Amoktäter von Münster Einzeltäter, Einzelgänger

Mit einem Campingvan hat Jens R. in Münster mehr als 20 Menschen verletzt und mehrere getötet. In der Nachbarschaft des 48-Jährigen erzählen manche von einer bedenklichen Vorgeschichte, Ermittler fanden eine Lebensbeichte des Täters.

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Aus Münster berichten und Claas Meyer-Heuer


Inge Müller wusste seit Langem, dass etwas nicht stimmte. Vor einigen Jahren habe Jens R. einen schweren Unfall gehabt, sagt sie, der Industriedesigner habe bei einem Sturz im Treppenhaus schwere Verletzungen davongetragen. Danach, so erzählt es die grauhaarige Dame an diesem sonnigen Morgen im Bahnhofsviertel, habe Jens R. sich verändert. Sehr stark verändert.

Gibt die Geschichte dieses Unfalls Antworten auf die Frage, warum R. am Samstag mit einem Kleinbus in der Altstadt von Münster in eine Menschenmenge fuhr? Warum er mehr als 20 Menschen zum Teil schwer verletzte, zwei weitere tötete, sich selbst schließlich erschoss? Inge Müller, die in Wahrheit anders heißt, kann nur mutmaßen - aber vieles spricht aus ihrer Sicht dafür.

In den Jahren nach dem Unfall habe R. das gesamte Haus tyrannisiert. Müller wohnt ein paar Häuser weiter, trotzdem habe sie von den Streitereien viel mitbekommen. R. habe sogar gegen seine Nachbarn prozessiert - eine Familie, die er für den Unfall verantwortlich gemacht habe, weil sie Gegenstände im Treppenhaus herumliegen lassen habe. Zuletzt habe R. immer häufiger Reisen gemacht, sei monatelang mit seinem Van fort gewesen.

Wo war er in diesen Monaten, wen traf er, was machte er?

Die Polizei hält sich bislang bedeckt mit Details über das Vorleben jenes Mannes, der hinter dem Amoklauf von Münster stehen soll. Um kurz nach zehn eilt Polizeisprecherin Angela Lüttmann zu dem Haus, in dem R. wohnte. "Sehen Sie mir nach, dass ich etwas übermüdet bin", sagt sie zu den umstehenden Reportern, "ich habe auch nur zwei Stunden geschlafen."

Polizeisprecherin Lüttmann
Dario Ronge

Polizeisprecherin Lüttmann

Dann berichtet sie, was sie berichten darf, sehr viel ist es nicht. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass es sich um einen terroristischen Anschlag handeln könnte", sagt sie. Klar ist laut Polizei hingegen: Der gebürtige Sauerländer R., der an der Fachhochschule Münster in den Neunzigern Design studierte und sich später selbstständig machte, war ein Einzeltäter. Ein Einzeltäter, der offenbar auch ein Einzelgänger war.

Später teilt die Polizei mit, man habe Hinweise darauf, "dass die Ursachen für die Ausführung der Tat in seiner Persönlichkeit begründet sind".

In der Straße, die auffällig trostlos und grau ist, kannten offenbar nur wenige Jens R. persönlich. "Im eigenen Haus kennt man sich schon", sagt etwa ein Mann mit Steppjacke und Brötchentüte, "aber ja nicht in der Nachbarschaft." Ein anderer, der seinen Hund Gassi führt, wird noch deutlicher: "Hier kennt sich doch keiner."

Eine ältere Dame mit grauem Haar und quietschbuntem Schal steigt auf der anderen Straßenseite aufs Fahrrad. Sie komme gerade zum ersten Mal seit der Tat wieder aus der Wohnung, sagt sie, "ich bin ziemlich geschockt".

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Sie stelle sich vor allem eine Frage: "Wie soll man so was verhindern? Ich kann mich ja nicht im Keller verbuddeln." Sie setzt den Fuß auf das rechte Pedal, zögert, dann sagt sie noch: "Ja, eine aufmerksame Nachbarschaft, das wäre natürlich wichtig."

Dabei gab es durchaus aufmerksame Nachbarn - Leute wie David E., der mit seiner Familie direkt unter der Eigentumswohnung von Jens R. wohnte. Der 33-Jährige, Wuschelhaar und Viertagebart, rollt um viertel vor elf auf einem minzgrünen Rennrad durch die Straße, eine Packung Windeln in der Hand. Er wolle eigentlich nur kurz sein Handyladekabel aus der Wohnung holen, sagt er. Aber dann bleibt er doch stehen und erzählt.

R. sei einer gewesen, "mit dem man echt zurechtkommt", ein netter Typ. "Aber ich habe auch schnell gemerkt, dass er wahrscheinlich eine Persönlichkeitsstörung hat, psychische Probleme." Der 48-Jährige sei völlig distanzlos gewesen, aufdringlich: "Ich habe mich nicht so viel mit ihm unterhalten. Er hat sich viel mit mir unterhalten." In endlosen Monologen habe R. dann etwa von Problemen in seiner Kindheit erzählt.

Von Kontakten in die rechte Szene wisse er hingegen nichts. "Ich habe ja auch einen türkischen Hintergrund, zu mir war er immer okay." R. war demnach nicht politisch, sondern schlichtweg krank - psychisch und physisch. "Er dachte", sagt E. über die Behandlung nach R.s Unfall, "dass man ihn zum Krüppel operiert habe, dass es sich um eine Verschwörung handele." E. ist sich sicher: "Der Mann war wahrnehmungsgestört, der hatte Verfolgungswahn."

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Spätestens seit Ende März war klar, dass es wohl noch deutlich schlechter um R. stand. E. berichtet von einer Mail, die sein Nachbar vor etwa zehn Tagen an mehrere Leute verschickt habe. Darin habe er angedroht, sich das Leben zu nehmen. "Ich habe die Polizei informiert und ihm zurückgeschrieben, dass er sich Hilfe holen soll", sagt der Familienvater.

Der Polizei mache er trotzdem keinen Vorwurf, er selbst hätte R. ja auch keinen Amoklauf zugetraut. "Wenn jemand seinen Suizidandroht", sagt E., "kann man nicht damit rechnen, dass er einen Anschlag begeht."

Später bestätigt die Polizei, dass sie sich mit der Mail befasst habe. "Aus dem Inhalt ergaben sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen."

Beamte suchten die Wohnung von Jens R. auf, trafen demnach jedoch niemanden an. Ebenso erging es Polizisten bei zwei weiteren Wohnanschriften von R. in Dresden und Pirna. "Weitere Erkenntnisse über den Verbleib des Täters konnten durch die Polizei bis zum Tatzeitpunkt nicht ermittelt werden."

Nach dem Amoklauf durchsuchte die Polizei nun auch die Wohnungen in Pirna und Dresden. Dabei entdeckten die Ermittler ein mehrseitiges Schreiben, eine Art Manifest, in der Jens R. nach Informationen des SPIEGEL sich selbst als verhaltensgestört beschreibt, von Zusammenbrüchen erzählt und auch die Operation erwähnt, von der die Nachbarn erzählten. Er macht Ärzten Vorwürfe, überhaupt beschuldigt er zahlreiche seiner Mitmenschen, ihn schlecht behandelt zu haben und für seinen Zustand verantwortlich zu sein. Aus Sicherheitskreisen verlautete, es handele sich um eine Lebensbeichte des Jens R. Auch "SZ" und "Bild" berichten über das Dokument.

Die Polizei teilte mit, die Auswertung der Durchsuchungsergebnisse dauere an, "doch das benötigt Zeit".

Mitarbeit: Jörg Diehl



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