Moskaus angebliche Spionin Das Under-Cover-Girl

Manche nennen sie "Sexbombe", andere "außergewöhnlich" und "raffiniert": Anna Chapman, 28, ist das Gesicht des Spionageskandals in den USA. Amerikas Presse berauscht sich an Details aus dem Leben der angeblichen russischen Agentin - und verdrängt alle Ungereimtheiten der Affäre.

AP / Odnoklassniki

Von , Moskau


Amerikas Spionageabwehr schlägt Alarm: Dunkle Mächte machen sich in den USA zu schaffen, Diener finsterer Herrn, Späher des Kreml, ausgesandt, um die Geheimnisse der Vereinigten Staaten auszukundschaften. Ein Gegner, der unsichtbare Tinte und das Morsealphabet zur Übermittlung von Nachrichten benutzt, wie Teenager in der Schule. Der aber dennoch extrem gewieft ist, wie das FBI betont. Ein Feind, gerissen und gefährlich und so verdammt sexy.

Anna Chapman, 28, geschieden, Russin und seit Sonntag in Gewahrsam der US-Behörden, gibt dem Spionageskandal zwischen den USA und Russland ein Gesicht. "Heißblütige Augen, schmollende Lippen, lüsterne Blicke", dichtet schwülstig die ehrwürdige "Washington Post", immerhin die älteste Zeitung der Hauptstadt. Einst deckten ihre Reporter den Watergate-Skandal auf, jetzt huldigen sie der inhaftierten Rothaarigen und phantasieren von frostigen Nächten im "Kalten Krieg", aufgewärmt von der schönen Russin.

"Mata Hari" hat die US-Presse die mutmaßliche Spionin getauft, oder "Bombshell", Sexbombe. "Femme fatale", schlagzeilt die "New York Post" und druckt passend dazu Aufnahmen der Russin im roten Cocktailkleid. Die angeblich enttarnte Agentin, geboren als Anja Kuschtschenko im ukrainischen Charkow, ist jetzt alles, aber nicht mehr geheim. Ihr Bild ziert Titelseiten. Chapman ist das Undercover-Girl eines der größten Spionageskandale der vergangenen Jahre.

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USA: Verdächtige in der Vorstadt
Die Beweislage gegen Chapman sei "verheerend", sagt US-Staatsanwalt Michael Farbiarz. Sie habe "außergewöhnliches Training" genossen, sei eine "raffinierte Agentin Russlands". Am Sonntag wurde sie gemeinsam mit neun anderen mutmaßlichen Spionen gefasst. Dieser Zirkel aber, unkt Staatsanwalt Farbiarz, sei nur "die Spitze des Eisbergs".

Die Anklage beschreibt, wie sich Chapman im März mit ihrem Laptop in einen Barnes-&-Noble-Buchladen im West Village gesetzt habe. Ein "russischer Regierungsbeamter", der sie als Agentin in den USA betreut habe, habe sich derweil draußen positioniert, um über ein privates Wifi-Netzwerk Daten auszutauschen. Ein ähnlich konspiratives Treffen habe es in einem Starbucks im Theaterviertel gegeben.

Chapman lebt seit zwei Jahren in den USA. Sie hat eine schwindelerregende Karriere hinter sich: bei Banken, Investmentfirmen, Hedgefonds, in Moskau, London, New York. Es ist ein dicker Fisch, der ihnen da ins Netz gegangen ist, davon sind die US-Strafverfolgungsbehörden überzeugt. Chapman sei Top-Spionin, eine illegale Agentin mit falscher Identität, extrem schwer zu fassen. Im Fachjargon heißt das "deep cover".

Der "Daily Telegraph" berichtet, Chapman sei zwischen 2002 und 2006 mit einem britischen Psychologie-Studenten verheiratet gewesen, den sie in einem Nachtclub kennengelernt hätte. Weil sie ihrem Mann seinerzeit gesagt habe, ihr Vater sei ein hohes Tier beim KGB gewesen, habe nun der britische Inlandsgeheimdienst MI5 den Ex-Gatten vernommen.

"Klug und sympathisch"

In Moskau kennt Anna Chapman gleichwohl jeder. Die attraktive Frau ist seit Jahren Mitglied des russischen Bundes junger Unternehmer, der Verband steht der Putin-Partei Einiges Russland nahe. "Anna hat immer aktiv nach nützlichen Kontakten gesucht", so Verbandspräsident Dmitrij Porotschkin. "Vielleicht hat einer der Amerikaner das falsch verstanden und sie verpfiffen."

"Anna ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, klug, sympathisch, anregend im Gespräch", sagt auch Ilja Ponomarjow, Abgeordneter der Staatsduma, Russlands Parlament. Irgendwie sei ja auch "jeder Unternehmer ein Spion", so der Politiker, weil er "die Konkurrenz analysieren" müsse.

Mutter Irina Kuschtschenko, 52, appelliert an die Amerikaner, ihre Tochter freizulassen: "Ich bin mir sicher, dass sie unschuldig ist." Schulfreunde vermuten, Chapman sei "reingelegt worden". Und in Russlands quirliger Blogger-Szene fordern immer mehr "Freiheit für Anna Chapman".

Zweifel werden laut

Moskauer Geheimdienstveteranen streuen ebenfalls Zweifel an den Vorwürfen der Amerikaner. "Niemand schickt Illegale erst ins Land und dann die Instruktionen hinterher", so ein altgedienter KGB-Oberst. Moskau entsende "kampferprobte Profis, keine Dilettanten wie dieses Mädchen".

