Motassadeq-Urteil Höchststrafe und doch kein Schlussstrich

Im Turbo-Tempo hat das Hamburger Oberlandesgericht Terrorhelfer Motassadeq zur Höchststrafe von 15 Jahren verurteilt. Der letzte Prozesstag geriet zu einem juristischen Ringkampf und hollywoodreifen Spektakel zugleich. Vorbei ist das Verfahren damit keineswegs.

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Hamburg – Carsten Beckmann, Richter am Hamburger Oberlandesgericht, tat fast so, als ob er am Abend eine Lappalie zu verkünden hatte. Ziemlich spät, genauer gesagt 19.23 Uhr, war es geworden im historischen Saal am Oberlandesgericht. Doch Beckmann ließ sich von den vorangegangenen zehn Stunden Verhandlung nichts anmerken. "Tja", flötete er, "überraschend ist es ja nicht wirklich, was ich hier mitzuteilen habe".

Mounir al-Motassadeq am letzten Verhandlungstag: "Für Sie war es ein Spiel, Sie haben gewonnen"
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Mounir al-Motassadeq am letzten Verhandlungstag: "Für Sie war es ein Spiel, Sie haben gewonnen"

Dann verkündete er das Urteil seines dreiköpfigen Senats. 15 Jahre muss der Terrorhelfer Mounir al-Motassadeq in Haft. Schuldig ist er der Beihilfe am Mord der 246 Flugzeuginsassen, die am 11. September mit vier entführten Linienmaschinen in den Tod stürzten. Zudem sei der Marokkaner Mitglied in der Hamburger Zelle gewesen, juristisch einer terroristischen Vereinigung, aus der drei der bei den Anschlägen gestorbenen Piloten der Todes-Jets kamen. Genau denen half Motassadeq.

Beckmann hatte Recht, überraschend war das Urteil nicht. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte die Schuld des Marokkaners, der die Attentäter durch Verschleierung ihrer Pilotenausbildung und Geldüberweisungen unterstützte, schon festgestellt. Das Verfahren ging lediglich für die Zumessung der Strafe zurück nach Hamburg. "246 Leben auszulöschen oder dabei zu helfen, muss eine sehr hohe Strafe nach sich ziehen", begründete Richter Beckmann schließlich sein Urteil.

Nachtschicht für die Wachmannschaft

Das Tempo von Beckmann und seinen Senatskollegen verwunderte. Schon am ersten von fünf geplanten Verhandlungstagen sprach er von einem "schmalen Programm", kündigte gar für den zweiten Termin das Urteil an. Am Plan hielt er fest. Mehrere Anträge der Verteidigung, sichtlich nur zur Verzögerung gefertigt, arbeitete er solide ab. Als es später wurde, verdonnerte er die Wachleute zu einer Nachtschicht bis 20 Uhr. Das Urteil, so schien es, wollte er nicht aufschieben.

Gleichwohl geriet der heutige Prozesstag zu einer wahren Juristen-Schlacht. Den ganzen Vormittag lang stellte die Verteidigung in Serie Anträge, die dann zeitaufwendig abgelehnt werden mussten. Mal bezeichneten sie das Gericht als willkürlich zusammengesetzt, dann reichten sie einen Eilantrag beim Verfassungsgericht ein. Noch am Nachmittag dann wollten sie den Senat als befangen ablehnen, da er stets ihre Anträge ablehnte. Alles half nichts. Ab 16 Uhr begannen die Plädoyers.

Der letzte Verhandlungstag geriet spätestens jetzt zu einem emotionalen Schlagabtausch zwischen Opfer und Täter, den sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können. Mit Tränen in den Augen plädierte der Amerikaner Dominic Puopolo, dessen Mutter auf dem Flugzeugsitz 3J in dem von Mohammed Atta gesteuerten Jet ins World Trade Center raste, für die Höchststrafe.

"Sie können nach der Strafe wieder etwas aus ihrem Leben machen", rief er zu Motassadeq herüber, "meine Mutter kann es nicht". Es gehe ihm nicht um Rache, sondern nur um Gerechtigkeit.

