Urteil gegen Waffenhändler Philipp K. Ein Rassist, aber kein Mordhelfer

Philipp K. muss sieben Jahre in Haft, weil er dem Münchner Amokläufer die Tatwaffe verkaufte. Doch Beihilfe zum Mord sieht das Gericht nicht - zum Entsetzen der Hinterbliebenen.

Philipp K. mit seinen Anwälten David Mühlberger (2.v.r.) und Sascha Marks
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Philipp K. mit seinen Anwälten David Mühlberger (2.v.r.) und Sascha Marks

Von , München


Für zehn Tage war der Prozess zunächst angesetzt, bis zum Urteil wurden es schließlich mehr als doppelt so viele: Nun hat das Landgericht München I jenen Mann zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der dem Amokläufer von München dessen Tatwaffe verkauft hatte.

Erstmals muss sich damit ein Waffenhändler für eine mit der Waffe begangene Tat verantworten, ohne selbst beteiligt gewesen zu sein. Denn das Gericht verurteilte den 33-jährigen Philipp K. nicht nur wegen illegalen Waffenhandels, sondern auch wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung.

K. hatte dem 18-jährigen Amokläufer von München, David S., im Mai und Juni 2016 eine Pistole und mehrere Hundert Schuss Munition verkauft. Die beiden hatten über das Darknet, einen verborgenen Teil des Internets, zusammengefunden, wo Philipp K. unter dem Decknamen "rico" handelte. Im Mai und Juni 2016 trafen sich die beiden.

Am Abend des 22. Juli 2016 tötete S. am Olympia-Einkaufszentrum im Münchner Norden neun Menschen und sich selbst.

"Ich habe das nie gewollt", sagte Philipp K. in seinem Schlusswort. "Es tut mir wahnsinnig leid, was passiert ist."

"Überzeugter Anhänger des Führers und des Dritten Reiches"

Das Gericht habe prüfen müssen, ob der Angeklagte womöglich an dem Amoklauf beteiligt und mitverantwortlich sei, sagte der Vorsitzende Richter Frank Zimmer. Der gesamte Fall sei akribisch aufgearbeitet worden - nicht zuletzt, um einer Legendenbildung wie nach dem rechtsextremistischen und bis heute ungeklärten Oktoberfestattentat von 1980 entgegenzuwirken.

David S. sei der Mörder gewesen, sagte Richter Zimmer. "Genauso unzweifelhaft stammten die Munition und die Waffe von K., der eben nicht der Mörder ist." Dem Angeklagten sei eine Kenntnis von der geplanten Tat nicht nachzuweisen. "Es gibt keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass der Mörder, der ein verschlossener einsamer Mensch war, irgendwelche Dritte in die Tat eingeweiht hat." Damit hätte er womöglich seinen seit einem Jahr geplanten Amoklauf gefährdet.

Philipp K. sei "ein überzeugter Anhänger des Führers und des Dritten Reiches", sagte der Richter. "Ausländern gegenüber hat er sich äußerst abfällig geäußert, sie als Moslemratten bezeichnet und als dumme Türkenkinder - und ist deshalb ohne Zweifel als Rassist zu bezeichnen." Dennoch sei dies nicht in das Urteil eingeflossen, da die rechtsradikale Gesinnung nicht in Beziehung zu den Taten stehe. "Wir haben kein Gesinnungsstrafrecht. Bei uns gibt es keine Bestrafung der Weltanschauung."

Nebenkläger verlassen vor Urteil den Saal

Mit dem Urteil geht ein Verfahren zu Ende, das sehr kontrovers verlaufen war. Mehrfach hatten Angehörige der Opfer beziehungsweise deren Anwälte kritisiert, dass Staatsanwalt und Gericht sich gegenüber dem Händler zu weich verhalten würden. Am vorletzten Tag hatten mehrere Angehörige schluchzend und türenschlagend den Saal verlassen. In ihrem Schlusswort warf Yasemin Kilic, die Mutter des ermordeten 15-jährigen Selcuk, dem Staatsanwalt vor, er habe sich mit seiner milden Strafmaßforderung selbst zum Täter gemacht. Als das Urteil verkündet wurde, waren die Bänke der Nebenklage fast leer.

Der Vorwurf, den Nebenklage-Anwälte in mehreren Varianten vortrugen: Die deutsche Justiz sei auf dem rechten Auge blind. Sie sehe nicht, dass David S. am Münchner Olympia-Einkaufszentrum aus Fremdenhass getötet habe. Denn seine Opfer stammten aus Migrantenfamilien, wie auch der Deutsch-Iraner S. selbst. Opferanwalt Yavuz Narin warf dem Staatsanwalt sogar eine Täuschung der Öffentlichkeit und der Verfahrensbeteiligten vor und dem Gericht, die Opferfamilien zu "schikanieren".

Doch das Urteil des Gerichts und die vorausgegangene Verhandlung geben für solche Vorwürfe nur wenig Anlass. Denn der Prozess brachte auch hervor, dass S. aus einem Motivbündel zum Täter wurde.

Waffennarren und Rassisten

Detailliert hatten die Beteiligten Psyche und Gesinnung des Waffenhändlers und seines Kunden untersucht: Waffennarren und Rassisten alle beide, aber doch bei dem Verbrechen in grundverschiedenen Rollen. Die Nebenklage-Anwälte machten Händler K. zum Stellvertreter, hatten dessen Anwälte kritisiert.

"Die Gesinnung des Angeklagten ist unübersehbar", sagte etwa der Nebenklage-Vertreter Jochen Uher in seinem Plädoyer. Und, ganz so, also habe K. selbst geschossen: "Sie haben neun Menschen auf dem Gewissen, Herr Angeklagter."

Mehrere Nebenklage-Anwälte hatten gefordert, K. als Gehilfen zu verurteilen: Dieser habe geahnt, dass S. mit der gekauften Glock 17 und den mehreren Hundert Schuss Munition etwas Schlimmes vorhabe: "Du machst doch keinen Scheiß", soll K. laut einer Aussage von dessen Mithäftling zu S. gesagt haben. Ein weiteres Indiz: K. habe nach der Tat eine Terrorwarnung aus München auf seinem Handy wie eine Trophäe mit sich herumgetragen.

Richter Zimmer kritisierte die Anwälte der Nebenklage scharf. Diese hätten in dem Verfahren eine "Schlammschlacht" betrieben. Manipulativ seien Zeugenaussagen benutzt worden, um einen juristisch nicht belegbaren Vorwurf der Beihilfe zum Mord doch belegen zu können. Außerdem hätten die Nebenkläger "phantasievolle Verschwörungstheorien" in dem Prozess präsentiert, die "jeder Faktenbasis" entbehrten.

Was David S. und Philipp K. während ihrer Treffen besprachen, ließ sich nicht mehr genau klären. Beim zweiten Treffen soll S. davon gesprochen haben, dass er "Kanaken abknallen" wolle, aber das reichte dem Gericht für eine Verurteilung wegen Beihilfe nicht aus.

Yavuz Narin warf dem Richter vor, er habe "Respektlosigkeit und Pietätlosigkeit" gegenüber den Hinterbliebenen gezeigt. Narin und andere Nebenklage-Anwälte haben bereits angekündigt, in Revision zu gehen.

Mit Material von dpa und AFP

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