Motassadeq-Prozess Hamburger Richter machen kurzen Prozess

Im Motassadeq-Verfahren dürfte schon am kommenden Montag das Urteil fallen. Dass sich der Terrorhelfer erstmals und sehr emotional gegen die Vorwürfe wehrte, wird ihm nicht helfen. Die Richter wissen schlicht nicht, was sie außer dem Strafmaß noch klären sollen.

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Hamburg - Vier Jahre lang hat Mounir al-Motassadeq konsequent geschwiegen in den vielen Prozessen gegen ihn. Seit er 2002 einmal kurz Stellung zu den Vorwürfen gegen ihn als Helfer der Todespiloten des 11. Septembers 2001 etwas gesagt hatte, war kein Wort mehr aus ihm heraus zu bekommen. Lediglich seine Personalien nickte er stets ab. Danach verfiel er in stoische Starre - egal ob vor den beiden Hamburger Kammern oder dem Bundesgerichtshof. Nur lächeln tat er ab und an.

Heute, es war exakt 14.07 Uhr, konnte und wollte er wohl nicht mehr. Als ihn der Richter fragte, ob er nicht auch mal etwas zu dem Verfahren sagen wolle, brach es aus ihm heraus. Kaum leuchtete das rote Licht an dem Mikrofon vor ihm, brüllte er los. "Ich habe viel zu sagen, doch mein Deutsch ist sehr einfach", rief er in den holzgetäfelten Verhandlungssaal des Hamburger Oberlandesgerichts (OLG). In den Stunden zuvor war auch ihm nicht entgangen, wie ernst es um seinen Fall stand.

Die Lage für den Marokkaner ist in der Tat aussichtslos. In Hamburg wird endgültig das letzte Mal über ihn verhandelt. Es ist keine Frage mehr, ob er ins Gefängnis muss - nur noch die Länge der Haftstrafe soll der zweite Strafsenat unter dem Vorsitz des Richters Carsten Beckmann klären. Dass Motassadeq zur Hamburger Zelle gehörte und den Todespiloten um Mohammed Atta bei ihrem teuflischen 9/11-Plan half, hat der Bundesgerichtshof bereits rechtskräftig festgestellt.

Es war nicht viel, was Motassadeq dazu zu sagen hatte, doch die ersten Äußerungen des Angeklagten seit den allerersten Prozesstagen überraschten das Gericht und die Zuschauer. "Alles hier sind nur Behauptungen und Schlussfolgerungen", rief er. Dann sah er sich im Saal um, schaute Richtern, Anklägern und Zuschauern in die Augen. "Kann irgendjemand hier im Saal bei Gott schwören, dass das Tatsachen sind", schrie er. "Die Wahrheit", setzte er nach, "wollen Sie doch gar nicht wissen".

"Ich kann schwören, ich bin unschuldig"

Dann wurde er noch lauter. "Ich schwöre bei Gott, dass ich nicht wusste, was sie vorhaben", kreischte er. So laut, dass sich die Stimme in den Lautsprechern überschlug. "Ich kann schwören, ich bin unschuldig", brüllte er. Ja, er sei in Afghanistan gewesen. Doch dass er bei 9/11 geholfen habe, seien "Phantasien". Dann wurde er plötzlich ruhig. Er weinte, schaltete das Mikro ab. Vier Minuten lang hatte sich Mounir al-Motassadeq verteidigt. Im Saal herrschte Schweigen.

So emotional die Rede des rechtskräftig verurteilten Gehilfen der 9/11-Terroristen auch war, so wenig wird es an dem Prozessverlauf ändern. Die Richter in Hamburg machten sehr deutlich, dass sie das Verfahren vermutlich schon am kommenden Montag mit einem Urteil abschließen wollen. Der Vorsitzende Richter erläuterte, die Linie des Bundesgerichtshofs sei "sehr klar". Das Gericht hatte die Schuld festgestellt und das Verfahren nur zur Bemessung der Strafe an die Elbe zurück verwiesen.

Ebenso deutlich wurde heute, dass die Beihilfe zum Mord am 11. September und die Mitgliedschaft in der Hamburger Zelle vermutlich mit nahezu 15 Jahren Haft geahndet werden. Es sei nur noch zu klären, ob Motassadeq nur für die Opfer der gekidnappten Flugzeuge oder auch für die Opfer am Boden bestraft werden müsse. "Hier ist erheblich was an Strafe zu erwarten", so der Richter. Den Anwälten von Motassadeq fiel dazu nichts mehr ein, wie gelähmt saßen sie auf ihren Stühlen.

Überraschte Verteidiger

Dass der letzte Prozess gegen ihren Mandanten so schnell gehen würde, hatten die Verteidiger wohl nicht erwartet. Zuvor hatten sie am Morgen noch versucht, das Verfahren mit Anträgen zu bremsen. Rechtsanwalt Ladislav Anisic rügte, der verhandelnde 7. Strafsenat sei allein für diesen Prozess eingerichtet worden. Solche Ausnahmegerichte verstießen aber gegen die Verfassung. Anisic trug sehr lange vor, doch schon die Mimik der Richter zeigte, wie chancenlos sein Antrag ist.

Verteidiger Udo Jacob wollte das Verfahren wegen seiner bereits eingereichten Beschwerde, die noch beim Bundesverfassungsgericht anhängig ist, vorläufig aussetzen. Auch dieser Antrag hat nach Ansicht von Beobachtern wenig Chancen auf Erfolg, jedoch entscheidet das Gericht am Montag erst formal über die Vorstöße der Juristen. Pauschal gab Richter Beckmann heute die Linie vor. Keiner der Anwälte habe "kluge Ideen präsentiert, was wir hier noch machen sollen".



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