"Für sie war alles ein Spiel, das sie gewonnen haben"

Mehrmals musste Puopolo, der den Prozess gegen Motassadeq jahrelang mitverfolgte, um Fassung ringen. Detailliert beschrieb er, wie der 11. September seine Familie zerstört habe. "Bis heute leiden wir an diesem Tag und werden es auch noch viele Jahre tun", sagte er, "und dieser Mann ist mit für diese Gefühle verantwortlich, auch wenn er nur indirekt an den Planungen beteiligt war".

Zum ersten Mal reagierte Motassadeq persönlich auf das 9/11-Opfer. "Herr Puopolo, ich verstehe Ihr Leid, ich spüre dasselbe", sagte er. "Mir wurde dasselbe Leid zugefügt, meine Zukunft ist ruiniert", stammelte er mit brechender Stimme. Dann griff er die Bundesanwaltschaft und ganz persönlich den Ankläger Walter Hemberger an. Dieser habe die Fakten verdreht, habe sich für die Wahrheit nie interessiert. "Für Sie war es wie ein Spiel, nun haben Sie gewonnen", sagte er mit erregter Stimme.

Wie zuvor aber vermied es Motassadeq, sich für das Geschehen am 11. September zu entschuldigen. Stattdessen beteuerte er seine Unschuld. Weder sei er "Statthalter" der Hamburger Zelle noch Gehilfe von Atta und Co. gewesen. Was er getan habe, sei für ihn "normal" gewesen. Nie habe er gewusst, was seine Freunde vorhatten oder planten. "Ich habe nie zu einer Gruppe gehört", sagte er, "auch wenn sich nun vieles logisch anhört." Dann brach er sein Statement plötzlich ab.

Fortsetzung schon angekündigt

An dem Urteil änderte die erste wirklich Auseinandersetzung mit den Vorwürfen nichts mehr. Viel früher hätte sich Motassadeq einlassen können, wenn er denn gewollt hätte, warf ihm der Bundesanwalt Hemberger vor. Seine Verteidiger beließen es schließlich dabei, gegen das bevorstehende Urteil zu protestieren. Forderungen stellten sie erst gar nicht mehr. "Für die Wahrheitsfindung", so Anwalt Udo Jacob, "interessiert sich hier ja eh niemand mehr".

So lang die Verhandlung heute und der jahrelange Prozess schließlich auch waren, so wenig ist der Fall Motassadeq mit dem Richterspruch zu Ende. Umgehend kündigte die Verteidigung Revision an. Zudem betreiben sie bereits eine Verfassungsbeschwerde gegen das vorangegangene Urteil des BGH. Beide Entscheidungen könnte an sich schon zu einer Neuauflage führen und erneut die Gerichte beschäftigen werden.

Selbst wenn die Beschwerden nicht klappen, wollen die Verteidiger nicht aufgeben. "Unser Mandant hat uns heute noch erklärt, dass er unschuldig ist", sagte der Anwalt Ladislav Anisic, "wir werden nicht ruhen." Folglich wollen die Juristen eine komplette Wiederaufnahme beantragen. Es gebe neue Zeugen, die vorher nicht zugänglich gewesen sind. Ob sie damit durchkommen, ist zweifelhaft. So recht scheint niemand sonst Interesse zu haben, das mühsam erreichte Urteil anzuzweifeln.

Der eine frei, der andere 15 Jahre in Haft

Auch wenn das Urteil Bestand hat, bleibt es ein zumindest seltsames Ergebnis der Aufarbeitung des 11. Septembers 2001. So viele Indizien auch gegen Motassadeq sprechen, so wenig wirkliche Beweise gibt es gegen ihn. Zudem entließ die deutsche Justiz den Freund von Motassadeq, seinen Landsmann Abdelghani Mzoudi, bei fast gleicher Beweislage in die Freiheit. Bei allen juristischen Feinheiten bleibt dies ein Makel, den kein Urteil aufheben kann. Es werden wohl immer Zweifel bleiben.

Richter Beckmann ließ sich von all diesen Problemen seine Laune nicht verderben. Wie so oft begann der letzte Satz in dem kurzen Verfahren mit einem lässigen "Tja". Dann verabschiedete er sich von den Prozessbeteiligten. "Ich weiß ja nicht, ob wir uns im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens hier noch mal wiedersehen", sagte Beckmann. Für den heute jedenfalls sei "erstmal Schluss". Zumindest mit dem "erstmal" dürfte er Recht behalten.



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