Nach Todesfahrt von Münster Oberbürgermeister verteidigt seine Behörden

Die Amokfahrt von Jens R. in Münster war laut Oberbürgermeister Markus Lewe nicht vorhersehbar. Er nahm den psychiatrischen Dienst der Stadt in Schutz. Dieser habe keine Hinweise auf die Tat gehabt.

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe
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Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe


Münsters Behörden konnten aus Sicht von Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) im Vorfeld nicht erkennen, dass der 48-jährige Jens R. zu einer Gefahr für sich und andere Menschen werden würde. "Es gab keine Hinweise auf eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung", sagte Lewe bei einer Pressekonferenz vier Tage nach der tragischen Todesfahrt.

Jens R. war am Samstagnachmittag mit einem Campingbus in der Münsteraner Altstadt in eine Menschengruppe gerast, die vor einem Lokal saß. Zwei Menschen wurden getötet, 20 verletzt. Inzwischen wurde bekannt, dass insgesamt fünf von ihnen noch in Lebensgefahr sind. Drei werden im Münsteraner Uniklinikum behandelt, zwei weitere Opfer liegen mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Clemenshospital. Zunächst war nur von drei lebensgefährlich Verletzten die Rede gewesen. Unmittelbar nach der Todesfahrt nahm sich Jens R. selbst das Leben. Er erschoss sich in seinem Wagen.

Nach aktuellem Stand der Ermittlungen hatte sich ein solches Szenario Lewe zufolge in keiner Weise angekündigt. R. habe in den Jahren 2015 und 2016 "sporadisch Kontakt" zum psychiatrischen Dienst der Gesundheitsbehörde der Stadt gehabt, von Dezember 2016 bis zum März 2018 jedoch nicht mehr - bis vor wenigen Tagen, etwa eine Woche vor der Todesfahrt. (Lesen Sie die Chronologie dazu hier.)

Am 27. März dieses Jahr sei R. unangemeldet bei der Behörde erschienen und habe ein umfangreiches, selbst verfasstes Schreiben vorgelegt. Wenige Tage später habe der 48-Jährige den Text auch bei einer anderen Behördenstelle abgegeben. "Im Gespräch und aus dem Inhalt des Schreibens ergaben sich keinerlei Hinweise auf eine unmittelbar drohende Suizidgefahr oder Fremdgefährdung", sagte Lewe. "Deshalb konnten keine entsprechenden Hilfen getroffen werden."

Eine E-Mail, die der 48-jährige Mann aus Münster Ende März an einen größeren Bekanntenkreis geschrieben und in der er seinen Zustand beschrieben haben soll, habe den Behörden nicht vorgelegen.

Einer der Bekannten, die Jens R.s Mail erhielten, leitete diese allerdings an die Feuerwehr weiter, die sie wiederum an die Polizei schickte. Beamte sollen daraufhin versucht haben, mit dem 48-Jährigen zu sprechen - aber vergeblich. Sie trafen ihn in keiner seiner Wohnungen an. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Jens R. habe sich umbringen wollen

Münster: Kerzen und Blumen liegen am Tatort vor dem Kiepenkerl
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Das konkrete Motiv des 48-Jährigen ist aus Sicht von Polizei und Staatsanwaltschaft noch unklar. Wie aus einer gemeinsamen Mitteilung hervorgeht, steht für sie inzwischen jedoch fest, dass er sich umbringen wollte. "Nach der bisherigen Analyse und Auswertung der vorliegenden Dokumente, Spuren und Aussagen sind die Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte", sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt.

Bei der Durchsuchung der Wohnung des ledigen und kinderlosen Mannes sei ein über einen Balken gelegtes Hanfseil mit Henkersknoten gefunden worden. Das sei ein "eindeutiger Hinweis". Für die Suizidabsicht des Täters spreche auch die Tatsache, dass er sich unmittelbar nach dem Stillstand des Fahrzeugs erschoss. "Offensichtlich wollte sich der Täter nach der Todesfahrt direkt selber richten", sagte auch der Leiter der Ermittlungskommission, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll.

Ausdrücklich angekündigt hatte der 48-Jährige seinen Suizid allerdings nicht, wie auch aus der Mitteilung der Ermittler hervorgeht: "Die mehrfach wahllos an Dritte übersandten Nachrichten enthalten keine ausdrückliche Ankündigung einer Selbsttötung. Sie sind jedoch Ausdruck einer zumindest temporären, psychischen Labilität."

Insgesamt sind aus Sicht der Ermittler noch viele Fragen offen, zum Beispiel warum der Mann ausgerechnet den Vorplatz des Restaurants in der Innenstadt bei seiner Todesfahrt ansteuerte. Bislang habe man keine Beziehung des Täters zum Tatort herstellen können.

Die Ermittler versuchen außerdem herauszufinden, wie R. in den Besitz der Waffe gelangte, die im ehemaligen Jugoslawien hergestellt wurde. Dabei geht es auch darum, ob diese Waffe schon einmal im Zusammenhang mit einer Straftat zum Einsatz kam. Nach Informationen des NRW-Innenministeriums war der Täter, ein Industriedesigner, weder in Besitz eines Waffenscheins noch einer Waffenbesitzkarte.

fok/mit Material von dpa/AFP



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