Prozess gegen früheren SS-Mann Greis vor der Jugendkammer

Als junger Mann bewachte Johann R. im KZ Stutthof die Gefangenen - und trug so laut Anklage zum organisierten Massenmord bei. Eine Holocaust-Überlebende hofft auf späte Gerechtigkeit für ihre ermordete Mutter.

Angeklagter Johann R. mit Verteidiger
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Angeklagter Johann R. mit Verteidiger

Von Wiebke Ramm, Münster


Judy Meisel will, dass die Richter wissen, was sie von dem Prozess gegen Johann R. erwartet. Vom Prozess gegen den Mann, der zwar einräumt, im KZ Stutthof bei Danzig als SS-Wachmann Dienst getan zu haben, aber von dem massenhaften Morden nichts mitbekommen haben will. Die 89-Jährige ist nicht selbst im Saal. Doch gleich am ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht Münster lässt Judy Meisel ihren Nebenklagevertreter Cornelius Nestler eine Erklärung vorlesen.

"Stutthof, das war der organisierte Massenmord durch die SS, ermöglicht mithilfe der Wachmänner", lässt Judy Meisel vortragen. "Der Angeklagte sorgte zusammen mit anderen Wachmännern dafür, dass keiner aus der Hölle entkommen konnte. Er sorgte dafür, dass meine Mutter ermordet werden konnte. Und fast hätte er auch erfolgreich dazu beigetragen, dass ich ermordet wurde." Für sie bedeute dieses Strafverfahren Gerechtigkeit, "und es bringt späte Gerechtigkeit für meine ermordete Mutter".

Judy Meisel hat das KZ Stutthof überlebt, sie hat den Holocaust überlebt. Ihre Mutter starb im November 1944 in der Gaskammer in Stutthof. Judy Meisel war damals 15 Jahre alt. Nun ist sie Nebenklägerin in einem der wohl letzten Prozesse um die Verbrechen der NS-Zeit. Die Reise aus ihrem Wohnort Minneapolis in den USA nach Münster ist der 89-Jährigen nicht mehr möglich.

Johann R. hört die Worte Meisels, vorgetragen von ihrem Vertreter, über Kopfhörer. Er ist wegen Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen angeklagt.

Nur ein Hauchen

Als R. am Morgen in einem Rollstuhl von einem Justizbeamten in den Saal geschoben wird, verstummen alle Gespräche. Jeder schaut auf den Greis mit Hut und Mantel, der unter großer Kraftanstrengung den linken Arm hebt, um die Fotografen abzuwehren. Mit zitternder Hand nimmt er auf der Anklagebank seinen Hut ab, setzt seine Brille auf. Sein Haar ist zerzaust. Die Antworten auf die Fragen des Gerichts zu seiner Person haucht er mehr, als dass er spricht.

Johann R. lebt im Kreis Borken im Westmünsterland. Er ist 1923 in Rumänien geboren, Vater von drei Kindern, geschieden. In gut zwei Wochen wird er 95. Dennoch wird vor der Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Richter Rainer Brackhane verhandelt, denn die Beihilfe zum Mord soll R. im Alter von 18 bis 20 Jahren begangen haben. Er gilt damit juristisch als ein Heranwachsender, der nach Jugendstrafrecht verurteilt werden kann.

Johann R. ist laut Anklage am 7. Juni 1942 ins KZ Stutthof versetzt worden. Dort soll er bis zum 1. September 1944 als Mitglied der 3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns für die Bewachung des Lagers und die Beaufsichtigung der Arbeitskommandos außerhalb des Lagers zuständig gewesen sein, zuletzt im Rang eines SS-Sturmmannes. Laut Anklage hat er durch seine Tätigkeit Beihilfe zum Mord geleistet.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel nennt unter anderem den Sommer 1944, als mehr als hundert polnische Häftlinge und mindestens 77 sowjetische Kriegsgefangene in Gaskammern starben. Hunderte Juden wurden in Stutthof mit Gas getötet oder von SS-Männern erschossen. Andere wurden zu Tode gehungert, erschlagen, in den Elektrozaun gejagt, ihnen wurde Benzin injiziert, sie erfroren.

Brendel zählt in der Anklage eine Grausamkeit nach der anderen auf. Judy Meisel spricht in ihrer Erklärung schlicht von "Hölle". Die Menschen im Saal können nur ahnen, welches Grauen sich hinter dem Wort verbirgt. Johann R. könnte es wissen.

Die Ankläger gehen nicht davon aus, dass er selbst gemordet hat. Doch durch seine Wachdienste habe er zum Funktionieren der Mordmaschinerie beigetragen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Johann R. wusste und wollte, was im KZ Stutthof geschah.

Und wieder wird es die Frage geben: Gehört ein bald 95-Jähriger noch auf die Anklagebank? Muss das sein? Die Antwort lautet: Ja. Mord verjährt nicht, Beihilfe zum Mord auch nicht.

"Man kann auch nach 70 Jahren Gerechtigkeit schaffen und ein Urteil finden. Man muss es machen", hatte in Lüneburg der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung gegen Oskar Gröning gesagt, den sogenannten Buchhalter von Auschwitz. Der damals 94-jährige Gröning wurde 2015 wegen Beihilfe zum Mord in Hunderttausenden Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil. Gröning starb, bevor er die Haft antreten musste. Drei Jahre nach dem Lüneburger Urteil gelten die Worte des Vorsitzenden Richters noch immer. "Man muss es machen."

"Unvorstellbare Verbrechen"

Wie Gröning hört und versteht auch Johann R., was vor Gericht passiert. Er ist verhandlungsfähig, wenn auch eingeschränkt. Maximal zwei Stunden am Tag und zwei Tage in der Woche wird in Münster verhandelt. Mehr lasse die Gesundheit des Angeklagten nicht zu, stellten Mediziner fest. Der erste Verhandlungstag endet nach einer Stunde.

Den 17 Überlebenden und Angehörigen aus Israel, Kanada und den USA, die Nebenkläger im Prozess sind und sich von elf Anwälten vertreten lassen, geht es nicht um eine möglichst hohe Strafe für den Angeklagten. Judy Meisel will, dass Johann R. dafür Verantwortung übernimmt, "dass er mitgeholfen hat bei diesem unvorstellbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dass er mitgeholfen hat, meine geliebte Mutter zu ermorden".

Die Verteidiger Andreas Tinkl und Jürgen Föcking haben eine Aussage ihres Mandanten angekündigt. Doch wann genau Johann R. über seine Zeit als SS-Mann im KZ Stutthof sprechen wird, ist unklar. Sie wollen erst ein rechtshistorisches Gutachten über die Zustände in Stutthof abwarten, das noch nicht vorliegt.

Der Prozess soll am Donnerstag fortgesetzt werden.

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