Amoktäter von Münster Wie Jens R. sein Leben entglitt

Der Amokfahrer von Münster hatte wohl schon als Kind Suizidgedanken. Jens R. flüchtete sich später in Verschwörungsideen - und zeigte nach SPIEGEL-Informationen seinen Vater an, als der ihm helfen wollte.

Wohngegend von Jens R. in Münster
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Wohngegend von Jens R. in Münster

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Zwei Tage sind seit der Amokfahrt des Jens R. in der Altstadt von Münster vergangen - und nur langsam wird klar, wie und warum es dazu kam. Offensichtlich war der 48-Jährige psychisch krank, sein geistiger Zustand verschlechterte sich zuletzt rapide.

Es bleiben aber Fragen: Hätten die Behörden schon früher von einer Gefahr für die Allgemeinheit ausgehen müssen - vor allem, nachdem R. mehrere Abhandlungen verfasst und Suizid-Ankündigungen an Bekannte geschickt hatte? Wer wusste wann was über den Gesundheitszustand und die offenbar große Verzweiflung des gebürtigen Sauerländers? Und hätte sich seine Amokfahrt verhindern lassen?

Mittlerweile gibt es erste Antworten auf einige Fragen: Aus persönlichen Gesprächen mit Menschen, die ihn näher kannten, und vertraulichen Dokumenten der Ermittlungsbehörden lässt sich das Psychogramm eines Mannes zeichnen, der nach etlichen Rückschlägen nicht mehr leben wollte - und sich von seiner Umwelt und seinem Umfeld immer mehr entfremdet hatte.

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Gedenken nach der Amokfahrt: So trauert Münster

Die Probleme beginnen Mitte der Siebzigerjahre im Sauerland, wo Jens R. im 15.000-Einwohner-Städtchen Olsberg geboren wird. Er erinnert sich später an äußerst schwierige Jahre. In einer etwa 70-seitigen E-Mail, die viele Jahre später Teil seiner Krankenakte beim sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Münster wird, schildert er, wie er bereits als Siebenjähriger Suizidgedanken hegte.

Eine zentrale Rolle spielen demnach seine Eltern. Schon als Kind habe er sich oft erniedrigt gefühlt, notierte R. Der Konflikt mit Vater und Mutter führt zu psychischen Problemen, mehrfach bricht R. den Kontakt zum Elternhaus ab.

Trotzdem, so scheint es, kommt R. mit seinem Leben zunächst einigermaßen zurecht. Er macht Abitur, zieht nach Münster, beginnt an der dortigen Fachhochschule ein Designstudium. 1998 gewinnt der Student auf einer Frankfurter Design-Messe mit Kommilitonen einen Preis für einen Spiegelschrank-Entwurf, ein halbes Jahr später begeistern R. und ein Kollege die Besucher einer Messe in Stuttgart mit einem transparenten PVC-Schlauch. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt einen jungen Mann mit raspelkurzem Haar und dunklem Bart. R. schaut selbstbewusst in die Kamera, wirkt zufrieden.

Nach dem Studium macht sich der junge Diplomdesigner selbstständig, gründet ein eigenes Büro in Münster, baut sich eine Existenz auf. Von festen Beziehungen oder einer Familie ist nichts bekannt, aber offenkundig findet Jens R. in diesen Jahren einen Lebensentwurf für sich. Was führt dazu, dass dieser schließlich kollabiert?

Offenbar ein Unfall in jenem Haus, in dem R. sich eine Dachgeschosswohnung ausgebaut haben soll. Nachbarn zufolge stürzt Jens R. eines Tages, vermutlich im Jahr 2015, im Treppenhaus. Den Schilderungen zufolge macht der Mitvierziger später eine im selben Haus lebende Familie für das Unglück verantwortlich, weil sie Gegenstände im Flur habe liegen lassen.

Im Video: "Er hat seinen Suizid angedroht"

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Bei dem Sturz verletzt sich R. an der Wirbelsäule, in einem Münsteraner Krankenhaus wird er 2015 operiert. Der Eingriff ist kein Erfolg. Der Patient erzählt später seinen Nachbarn, dass man ihn zum Krüppel operiert habe: Aus vertraulichen Dokumenten der Behörden geht nach SPIEGEL-Informationen hervor, dass Jens R. einem Arzt vorwirft, "ihm bei einer Wirbelsäulen-OP vorsätzlich zwei Wirbel verletzt zu haben".

Spätestens von diesem Zeitpunkt an, so wirkt es aus der Rückschau, verliert sich R. in Verschwörungstheorien. Er verfasst Pamphlet nach Traktat nach Lebensbeichte und verschickt die Dokumente an Behörden, Bekannte und Nachbarn. In einem der von den Ermittlern sichergestellten Schriftstücke, überschrieben mit der Frage "Warum?", beschuldigt R. gleich mehrere Personen aus seinem persönlichen Umfeld, gegen ihn zu intrigieren. Er leidet nun nicht nur körperlich, auch die Suizidgedanken kehren offenbar zurück. R. schreibt, jemand habe ihm eine scharfe Schusswaffe angeboten.

