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Auftragsmord nach 31 Jahren in München vor Gericht: Jugoslawische Staatsgeheimnisse

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Angeklagter Josip Perkovic: Bundesanwaltschaft wollte jahrelang seine Auslieferung Zur Großansicht
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Angeklagter Josip Perkovic: Bundesanwaltschaft wollte jahrelang seine Auslieferung

Eine Bluttat von 1983, Doppelagenten und Insiderwissen, das zur Gefahr werden kann: Wegen Beihilfe zum Mord stehen ab Freitag in München zwei jugoslawische Ex-Geheimdienstler vor Gericht. Die Wahrheitsfindung wird schwierig.

Berlin/München - Auf die Ankunft des Fluggasts Josip Perkovic hatten die Fahnder des bayerischen Landeskriminalamts fast zehn Jahre lang gewartet. Dann endlich, am 24. Januar, war es so weit: Um 14.45 Uhr setzte die Lufthansa-Maschine LH 1713 aus Zagreb zur Landung in München an. Auf dem Rollfeld warteten bereits schwer bewaffnete Elite-Polizisten, die Perkovic, 69, in Gewahrsam nahmen.

Die Festnahme des ehemaligen Geheimdienstoffiziers, der im sozialistischen Jugoslawien dem Zagreber Nachrichtendienst SDS gedient hatte, war der vorläufige Höhepunkt einer deutsch-kroatischen Staatsaffäre. Seit 2005 hatte die Karlsruher Bundesanwaltschaft gegen Perkovic ermittelt - und sich jahrelang um dessen Auslieferung bemüht. Gemeinsam mit einem anderen hohen Ex-Funktionär des SDS, Zdravko Mustac, wird Perkovic Beihilfe zum Mord vorgeworfen: 1983 sollen er und Mustac - der inzwischen ebenfalls in deutscher Untersuchungshaft sitzt - die Liquidierung eines kroatischen Dissidenten im bayerischen Wolfratshausen angeordnet haben.

24. Januar: Perkovic besteigt in Zagreb das Flugzeug nach München Zur Großansicht
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24. Januar: Perkovic besteigt in Zagreb das Flugzeug nach München

31 Jahre nach dem mutmaßlichen Mordauftrag muss sich das Duo nun vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten. Am Freitag beginnt der Prozess in Saal 101, bislang sind 50 Verhandlungstage angesetzt. Ob die jedoch reichen werden, ist ungewiss - denn die juristische Wahrheitsfindung dürfte schwierig werden. Während die Angeklagten die Vorwürfe bestreiten, stützt sich die Beweisführung der Bundesanwaltschaft hauptsächlich auf Indizien und Aussagen von Belastungszeugen mit teils bemerkenswerter Vergangenheit.

Gefährliches Insiderwissen

Die Richter des 7. Strafsenats werden tief eintauchen müssen in ein Milieu unter kroatischen Emigranten, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren von Agenten unterschiedlichster Geheimdienste, von klandestinen Zuträgern und offenbar auch von gedungenen Killern im Dienst der jugoslawischen Nomenklatura durchsetzt war. Mindestens 22 Exilkroaten, so die Bundesanwaltschaft, wurden zwischen 1970 und 1989 in Deutschland umgebracht; bei allen Tötungsdelikten liege ein "staatsterroristischer Hintergrund" nahe.

Die Bluttat, die jetzt in München zur Verhandlung steht, ist der Mord an Stjepan Durekovic. Am 28. Juli 1983 wurde der kroatische Dissident in einer zur Druckerei umfunktionierten Garage in Wolfratshausen durch drei Auftragskiller hingerichtet - angeblich auf Befehl der Geheimdienstoffiziere Mustac und Perkovic. Die bis heute unbekannten Attentäter hatten dem Oppositionellen im Dunkeln aufgelauert und ihn mit sechs Projektilen aus einer schallgedämpften Ceska-Pistole und einer Beretta niedergestreckt. Zusätzlich schlugen sie ihm - wahrscheinlich mit einer Art Haumesser - den Kopf ein.

