Mutmaßliche Mordversuche mit Insulin Tödliche Pflege

In mehreren Fällen soll ein Pfleger versucht haben, Patienten mit Insulin zu töten - mindestens ein Opfer starb. Die Dimension des Falls könnte deutlich größer sein.

Fahndungsfoto der Polizei
Polizeipräsidium München

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Die Ermittlungen hat der Verdächtige selbst angestoßen. Rosenmontag, im Februar 2018, wählt der 36-jährige Grzegorz Stanislaw Wolsztajn im Münchner Vorort Ottobrunn den Pflegenotruf. Denn der Rentner, den er betreut, liegt leblos im Bett.

Ein Arzt stellt später fest, dass mit der Leiche etwas nicht stimmt: Er bemerkt mehrere "fragliche" Einstichstellen, einen extrem niedrigen Blutzuckerwert, so meldet es die Polizei. Außerdem finden Ermittler heraus, dass gegen den Pfleger bereits mehrfach ermittelt wurde, etwa wegen gefährlicher Körperverletzung eines Rentners, den er betreute.

Mittlerweile sitzt Wolsztajn in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Er soll dem 87-Jährigen das blutzuckersenkende Hormon Insulin gespritzt und ihn so getötet haben. Schwere Unterzuckerung kann zum Tod führen, wenn sie nicht behandelt wird. Der Verdacht der Ermittler hat sich inzwischen noch deutlich ausgeweitet: Tötete Wolsztajn möglicherweise mehrfach wehrlose Personen, die er eigentlich pflegen sollte?

Was ist über den Verdächtigen bekannt? Wie viele Personen hat er betreut? Und warum wendete sich die Polizei an die Öffentlichkeit? Der Überblick.

Welche Tat soll der Verdächtige begangen haben?

Die Staatsanwaltschaft München wirft Wolsztajn im Ottobrunner Fall Mord und Raub mit Todesfolge vor. Er soll dem 87-Jährigen nicht nur Insulin gespritzt, sondern ihm auch zwei EC-Karten, PIN-Mitteilungen und mehr als tausend Euro Bargeld abgenommen haben. Er habe heimtückisch gehandelt; auch finanzielle Interessen spielten laut Staatsanwaltschaft bei der Tat eine Rolle.

Wolsztajn hat laut Polizei eingeräumt, dem Senior die Spritze verabreicht zu haben, weitere Angaben dazu habe er aber nicht gemacht. Auch den Diebstahl hat er demnach gestanden. Er habe Geld und EC-Karte aus der Geldkassette des Mannes genommen.

Starben auch andere Menschen, die er betreute?

Mindestens drei Personen kamen ums Leben, während sie von dem Pfleger versorgt wurden.

  • Ein Rentner aus Mülheim an der Ruhr, den Wolsztajn im Mai 2017 betreute. Er kam laut Polizei mit einem niedrigen Blutzuckerwert ins Krankenhaus und konnte von den Ärzten gerettet werden. Doch im Juli 2017 starb er der Staatsanwaltschaft zufolge. Im Februar übernahmen die Münchner Ermittler den Fall von Kollegen aus Duisburg. Laut einer Sprecherin aus München hatte die Tochter des Toten Auffälligkeiten gemeldet. Man prüfe, ob der Pfleger hinter dem Tod stecke und ob es sich um versuchten oder vollendeten Mord handeln könnte.
  • Eine weitere Person starb nur wenige Tage nach Ankunft des 36-Jährigen. Unter welchen Umständen, ist allerdings noch unklar. Die Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft machte keine Angaben zu Ort oder Zeitpunkt des Falls; auch nicht zu dem Opfer. Sie argumentierte mit Datenschutzgründen: Es handle sich um eine sehr kleine Gemeinde.
  • Für den Tod eines Mannes aus Burg in Sachsen-Anhalt könnte ebenfalls der Pfleger verantwortlich sein. Dazu machte die Staatsanwältin ebenfalls keine Angaben, die Ermittlungen seien noch am Anfang.