Tatsächlich tappten die Mitglieder des mutmaßlichen Spionagerings seltsam unbedarft in die Falle ihrer Jäger. Laut FBI vertraute sich Chapman offenherzig einem Fremden an: Roman, angeblich Mitarbeiter der russischen Botschaft, tatsächlich aber US-Agent. Statt sensible Informationen gemäß erprobter Praxis über Drittländer zu schleusen, dienten überlaufene Cafés mitten in den USA als Anlaufpunkte für die Zelle, deren Mitglieder sich untereinander kannten.

"Es ist ausgeschlossen, dass mehrere Illegale untereinander Kontakt pflegen", sagt der russische Geheimdienst-Insider. "Selbst im Zentrum gibt es in der Regel nur einen Führungsoffizier, der von dem Agenten weiß."

Konspiratives Verhalten

Chapman drohen jetzt fünf Jahre Haft. Die US-Behörden haben die Möglichkeit einer Freilassung gegen Zahlung einer Kaution ausgeschlossen. Sie habe sich "konspirativ" verhalten, um eine "Straftat gegen die Vereinigten Staaten zu begehen", so FBI-Agent Amit Kachhia-Patel. Er selbst habe beobachtet, wie Chapman ein Motorola-Handy und zwei Telefonkarten gekauft habe: "Auf Grundlage meiner Ausbildung und meiner Erfahrung weiß ich, dass beide dieser Karten benutzt werden können, um Auslandstelefonate zu tätigen." Weiterhin glaube er, dass "Anna Chapman eine Reihe von Geschäften betrat, um Verfolger oder Beobachter abzuschütteln".

Neben solchen banalen Beobachtungen enthält das FBI-Dossier zu Chapman auch falsche Behauptungen. Die 28-jährige Russin sei als Agentin erpicht gewesen, "sämtliche Verbindungen zu Russland zu verbergen".

Davon kann keine Rede sein: Chapman gehört ein kleines Maklerunternehmen, die Web-Seite ist russisch. Das Geld für ihr Business komme aus Moskau, verkündete sie auf Facebook. "Mein Projekt soll die Metropolen New York und Moskau verbinden", so Chapman via YouTube, auf Russisch wohlgemerkt.

Jetzt ist offen, wie der Spionagekrimi ausgeht. Moskau hat Hilfe für seine mutmaßlichen Spione versprochen, allesamt russische Staatsbürger. Vor allem das Timing der Festnahme gleich im Anschluss an einen Staatsbesuch von Präsident Dmitrij Medwedew in den USA erbost den Kreml. Der Augenblick sei "ja raffiniert gewählt", ätzte Außenminister Lawrow.

"Die ganze Show stinkt verdammt nach einer politischen Intrige", vermutet auch der Ex-KGB-Mann in Moskau. "Oder aber unsere Auslandsaufklärung ist in der Tat völlig degeneriert."

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
zakajew 02.07.2010
1. frage
Zitat von sysopManche nennen sie "Sexbombe", andere "außergewöhnlich" und "raffiniert": Anna Chapman, 28, ist das Gesicht des Spionageskandals in den USA. Amerikas Presse berauscht sich an Details aus dem Leben der angeblichen russischen Agentin - und verdrängt alle Ungereimtheiten der Affäre. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,704188,00.html
Was denn für Ungereimtheiten? Die von russischen Medien "aufgedeckten"? Die amerikanische Staatsanwaltschaft wird sich bestimmt nicht zum Gespött der Welt machen und Haftbefehl aufgrund unzureichender Beweislage erlassen. Plappert Spiegel Online jetzt schon die russische Propaganda nach?
Alzheimer, 02.07.2010
2. o.T.
Bei dieser Häufung von Merwürdigkeiten (dilettantische Nachrischtenübermittlung über WLAN, Untereinander-Kennen etc.) drängt sich der Verdacht auf, daß irgend etwas inszeniert worden ist, um von etwas anderem abzulenken...
Rawls 02.07.2010
3. Onkel
Der wichtigste Absatz in dem Artikel: Die Beweislage gegen Chapman sei "verheerend", sagt US-Staatsanwalt Michael Farbiarz. Sie habe "außergewöhnliches Training" genossen, sei eine "raffinierte Agentin Russlands". Am Sonntag wurde sie gemeinsam mit neun anderen mutmaßlichen Spionen gefasst. Dieser Zirkel aber, unkt Staatsanwalt Farbiarz, sei nur "die Spitze des Eisbergs". Uncle Sam, sei wachsam! Die Feinde der freien Welt regieren wieder in Rußland.
Martin Steffen 02.07.2010
4. der Wert guter Ausbildung
Aus dem Artikel: Nachdem der Abwehragent die Spionin beobachtet hatte wie sie ein Handy und zwei Telefonkarten gekauft hatte: "Auf Grundlage meiner Ausbildung und meiner Erfahrung weiß ich, dass beide dieser Karten benutzt werden können, um Auslandstelefonate zu tätigen." Gute Arbeit! Martin
Zylex 02.07.2010
5. Hihi
Danke für diesen Lacher: "Er selbst habe beobachtet, wie Chapman ein Motorola-Handy und zwei Telefonkarten gekauft habe: "Auf Grundlage meiner Ausbildung und meiner Erfahrung weiß ich, dass beide dieser Karten benutzt werden können, um Auslandstelefonate zu tätigen." WAHNSINN. Das stelle sich mal einer vor, die kauft ein Handy UND Simkarten, und dann braucht es einen erfahrenen und ausgebildeten Geheimdienstmann um zu realisieren, daß man damit ins Ausland telefonieren kann. Da lohnen sich doch die 700 Milliarden Jahresbudget fürs Militär mal richtig :)
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