Von Marc Pitzke, New York
Es waren allzu bekannte Nachrichten, Bilder, Worte. "Bei einem Fall dieser Größenordnung, mit all den Opfern und Zeugen und all dem Chaos, wird es ein paar Tage dauern, das ganze Puzzle zusammenzusetzen", sagte Howard Jordan, Polizeichef im kalifornischen Oakland, einer Nachbarstadt von San Francisco.
Jordan trat am Montagabend vor die Presse, um eine traurige Pflicht zu erledigen, die vor ihm schon so viele andere erledigen mussten. Einen tödlichen Amoklauf hatte es gegeben, und er hatte erste, rudimentäre Informationen zu vermelden. Mindestens sieben Tote, drei Verletzte, ein mutmaßlicher Täter gefasst. "Es war ein sehr blutiger Schauplatz, und wir haben viele Indizien zu erfassen", sagte Howard. "Dies ist eine beispiellose Tragödie."
Schauplatz war die Oikos University, ein kleines, christliches College im Osten Oaklands, das hauptsächlich von Studenten koreanischer Abstammung besucht wird. Gegen 10.30 Uhr Ortszeit habe der Todesschütze nach Angaben der Polizei ein Klassenzimmer betreten und wahllos um sich geschossen.
Wie die "Oakland Tribune" unter Berufung auf Angehörige eines verletzten Opfers berichtete, war der Mann nach monatelanger Abwesenheit am Montag erstmals wieder in dem College erschienen. Er habe seine früheren Klassenkameraden aufgefordert, sich an einer Wand aufzustellen. Dann habe er eine Waffe gezogen. "Die Leute liefen los und er fing an zu schießen", sagte Gurpreet Sahota, dessen Schwägerin dem Bericht zufolge von einer Kugel am Arm getroffen wurde.
"Ich hörte Schüsse und eine Frau schreien: Jemand hat eine Waffe!", sagte die Studentin Deborah Lee dem Fernsehsender CNN. Sie habe fünf oder sechs Schüsse gehört. "Mein Lehrer rief: Lauft weg, lauft weg, und wir rannten alle nach draußen."
Tashi Wangchuk sagte, er habe zur gleichen Zeit einen Anruf seiner Frau Dechen bekommen, die an der Universität zur Krankenschwester ausgebildet wurde. "Hier ist eine Schießerei im Gange", habe sie geflüstert. "Jemand kam mit einer Waffe und begann, wahllos zu schießen." Der Täter habe durch die Tür ihres Klassenzimmers geschossen, in dem sie sich auf dem Boden verkrochen hatten.
Daraufhin vollzog sich ein in den USA fast schon eingespieltes Ritual: Ein Einsatzteam der Polizei rückte mit Panzerwagen an, das Viertel wurde evakuiert, die Schule abgeriegelt. Angehörige warteten hinter den Absperrungen ängstlich auf Neuigkeiten. Notarztwagen fuhren vor. Ein lokaler TV-Sender übertrug Luftbilder, auf denen vier Leichen zu sehen waren, die unter Tüchern auf der Straße lagen.
Die Polizei identifizierte ihn als One G., einen 43-jährigen Mann koreanischer Herkunft, der früher an dem College studiert habe. Fahndungsaufrufe hatten ihn als "stämmigen Asiaten" beschrieben, der Khaki getragen habe. Sonst wurde über ihn nichts bekannt - weder ein Motiv noch weitere Hintergründe.
Und so blieb den Politikern zunächst nichts übrig, als ihrer Erschütterung Ausdruck zu verleihen und Amerikas laxe Waffengesetze zu kritisieren. Oaklands Bürgermeisterin Jean Quan, die chinesische Vorfahren hat, sagte, die meisten Opfer seien koreanischer Abstammung.
"Wir scheinen uns im letzten Jahrzehnt an solche sinnlosen Massentötungen gewöhnt zu haben", sagte Quan. Die leichte Verfügbarkeit von Waffen müsste hinterfragt werden. "Es sind einfach zu viele Waffen in den Händen von Leuten, die sich nicht scheuen, sie zu nutzen", klagte Oaklands Stadtratspräsident Larry Reid.
Die Oikos University rühmt sich ihrer "christlichen Werte". Sie ist mit der koreanischen Praise to God Korean Church affiliiert und bietet unter anderem Kurse in Krankenpflege, Englisch und Bibellehre.
Der Amoklauf trifft die USA zu einer sensiblen Zeit: Er fällt mitten in die hitzige Debatte um die tödlichen Schüsse eines selbsternannten "Nachbarschaftswächters" auf den schwarzen Teenager Trayvon Martin. Während der Fall Martin einen bis heute latenten Rassismus hervorgekehrt hat, gab es bei der Schießerei von Oakland vorerst nicht genug Informationen, um Motiv, Kontext und Folgen zu verstehen.
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