Vor seinem gewaltsamen Ende zählte der 56-jährige Kroate zu den schärfsten Kritikern des Belgrader Regimes. Als ehemaliger Marketingdirektor des jugoslawischen Erdölkombinats INA pflegte Durekovic einst enge Kontakte in die politische und wirtschaftliche Spitze des sozialistischen Staats - und soll dabei brisantes Insiderwissen über hohe Funktionsträger erlangt haben. 1982 setzte sich der Ölmanager über Österreich in die Bundesrepublik ab, wo er fortan regimekritische Bücher publizieren wollte, darunter die Titel "Kommunismus - der große Betrug" und "Ich, Josip Broz Tito".

Dass Durekovic damit den Zorn der Belgrader Machthaber auf sich zog, war ihm selbst bewusst. "Sie werden uns jagen, bis sie uns getötet haben", sagte er im Dezember 1982 in einem Interview mit "Bild am Sonntag". "Der jugoslawische Geheimdienst ist hinter mir her, ich weiß zu viele Staatsgeheimnisse."

Eines dieser Geheimnisse soll dem Dissidenten schließlich zum Verhängnis geworden sein. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft hatte Durekovic detaillierte Kenntnisse über illegale Geschäfte, in die der Sohn eines hohen Funktionärs der Kommunistischen Partei Jugoslawiens verstrickt gewesen sei. Dessen Vater, so die Karlsruher Ankläger, habe deshalb die Liquidierung Durekovics initiiert. Mit der konkreten Vorbereitung des Mordanschlags habe die Partei laut Anklage eine "Abteilung für spezielle Aufgaben" betraut - eine Art Geheimdienst innerhalb des Geheimdienstes. Dem informellen Zirkel sollen die Angeklagten Mustac und Perkovic angehört haben.

Rabiate Informationsbeschaffung

Allerdings ist die Geschichte vom besorgten Funktionärs-Vater nicht das einzige Tatmotiv, das in Betracht kommt: So stießen die deutschen Fernsehjournalisten Philipp Grüll und Frank Hofmann bei monatelangen Recherchen für eine TV-Dokumentation auf einen brisanten Vermerk der Münchner Polizei. Demnach meldete sich am 25. Januar 1983, knapp sechs Monate vor dem Mord an Durekovic, ein Beamter des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Polizeidezernat 14 und teilte mit, dass "ein ehemaliger BND-Mitarbeiter gegenwärtig durch den jugoslawischen Geheimdienst ernsthaft gefährdet" sei. Der Name des Ex-Agenten: Stjepan Durekovic.

Von der Verbindung des späteren Mordopfers zum deutschen Auslandsnachrichtendienst findet sich in der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft jedoch kein Wort. Und Durekovic war anscheinend nicht der einzige Mitarbeiter eines deutschen Nachrichtendienstes in dem verworrenen Fall: Auch der wohl wichtigste Zeuge der Anklage, ein Kroate namens Vinko S., war dem hiesigen Sicherheitsapparat offenbar einst eifrig zu Diensten.

In dem Ermittlungsverfahren gegen Perkovic und Mustac versorgte der heute 71-Jährige die Fahnder seit 2007 immer wieder mit teils abenteuerlichen Geschichten über die jugoslawischen Geheimdienste, den Durekovic-Mord und dessen mutmaßliche Hintermänner. Bei seiner Informationsbeschaffung war der Zeuge S. jedoch mitunter nicht besonders wählerisch: 2009 entführte er einen der angeblichen Auftragskiller von Wolfratshausen, transportierte den Mann im Kofferraum von Schweden nach Bayern und übergab ihn dort der Polizei. Der vermeintliche Mörder musste jedoch bald wieder freigelassen werden, während Vinko S. wegen erpresserischen Menschenraubs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Zdravko Mustac: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an Stjepan Durekovic Zur Großansicht
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Zdravko Mustac: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an Stjepan Durekovic

Bemerkenswert ist auch die Vergangenheit des Zeugen. Anfang der Siebzigerjahre, so legt es ein Bericht der kroatischen Kommission für die Feststellung von Kriegs- und Nachkriegsopfern nahe, war Vinko S. für die Gegenseite aktiv - als Informant des Sicherheitsdienstes der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien.