Gibt es möglicherweise noch mehr Fälle?

Neben dem bereits genannten mutmaßlichen Opfer aus Mülheim mussten drei Menschen ins Krankenhaus, die der Pfleger zu Hause versorgte. Ihr Zustand war laut Polizei lebensbedrohlich. Alle litten demnach unter einem extrem niedrigen Blutzuckerwert, konnten aber gerettet werden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass auch in diesen Fällen möglicherweise Insulin gespritzt wurde und ermittelt wegen versuchten Mordes.

Die drei mutmaßlichen Opfer kommen aus Weilheim und Aresing in Bayern (Juni und August 2017) sowie Waiblingen in Baden-Württemberg (Dezember 2017).

Insgesamt sind den Ermittlern 20 Personen bekannt, um die sich der Verdächtige seit 2015 kümmerte, nicht immer gab es demnach Auffälligkeiten. Laut Staatsanwaltschaft litt keiner an Diabetes. Drei Personen soll der Pfleger bestohlen haben.

Was ist über die Arbeit des Mannes bekannt?

Angehörige beschreiben den Pfleger der Polizei zufolge als "aggressiv" und wenig engagiert. Er betreute seine Patienten demnach immer nur für kurze Zeit. Kam ein Vertrag zustande, zog er bei den Patienten ein, zur 24-Stunden-Pflege.

Meist sei der Vertrag vorzeitig beendet worden. Deutsche Agenturen vermittelten den Polen demnach an die Angehörigen der alten Menschen. Angestellt war er bei ausländischen Firmen, die ihn entsandten. Für diese sei er meist nur ein- bis zweimal tätig gewesen. Bei Vernehmungen habe er ausgesagt, seit 2008 als Pfleger zu arbeiten, seit 2012 immer wieder auch in Deutschland.

Medikamente durfte er nicht verabreichen. Dass er über Insulin verfüge, erklärte er laut Staatsanwaltschaft mit seiner Zuckerkrankheit.

Warum haben sich die Ermittler an die Öffentlichkeit gewandt?

Dass die Ermittler den vollen Namen des Verdächtigen nennen, ist ungewöhnlich. "Das greift stark in die Persönlichkeitsrechte ein", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Als letztes Mittel sei das aber unbedingt erforderlich. "Wir wollen ein Bewegungsbild des Beschuldigten. Wir wollen wissen, wo er sich aufgehalten hat." Die Polizei versucht auf diesem Wege, weitere Opfer zu finden. Denn der Verdächtige verweigert genaue Angaben zu Arbeitsstellen und Kunden.

Hat die Polizei bereits neue Erkenntnisse?

Die Münchner Polizei hat bislang 26 Hinweise aus der Bevölkerung bekommen. Darunter seien auch einige "interessante Meldungen", aus denen sich möglicherweise neue Vorwürfe ergeben, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Zudem gingen Informationen über acht konkrete Orte ein, an denen sich der 36-Jährige aufgehalten oder gearbeitet haben soll. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich um die Städte Berlin, Hannover und Forchheim sowie um Ortschaften in den Landkreisen Fürstenfeldbruck, Traunstein, Kitzingen (alle Bayern), Tuttlingen (Baden-Württemberg) und im Märkischen Kreis (Nordrhein-Westfalen).

Spielte der Fall Niels Högel bei den Ermittlungen eine Rolle?

"Natürlich kennen alle dieses Verfahren", sagt die Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft. Dennoch könne man deswegen keine Schablone über die neuen Ermittlungen legen; jeder Fall sei einzeln zu betrachten.

Außerdem wies sie auf die Unterschiede hin. Niels Högel wird vorgeworfen, mehr als hundert Menschen in Krankenhäusern umgebracht zu haben. Er hatte Intensivpatienten eigenmächtig verschiedene Medikamente verabreicht, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben.

Im neuen Fall handle es sich um eine Art "Haushaltshilfe", die bei den Menschen zu Hause tätig war - und nicht wie Högel in der überwachten Struktur eines Krankenhauses.

Mit Material von dpa



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