Münchner Amokläufer David S. Er nannte sich Hass

Nach Informationen von SPIEGEL TV spielte David S. intensiv Gewaltspiele im Internet. Er gab sich dabei Namen, die seine Bewunderung für Amokläufer widerspiegeln.

Screenshot Amateurvideo
Twitter/Marvin Stellwag

Screenshot Amateurvideo

Von Peter Hell, und


Als das Video auftauchte, wusste Marco*, 16, Bescheid: "Wir wussten sofort, dass er es ist." Auf dem Parkdeck in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums lieferte sich ein Bewaffneter ein Wortgefecht mit einem Anwohner. Es war David S., der sich selbst Ali und den Marco Ali Somebody nannte. Er brüllte: "Flamed mich nicht voll". "Das ist Gamer-Sprache, das sagte Ali oft, es heißt so viel wie 'heult nicht rum'", sagt Marco.

Marco lernte David S. vor zwei Jahren kennen, der war damals Mitglied im TeamSpeak-Chat der "Counter-Strike"-Clique von Marco geworden. SPIEGEL TV (heute, 22 Uhr, RTL) hat den Jugendlichen aus München getroffen, der regelmäßig mit David S. "Counter-Strike" spielte.

Niemand habe Ali so recht gemocht, erzählt Marco. "Ali war sehr einsam." Eingeladen zu der "Counter-Strike"-Clique wurde der spätere Amokläufer von einem Mitspieler, der mit David S. die Schule besuchte. Sein Kumpel habe ihn in die Gruppe eingeladen, weil Ali ihm leidgetan habe, sagt Marco. "Er hatte überhaupt niemanden in der Klasse, der sich mit ihm abgegeben hat."

Marco kannte Ali zunächst nur aus dem Netz. Später habe er ihn etwa zweimal getroffen, einmal davon zum Shoppen im Olympia-Einkaufszentrum. Marcos Clique und andere Jugendliche aus der Gegend hätten auch oft im McDonald's abgehangen, dort, wo David S. am Freitag seine ersten vier Opfer traf.

Fotostrecke

5  Bilder
Screenshots der "Counter-Strike"-Accounts: Münchner Schütze nannte sich Hass und Amoklauf

Ali sei in der Schule oft gehänselt worden. Seine "Sing-Sang-Stimme" habe alle genervt, er habe Namen immer "blöd ausgesprochen". Auch wegen seines "komischen Gangs" habe man sich lustig gemacht, er habe das linke Bein so merkwürdig aufgesetzt. "Als wir das erste Mal das Video gesehen haben, wie der Täter mit der Pistole aus dem McDonalds tritt, da wussten wir sofort, dass es der Ali ist. Wegen dem komischen Schritt, den er gemacht hat."

Zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte Marco den Eindruck, Ali sei "eigentlich ein netter Kerl", der aber "zunehmend komischer" wurde. Zunächst sei Ali ganz normal gewesen, sie hätten alle nur zocken wollen, und zwar dauernd, sobald die Schule aus war und dann stundenlang. Immer die neueste Version von "Counter-Strike".

Doch dann sei Ali in der "Counter-Strike"-Clique immer wieder durch fremdenfeindliche Äußerungen aufgefallen. Unter dem Namen "Amokläufer" habe er über Türken geschimpft und sich im Chat auch mit Leuten ausgetauscht, die gegen Juden hetzten. "Er war sehr nationalistisch", beschreibt Marco den späteren Attentäter.

Er habe ihn mehrmals angeschrieben und gefragt, warum er sich Namen wie "Amok" gab, doch Ali habe darauf nicht geantwortet. Unter dem Namen "Hass" postete David S. Botschaften wie "Tim K. ist unvergessen". Einer habe gefragt: Warum schreibst du so was? Alis Antwort: Tim K. sei eigentlich "ein guter Mensch". Der 16-jährige Marco sagt: "Ich wusste gar nicht, wer Tim K. ist."

Der 17-jährige Tim K. hatte am 11. März 2009 ein Massaker an seiner ehemaligen Schule im schwäbischen Winnenden angerichtet: Mit der Waffe seines Vaters erschoss er 15 Menschen. Nach einer Irrfahrt mit einer Geisel durch Stuttgart und Umgebung tötete er sich nach einer Schießerei mit der Polizei in Wendlingen selbst.

In der Gruppe, die regelmäßig zusammen spielte, wurde über Ali gerätselt, berichtet Marco: Warum postet er solche Äußerungen, warum spielt er so oft allein, warum gibt er sich so aggressiv?

Einmal, erzählt Marco, habe er Ali um Mitternacht im Spiel angetroffen, er sei ganz allein gewesen, habe aber trotzdem Hassbotschaften gepostet, das sei sehr seltsam gewesen. Er habe Tugce beschimpft, "Fuck Tugce", "Scheiß Tugce", "Warum mischt sich diese Missgeburt ein?", habe er geschrieben. Er habe Ali gefragt, warum er ein Mädchen beschimpft, das für seine Zivilcourage berühmt wurde. Ali habe nicht geantwortet.

Die Studentin Tugce Albayrak starb im November 2014 an den Folgen schwerer Kopfverletzungen, die sie auf dem Parkplatz eines Offenbacher Schnellrestaurants erlitten hatte. Ein junger Mann hatte sie nach üblen Beleidigungen zwischen einer Jungengruppe und einer Mädchenclique um Tugce zu Boden geschlagen.

Im Winter habe Ali plötzlich nicht mehr geantwortet, seine Profile aber auch nicht gelöscht. "Wir hatten Kontaktabbruch", sagt Marco. Es habe keinen Vorfall gegeben.

Eigentlich sei die Gruppe froh gewesen, als es keinen Kontakt mehr gab, sagt Marco, es habe keinen Spaß mehr gemacht, mit Ali zu spielen. Er habe seine eigenen Spielkameraden abgeschossen. "Das macht man nicht." Sie hätten ein wenig Angst vor ihm gehabt.

"Irgendwie haben wir mit dem gerechnet, was jetzt passiert ist. Aber wir hätten nicht gedacht, dass er sich eine Waffe beschaffen kann und dass er damit so umgeht, als hätte er das vorher geübt."

* Name geändert

Sehen Sie den Film im SPIEGEL-TV-Magazin
Sonntag, 24. Juli, um 22 Uhr auf RTL
  • Der Amoklauf von München

Die Video-Chronik: Die dramatischen Stunden von München



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.