Unter dem Decknamen "Miso" soll er damals auch einen kroatischen Oppositionellen ausgespäht haben, der im März 1972 ermordet in einem Hotelzimmer im badischen Wiesloch aufgefunden wurde. Für Vinko S. alias "Miso" interessierte sich in diesem Zusammenhang seinerzeit auch das Stuttgarter Landeskriminalamt. Doch bevor der Mann polizeilich vernommen werden konnte, tauchte plötzlich ein Beamter des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) in den Diensträumen des Stuttgarter Landeskriminalamts auf.

Die seltsame Rolle der Verfassungsschützer

"Der Herr des BfV Köln", so heißt es in einem Vermerk vom 8. August 1972, habe gebeten, die Vernehmung des Vinko S. "erst nach Rücksprache mit ihm durchzuführen, damit die Interessen des BfV gewährleistet" blieben. Zwischen der zuständigen Staatsanwaltschaft Heidelberg und dem BfV sei vereinbart worden, nach Abschluss der Ermittlungen zu "entscheiden, wie das Strafverfahren gegen S. durchzuführen sei". Der Verfassungsschutz, so steht es in dem Vermerk, habe für die Verteidigung von Vinko S. bereits einen Rechtsanwalt beauftragt.

Hatten die deutschen Sicherheitsbehörden Vinko S. damals - gar aus Gründen der Staatsräson - vor Strafverfolgung geschützt? Der seltsame Umgang der baden-württembergischen Rechtspflege mit dem mutmaßlichen Doppelagenten dürfte auch im aktuellen Prozess gegen Mustac und Perkovic für einige Fragen sorgen.

Allen voran die nach der Glaubwürdigkeit des Zeugen: Erst im Januar veröffentlichte eine kroatische Zeitung eine von Vinko S. unterschriebene "Erklärung", in der er sich selbst der Falschaussage bezichtigt. Auf Druck deutscher Behörden habe er Perkovic und Mustac vorsätzlich und falsch belastet. Doch nur wenige Wochen später widerrief S. diese Aussage. Gegenüber der Bundesanwaltschaft gab er nun an, keinesfalls unter Druck gesetzt worden zu sein - er bleibe bei seinen Aussagen zur Mordsache Durekovic.

Das Ringen um die Wahrheit machen solche Eskapaden nicht gerade leichter.

Immerhin können sich die Ankläger auf die Aussagen eines anderen wichtigen Zeugen stützen, der wegen des Durekovic-Mordes bereits rechtskräftig verurteilt ist. Krunoslav P. - der frühere Betreiber der Garagen-Druckerei, in der Durekovic 1983 erschossen wurde - hatte gegenüber den Ermittlern zugegeben, einst als Agent für Perkovic gearbeitet zu haben. Kurz vor dem Mord, so räumte er ein, habe er seinem damaligen Führungsoffizier Perkovic in Luxemburg einen Nachschlüssel für die Garage übergeben, den die Täter offenbar für den Anschlag nutzten.

Ob die Beweislage am Ende für eine Verurteilung Perkovics ausreicht, wird der Prozess zeigen. Sein Verteidiger, der Münchner Rechtsanwalt Richard Beyer, wollte sich vor Beginn der Hauptverhandlung nicht zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten äußern. Auch die Anwältin von Mustac, Daniela Dopf, lehnte eine Stellungnahme vor Prozessbeginn ab.

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