In der Folge spitzt sich die persönliche Krise des Jens R. zu: 2015 und 2016 lässt er sich mehrfach vom sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Münster beraten, zuletzt am 19. Dezember 2016 - dann bricht der Kontakt ab. Im selben Zeitraum flammt der familiäre Konflikt neu auf: R.s Vater meldet den Behörden nach SPIEGEL-Informationen, sein Sohn habe Suizidabsichten. Der zeigt seinen Vater daraufhin wegen Verleumdung an.

In den folgenden Jahren entgleitet R. sein Leben komplett. Laut Staatsanwaltschaft tritt er immer wieder polizeilich in Erscheinung - es geht um Sachbeschädigung, Betrug und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Zudem soll der Designer seine Eltern bedroht haben. Und auch im eigenen Viertel fällt er negativ auf.

Polizistinnen vor R.s Wohnung
Dario Ronge

Polizistinnen vor R.s Wohnung

Er tyrannisiert die gesamte Hausgemeinschaft, wie Nachbarn erzählen, mehrere Leute ziehen sogar aus. Einem Bekannten zufolge ist R. in den Monaten vor seiner Tat kaum noch zu Hause - und wenn doch, drängt sich der offenkundig psychisch schwer Erkrankte mit Monologen auf, in denen er seine Verschwörungstheorien ausbreitet. Ein Nachbar sagt: "Der Mann war wahrnehmungsgestört, der hatte Verfolgungswahn."

Unklar ist, ob R. sich in dieser Zeit in einer seiner beiden Wohnungen im sächsischen Pirna und Heidenau aufhält - und was er dort macht. Belege dafür, dass R. sich damals politisch radikalisiert hat, gibt es bislang nicht. Zwar lebt in dem Mehrfamilienhaus in Pirna, in dem auch R. eine Wohnung besaß, ein den Sicherheitsbehörden bekannter Neonazi. Doch ein Kontakt zu R. ist derzeit nicht bekannt.

In einer E-Mail an Bekannte schrieb R. nach SPIEGEL-Informationen allerdings, die Leute hielten ihn wahrscheinlich für rechtsradikal. Die Ermittler fanden jedoch bisher keine weiteren Hinweise auf eine entsprechende Gesinnung.

Erst im März, wenige Wochen vor der Amokfahrt, taucht R. wieder in Münster auf. Am 27. März geht er zum sozialpsychiatrischen Dienst, später heißt es dazu in einem Vermerk: "Zu diesem Zeitpunkt wurde keine Eigen- und Fremdgefährdung festgestellt." Suizidabsichten habe er nicht geäußert, halten die Mitarbeiter des Amts fest.

"Tür aufbrechen auf eigene Gefahr"

Zwei Tage später, am 29. März, schickt Jens R. eine E-Mail an Nachbarn und Verwandte, er kündigt darin seinen Selbstmord an. Einer der Empfänger, David E., der auch für den Ambulanten Sozialen Dienst des Landgerichts Münster arbeitet, leitet die E-Mail um 12.11 Uhr desselben Tages an die Feuerwehr weiter, die sie ihrerseits der Polizei schickt. David E. schreibt zudem Jens R. zurück: Er möge sich bitte Hilfe holen.

Exakt 40 Minuten nach Eingang der E-Mail stehen Polizisten vor R.s Wohnung im Bahnhofsviertel. Der Briefkasten quillt über, Klingeln und Klopfen ist zwecklos, an der Wohnungstür im Dachgeschoss hängt eine Notiz: "Ich bin unterwegs, Tür aufbrechen auf eigene Gefahr."

Die Polizei zieht unverrichteter Dinge wieder ab und wendet sich an die sächsischen Kollegen mit der Bitte, es an R.s Wohnungen in Heidenau und Pirna zu versuchen. Um 15.37 Uhr melden die Ermittler von dort, ebenfalls niemanden angetroffen zu haben - allerdings hätten sie an einem der fraglichen Häuser einen Wagen mit Münsteraner Kennzeichen gesehen.

Pirna, Münster, Berlin, Dresden

Rund 20 Minuten nach dieser Meldung aus Sachsen taucht R. am 29. März in Münster auf, erneut unangekündigt beim sozialpsychiatrischen Dienst. Er fragt nach einem bestimmten Mitarbeiter - und als er erfährt, dass dieser im Urlaub ist, übergibt er ein weiteres mehrseitiges Schreiben, Titel: "Lebensgeschichte".

Es vergehen fünf Tage, dann tritt R. noch einmal öffentlich in Erscheinung - in Berlin, wohl zum letzten Mal vor seiner Amokfahrt. In der Hauptstadt erstattet er an diesem 4. April um 16 Uhr Anzeige gegen mehrere Ärzte des Krankenhauses, in dem seine Operation am Rücken misslungen sein soll. "Gleichzeitig", so heißt es in einem Vermerk, "benannte er noch weitere Personen zu unterschiedlichen Sachverhalten, dies jedoch alles sehr konfus."

Die letzte seiner vielen Reisen tritt Jens R. am 7. April an, sie endet um 15.27 Uhr vor dem Restaurant Großer Kiepenkerl im Herzen Münsters. Es ist der Moment, in dem aus dem 48-Jährigen ein Amoktäter wird.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben im Text klargestellt, dass Jens R. in Olsberg zur Welt kam - einem Ort mit 15.000 Einwohnern im Sauerland.



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