Amokfahrt von Münster Oh, ein Kranker. Wohin jetzt mit dem Hass?

Auf jeden Anschlag eines islamistischen Terroristen folgt eine Debatte über Islam und Migration - warum folgt nach der Amokfahrt eines psychisch Kranken nun keine über Wahn und Isolation?

Gedenken am Tatort in Münster
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Gedenken am Tatort in Münster

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Tja, was nun? Da rast ein Mann mit seinem Kleinbus in eine friedlich in der Sonne sitzende Menschenmenge, tötet zwei Menschen, verletzt ein paar Dutzend weitere, erschießt sich schließlich selbst. Das ist fürchterlich - unabhängig davon, wo und warum das geschehen ist.

Unabhängig davon, wo und warum? Nicht wirklich: Jeder Anschlag eines islamistischen Terroristen führt zu einer hitzigen Debatte über muslimische Zuwanderer, über den Islam als Religion, über Leitkultur und Heimat. Ganz vorn dabei sind stets Vertreter jener Partei, die im Deutschen Bundestag rechts außen sitzt. Diesmal lagen sie auf groteske Art und Weise daneben.

Nicht Islam und Migration führten zur Todesfahrt des Westfalen Jens R., sondern psychische Probleme. Der 48-jährige Amoktäter, so viel ist inzwischen klar, litt seit Jahren unter seelischen Erkrankungen. Die logische Konsequenz wäre, dass Politiker und andere Tonangeber nun über Präventionen, Therapien und die Vereinsamung vieler Mitglieder unserer Gesellschaft diskutieren.

Falls Sie diese Debatte jetzt googeln wollen: Das wäre vergeblich.

Dabei müsste eine solche Diskussion seit Langem geführt werden - und selbstverständlich nicht nur deshalb, weil nun ein einzelner Kranker große mediale Aufmerksamkeit erfährt. Und natürlich darf es nicht darum gehen, psychisch kranke Menschen zu stigmatisieren - oder Verständnis für Gewalttäter mit solchen Erkrankungen zu wecken.

Hassen ist so schön einfach

Es geht darum, Verständnis für ein Problem zu entwickeln, dessen beängstigende Dimension sich am Beispiel der Volkskrankheit Depression zeigt: Weltweit leben der Weltgesundheitsorganisation zufolge mehr als 320 Millionen Menschen mit Depressionen, Tendenz steigend. Psychische Krankheiten sind ein Massenphänomen, auch in Deutschland - und darüber könnten, ja sollten wir diskutieren.

Das ist angesichts des Amoklaufs von Jens R. eine sehr heikle Aufgabe, die intellektuell und emotional herausfordert: Es ist schwierig, zwischen einer Tat und dem Täter zu differenzieren. Es ist schwierig, sich angesichts der trauernden und leidenden Betroffenen ausgerechnet mit den Problemen des Täters intensiv zu befassen. Es ist schwierig, auch nur in Betracht zu ziehen, dass ein Amoktäter womöglich selbst auch Opfer war. All das ist schwierig - zumal es eine sehr viel unkompliziertere Möglichkeit gibt, das Geschehen zu verarbeiten.

Mit Hass.

Es ist eben wunderbar einfach, andere Menschen für alles mögliche verantwortlich zu machen. Oder die Regierung, eine eingebildete zionistische Weltverschwörung, den Islam. Dass der Islam als Religion direkt für den Amoklauf von Münster verantwortlich sein soll, wird nun in rechten Zirkeln auch allen Ernstes diskutiert - weil Jens R. sich ja lediglich die Vorgehensweise islamistischer Attentäter abgeschaut habe. Das ist so grotesk, dass es fast tragikomisch ist.

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Gedenken nach der Amokfahrt: So trauert Münster

Diejenigen, denen dämmert, dass für die Amokfahrt von Münster am Ende womöglich schlichtweg ein psychisch Kranker verantwortlich ist, haben derweil andere Scheindebatten wiederentdeckt: Die einen fordern mehr Betonpoller in deutschen Innenstädten, die anderen mehr Polizisten und Verfassungsschützer.

