Chaos in München zum Ferienbeginn Wie ein fehlendes Plastiktütchen den Flughafen lahmlegte

200 Flüge wurden gestrichen, Dutzende hatten Verspätung: Am Münchner Flughafen war das Terminal 2 gesperrt, sieben Stunden lang starteten keine Flugzeuge. Die Verursacherin hat davon vermutlich gar nichts mitbekommen.


Menschen stehen, sitzen und liegen vor Check-in-Schaltern. Per Lautsprecherdurchsage werden sie aufgerufen, Ruhe zu bewahren. Viele fächern sich mit ihren Flugtickets Luft ins Gesicht, einige schimpfen. Eine erboste Frau schreit einen Flughafenmitarbeiter an: "Wo ist das Problem? Wo ist das Problem?" Die Antwort: "Weiß nicht."

Tausende Urlauber sind am Samstagmorgen in München gestrandet. Fünf Stunden lang ist das Terminal 2 gesperrt, weil eine Frau unkontrolliert in den Sicherheitsbereich gelangt war. Knapp 200 Flüge müssen gestrichen werden. Bei rund 60 weiteren kommt es zu Verspätungen von mehr als einer halben Stunde.

Nach der Frau wurde bis zum frühen Abend gefahndet, mit einem Foto aus der Überwachungskamera. Mittlerweile konnte die etwa 40-Jährige identifiziert werden, festgenommen wurde sie nicht. Eine durch sie ausgehende "extreme Gefährdung" hatte die Polizei schon zuvor ausgeschlossen.

Wahrscheinlich habe die Frau von dem ganzen Wirbel gar nichts mitbekommen, heißt es vom Bayerischen Rundfunk (BR), der das Geschehen wie folgt rekonstruiert:

Die Frau sei zunächst vom Sicherheitspersonal aufgehalten worden, weil sie Flüssigkeiten in ihrem Handgepäck nicht ordnungsgemäß in 100-Milliliter-Fläschchen in einem Plastikbeutel verpackt hatte. Man habe sie zurückgeschickt, um sich einen solchen Beutel für die Flüssigkeiten zu besorgen. Aufnahmen der Überwachungskamera zeigten dann, wie die Frau kurz darauf ohne ihr Handgepäck wiederkam - und durch eine noch nicht einsatzbereite Kontrollstelle durchlief. Wahrscheinlich hatte sie das Gepäckstück mit den Flüssigkeiten aufgegeben.

Die Regierung von Oberbayern, die für die Personenkontrollen am Flughafen verantwortlich ist, bestätigt die Darstellung des BR: Die Frau habe zunächst ordnungsgemäß einen Bodyscanner passiert, sei dann aber wieder zurückgegangen, nachdem ihr Handgepäck beanstandet worden war.

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Flughafen: Menschen. Massen. München.

Entgegen klarer Anweisungen löste das Sicherheitspersonal zunächst keinen Alarm aus. Erst nachdem die Aufsichtsbehörde, das Luftamt Südbayern, über den Vorfall Kenntnis bekam, wurde die Bundespolizei informiert. Diese wiederum ordnete die Räumung von Terminal 2 und dem dazugehörigen Satelliten-Terminal an. Daraufhin brach am Flughafen Chaos aus.

In Lautsprecherdurchsagen war zunächst nur von einem Polizeieinsatz die Rede, Unsicherheit machte sich breit. Das Internet sei überlastet gewesen, an Informationen sei man nicht gekommen, berichtete Stefanie Fach, die mit ihren Kindern nach Irland wollte, in der überhitzten Abflughalle Reportern der Nachrichtenagentur dpa.

Feuerwehr stellt Großlüfter auf

Eine andere Frau sagte, sie warte mit ihren kleinen Kindern schon seit zwei Stunden auf Infos, wie es mit ihrem Flug in die Dominikanische Republik weitergehe. "Wir wissen nicht, was los ist. Informationen kommen viel zu spät", bestätigte auch Anthony Michaels-Moore, 61, der mit Frau und Kindern nach Albuquerque (USA) fliegen wollte.

Erst gegen Mittag hallten konkretere Durchsagen durch das Terminal: Die Polizei habe den Sicherheitsbereich der beiden Abflughallen wieder freigegeben, Flugzeuge sollten wieder starten dürfen.

Doch bis die vielen Tausend Fluggäste wieder durch den Sicherheitscheck sind, dauert es. Mitarbeiter des Flughafens drängen sich durch die Menge in der Warthalle und verteilen Wasser. Mit speziellen Großlüftern leitet die Flughafenfeuerwehr frische Luft in die Halle. Erst sieben Stunden nach dem ersten Alarm startet wieder ein Flieger vom Terminal 2.

Der Flug von Familie Fach nach Irland wurde gestrichen. Wann und wo es wie weitergeht - davon haben sie am frühen Nachmittag immer noch keine Ahnung. Die Großeltern aus Rosenheim sind mittlerweile zum Flughafen gekommen und kümmern sich um die Kinder. "Am Ende müssen sie uns wieder mit heim nehmen", sagt Stefanie Fach enttäuscht.

vet/dpa



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