Geschäftsgebaren. Im Jahr 2008 ließ er medienwirksam alle Faxgeräte in seinen Büros verschrotten. "Ich will nicht, dass Leute in meiner Firma veraltete Technologien benutzen", sagte er. Polonskis Mirax-Gruppe baute damals am Moskauer Federation-Tower. Der Wolkenkratzer, Europas höchstes Gebäude, fing im vergangenen Sommer Feuer.

Für den Rivalen "ein paar auf die Fresse"

Weil sich Zweifel an Polonskis geistiger Gesundheit mehrten präsentierte er 2010 Journalisten stolz Aufnahmen seines Gehirns, die er mit Tomografen hatte machen lassen.

Ein Jahr später dann drohte Polonski seinem Rivalen, dem Oligarchen Alexander Lebedew, vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens "ein paar auf die Fresse" an. Sein Kontrahent Lebedew, Eigentümer der Londoner Zeitungen "Evening Standard" und "The Independent", streckte Polonski daraufhin mit einem gezielten Fausthieb nieder. Er habe Polonski "neutralisiert", sagte er.

Ein Jahr nach dem Vorfall ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Lebedew, der offen Oppositionelle und die kreml-kritische Tageszeitung "Nowaja Gaseta" unterstützt. Lebedew drohen bis zu fünf Jahre Haft wegen "Rowdytums aus politischem Hass".

Polonskis eigene Schwierigkeiten konnte das nicht lindern. Vor der Finanzkrise hatte der Baulöwe noch getönt, er wolle eine "Krawatte fressen", sollten seine Immobilien nicht innerhalb von anderthalb Jahren 25 Prozent im Wert zulegen. Die weltweite Finanzkrise aber ließ die Wohnungspreise in Moskau dramatisch einbrechen. In einer Talkshow löste Polonski sein Versprechen ein und verspeiste ein Stück Krawatte.

Das Magazin "Finans" taxierte sein Vermögen zuletzt nur noch auf 70 Millionen Dollar. Die russische Hauptstadt hat Polonski vor Monaten verlassen, wohl auch, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte, wegen Polizistenbeleidigung. Nur ab und an meldete er sich noch über das Internet. Dann schickte der Mann, der noch vor einem Jahr behauptete, dass ihn seine Geschäftspartner "Guru" nennen, per Twitter oder Facebook Fotos in die Heimat. Sei zeigen einen lachenden Mann an Traumstränden, auf dem Arm ein zahmes Äffchen.

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