Was bislang kein maßgeblicher Politiker fordert: mehr Kassensitze für Psychotherapeuten, eine Enttabuisierung psychischer Krankheiten oder einen aufmerksameren Umgang miteinander gerade in der Anonymität von Großstädten. Vielleicht, weil solche Forderungen weder Schlagzeilen bringen noch einen Feind definieren?

Ach ja, eine Gemeinsamkeit zwischen Muslimen und psychisch Kranken gibt es dann übrigens doch - beide dürfen nicht unter Kollektivverdacht gestellt werden: In Deutschland leben Millionen Muslime und Millionen Depressive. Aber nur sehr, sehr wenige dieser Menschen werden zu Gewalttätern.

insgesamt 29 Beiträge
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tsitsinotis 09.04.2018
1. Politiker können nur Sicherheit,
psychologische Zusammenhänge werden in unserer Zivilistion verachtet. -- Der Druck für mehr kassenärztliche Psychotherapeuten muss von der Öffentlichkeit ausgehen. -- Und vielen Dank, Herr Maxwill, für Ihren Kommentar.
trader_07 09.04.2018
2.
"Warum folgt nach der Amokfahrt eines psychisch Kranken nun keine über Wahn und Isolation?" Mit Themen wie Wahn und Isolation lassen sich Hass und Ängste nicht schüren. Insofern sind diese Themen uninteressant für unsere möchtegern-patriotischen "besorgten Bürger". Schließlich kann man Wahn und Isolation nicht an einer Sprache, einer Religion oder einer Hautfarbe festmachen.
MehrSeinalsSchein 09.04.2018
3. Die aktuelle Kommunikation kann man nicht mehr ernst nehmen!
Das gilt explizit für die Einen ebenso wie für die Anderen! Dass jemand krank ist, ist ein bedauernswertes Schicksal. Dass ein Kranker Amok laufen kann ist eine nachhaltig fundierte Erkenntnis! Den getöteten Unschuldigen kann es egal sein, warum sie jemand getötet hat - den überlebenden (Schwer-)verletzten bleibt der Trost, ihr bedauernswertes Schicksal zwar nicht dem Terror, aber einem anderen systemimmanenten Fehler unserer modernen, kalten und bzgl. des Schutzes der Bevölkerung schlecht aufgestellten Gesellschaft zu verdanken - was für ein Trost! Die gegenseitigen politischen Unzulänglichkeiten sollen nur von der Unfähigkeit der politischen Kaste ablenken! Mein Beileid ist bei den Angehörigen und mein Mitgefühl bei den Verletzten - ich wünsche ihnen von ganzem Herzen "Gute Besserung"!
skylarkin 09.04.2018
4.
Man weiß gar nicht wo man anfangen soll diesen unsinnigen Vergleich zu widerlegen. Der Islam ist keine Krankheit der man unschuldig ausgeliefert ist und es wurden auch nicht 100.000de zusätzliche Depressive ins Land gelassen und es gibt auch keine politisch/religiöse Organisation die darauf abzielt Depressive zu Amokfahrten zu animieren oder sich anderweitig incl.Unschuldiger umzubringen. Der Vergleich hinkt derartig, dass er kaum noch auf den Boden kommt. Richtig ist allein, dass die Rechten übertreiben und Depressiven zu wenig geholfen wird. Das ist aber zu wenig um die Vorwürfe, es gebe keinen vergleichbaren Aufschrei, plausibel zu machen.
zeichenkette 09.04.2018
5. Man darf sich natürlich schon fragen...
...ob sich in den Medien auch so viele Gedanken gemacht würde, wenn der Täter bei ansonsten gleichen Umständen zufällig Moslem gewesen wäre. Denn irgendwie irre waren viele der Attentäter. Wäre ich selber Moslem, fände ich das gerade nämlich sehr irritierend, dass sonst immer "Moslem" schon als Begründung ausreicht, während diesmal lange nach Gründen gesucht wird. Denn genauso wie dieser Kranke nicht zufällig auf die Idee gekommen ist, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu rasen, sind muslimische Kranke auch nicht vor solchen Einflüssen geschützt. Dass das in dem einen Fall immer sofort alle Moslems mitbetreffen soll, diesmal aber weder alle "Biodeutschen" noch alle psychisch Kranken, regt schon sehr zum Nachdenken an...
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