Münchner U-Bahn-Schläger: "Ein paar Schläge - und ein Kick"

Von , München

Der Fall schreckte ganz Deutschland auf - und wurde von Wahlkämpfern ausgeschlachtet. Ein 17- und ein 20-Jähriger traten in einer Münchner U-Bahn-Station einen pensionierten Schulrektor fast tot. Jetzt steht das Duo vor Gericht: selbstbewusst, aber reumütig.

München - Nur keine Blöße geben: Serkan A. und Spyridon L. hätten ihr Gesicht verbergen können. Einer ihrer Verteidiger hatte extra ein Stück Pappe mitgebracht, hinter dem sie sich hätten verstecken können. Doch die beiden jungen Männer, die in der Öffentlichkeit den traurigen Ruhm der "U-Bahn-Schläger von München" erlangt haben, präsentierten sich den Fotografen erhobenen Hauptes - und in Handschellen.

Sie sind des gemeinschaftlich versuchten Mordes angeklagt, weil sie im U-Bahnhof Arabellapark einen 76-jährigen Münchner fast totgetreten und -geschlagen haben.

Spyridon L., ein dunkelblonder Grieche mit ausrasiertem Nacken, stellte sich den Blitzlichtern breitbeinig, anscheinend selbstbewusst. Man kann sich in diesem Moment gut vorstellen, wie er und sein Kumpel nach ihrer ersten Vernehmung den Mordermittlern kaltschnäuzig entgegenschleuderten: "War's das? Können wir jetzt gehen?"

Damals ahnten sie nicht, für welch deutschlandweite Aufregung das Verbrechen sorgen würde, das sie drei Tage zuvor begangen hatten. Es ereignete sich am 20. Dezember vergangenen Jahres kurz nach 22 Uhr. Hubert N., in anderen Zeitungen auch Bruno N. genannt, ist auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier. Der 76-Jährige steigt am Max-Weber-Platz in den letzten Waggon der U-Bahn-Linie 4 in Richtung Arabellapark.

Auch Serkan A. und Spyridon L. steigen in den Wagen, setzen sich dem Rentner gegenüber und rauchen. "In der U-Bahn wird nicht geraucht", sagt Hubert N. zu den beiden. "Das ist der einzige Satz, den ich sage", erinnerte er sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dass dieser Satz ihn fast das Leben kosten wird, ahnt der pensionierte Schulleiter nicht.

Spyridon L. brüllt "Scheiß Deutscher. Sau. Schwein" und bespuckt den Rentner. Hubert N. steht auf, setzt sich weg, vertieft sich in ein Sudoku-Rätsel. An der Endstation Arabellapark verlässt er vor den beiden Jugendlichen die Bahn.

Zweimal "kräftig und gezielt" ins Gesicht getreten

Im Zwischengeschoss attackieren sie laut Anklageschrift den völlig arglosen Hubert N. von hinten, stoßen ihn mit einem Schlag gegen den Kopf um. Serkan A. tritt auf den am Boden Liegenden mit voller Wucht ein, Spyridon L. schlägt ihm mindestens acht Mal mit der Faust ins Gesicht und auf den Oberkörper. Zweimal soll er dem wehrlosen Rentner "kräftig und gezielt" ins Gesicht getreten haben, bis er gar Anlauf nahm und "aus dem vollen Lauf heraus mit seinem beschuhten Fuß kraftvoll und mit voller Wucht nach Art eines Fußballers" auf den Kopf trat, konstatierte Staatsanwalt Laurent Lafleur nun vor Gericht.

"Obwohl sie erkannten, dass der Geschädigte schwer verletzt und regungslos am Boden lag, und sie damit rechneten, dass er an seinen Verletzungen ohne sofortige ärztliche Hilfe sterben könnte", ließen sie Hubert N. liegen - wie Abfall. Hubert N. hat einen dreifachen Schädelbruch. Eine Notoperation rettet ihm das Leben. Noch heute leidet er an den Folgen.

Wegen ihres Alters zur Tatzeit findet die Verhandlung vor der Jugendkammer des Landgerichts statt: Serkan A., heute 21, war damals 20 Jahre alt. Spyridon L. wurde erst vor drei Wochen, in der U-Haft in Stadelheim, 18. Aus strafrechtlicher Sicht gelten sie daher als Heranwachsender beziehungsweise Jugendlicher. Für Ersteren ist theoretisch eine lebenslange Haft möglich. In der Praxis jedoch wird bei Heranwachsenden meist das Jugendstrafrecht angewendet.

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