Vater über Amokfahrer von Münster "Er muss in seinem Kopf Höllenqualen erlebt haben"

In den Jahren vor Jens R.s Amokfahrt in Münster stellte seine Familie Veränderungen bei dem Mann fest. Sein Vater sagt, Jens R. habe "sich immer und überall verfolgt gefühlt" - und überall Feinde gesehen.

Tatort in Münster
ddp images/ Revierfoto

Tatort in Münster

Aus Madfeld berichtet


Madfeld im Sauerland: gut tausend Einwohner, ein Bäcker, eine Tankstelle, ein Sportplatz, ein Schützenverein. Der Bus in die nächstgrößere Stadt Brilon fährt nur einmal pro Stunde ab. Hier in Madfeld verbrachte Jens R., 48, der Amokfahrer von Münster, seine Kindheit und Jugend. Er ging in Brilon zur Schule, besuchte das Gymnasium Petrinum. Schon als Teenager soll Jens R. psychische Probleme gehabt haben. So schilderte er es selbst in einer 70-seitigen E-Mail, die Jahre später Teil seiner Krankenakte beim sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Münster wurde.

Jens R. gab in dem Schreiben an, schon als Siebenjähriger Suizidgedanken gehabt zu haben. Er habe massiv unter seinen Eltern gelitten, sie hätten ihn erniedrigt. Stimmt das?

Vor seinem Elternhaus in Madfeld hängen an diesem Montagvormittag bemalte Eier in einem Strauch, die Osterdekoration hat noch niemand weggeräumt. Franz R., der Vater von Jens R., geht an die Sprechanlage. Reinkommen dürfe man nicht, sagt Franz R., aber er sei bereit, ein paar Fragen zu beantworten. Am Ende dauert das Gespräch knapp 15 Minuten, Franz R. wirkt erschüttert, aber gefasst.

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Seine Frau und er seien "am Boden zerstört", sagt der Vater. Dass ihr Sohn zu so einer Tat fähig sei, hätten sie "niemals für möglich gehalten". Und dennoch, sagt Franz R., habe er zuletzt immer häufiger gespürt, dass sein Sohn große Probleme gehabt habe. Jens R. habe sich zunehmend seltsam verhalten, sagt der Vater.

"Mein Sohn hat eine schwere Nervenkrankheit gehabt", erzählt Franz R., "eine Art Schizophrenie, er litt unter Bewusstseinsveränderung und unter Verfolgungswahn. Er hat sich Dinge eingebildet, die überhaupt nicht stimmen, die keinen Sinn ergaben."

Schwere Kindheit? Erniedrigungen durch die Eltern? "Das Gegenteil davon ist wahr", sagt der Vater. Jens R. habe eine schöne Kindheit in Madfeld gehabt, alle im Dorf würden das wissen und bestätigen. Eine Nachbarin, die die Familie R. nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten kennt, sagt später, dass sie nie etwas von den vermeintlichen Spannungen zwischen dem Sohn und seinen Eltern mitbekommen habe. Jens R., erzählt die Frau, sei ein unauffälliger, glücklicher Junge gewesen.

Vor allem in den vergangenen drei Jahren habe sich sein Sohn stark verändert, sagt Franz R., überall habe Jens R. plötzlich Feinde gesehen. Den Kontakt zu den Eltern habe er nach und nach abgebrochen. "Er wollte sich abnabeln", erzählt der Vater. Jens R. soll zu seinen Eltern gesagt haben: "Ruft mich nicht mehr an, wenn es etwas zu besprechen gibt, rufe ich euch an. Und wenn ihr nichts von mir hört, könnt ihr davon ausgehen, dass es mir gut geht." Vor rund drei Monaten, sagt Franz R., habe er zuletzt mit seinem Sohn gesprochen.

"Er hat Menschen zu Unrecht bezichtigt"

Jens R. lebte in den vergangenen Jahren in einer Dachgeschosswohnung in Münster. Dort gab es oft Zoff. 2015 soll er in dem Wohnhaus gestürzt sein. Er soll später eine Nachbarsfamilie für den Unfall verantwortlich gemacht haben. Bei dem Sturz hatte sich Jens R. schwer verletzt, er musste sich daraufhin einer Wirbelsäulen-OP unterziehen. Dem behandelnden Arzt warf er danach vor, ihn vorsätzlich schlecht operiert zu haben.

"Er hat Menschen zu Unrecht bezichtigt", sagt sein Vater, "er behauptete, von dieser oder jener Person drangsaliert worden zu sein. Dabei hatte das mit der Realität überhaupt nichts zu tun. Er hat sich immer und überall verfolgt gefühlt." Aus diesem Grund habe Jens R. zuletzt nur noch in jenem Campingwagen gelebt, mit dem er am vergangenen Samstag die Amokfahrt beging. "Er war krank", sagt sein Vater, "er muss in seinem Kopf Höllenqualen erlebt haben."

Glaubt man den Schilderungen von Franz R., so war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn immer bestens. Streit habe es zwischen ihnen kaum gegeben. Im Gegenteil, sagt Franz R., der wie sein Sohn Designer von Beruf ist. Sie hätten öfters gemeinsam an Projekten gearbeitet, und zwar immer erfolgreich, erzählt der Vater.

Dieses Bild passt allerdings nicht dazu, dass Jens R. nach SPIEGEL-Informationen seinen Vater wegen Verleumdung anzeigte, nachdem dieser 2015 den Behörden gemeldet hatte, sein Sohn habe Suizidabsichten.

Franz R. sagt, er habe bemerkt, dass sein Sohn immer mehr in seiner eigenen Welt gelebt habe - und er habe versucht, Jens R. zu helfen. Vor rund einem Jahr habe er seinen Sohn auf dessen Probleme angesprochen. "Ich habe ihm angeboten, dass wir zusammen zu einem Psychologen gehen", sagt Franz R., "doch er wollte nicht, und ich konnte ihn auch nicht überreden, leider."

Mitarbeit: Jörg Diehl

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