Auto-Attacke in Münster Das Rätsel Jens R.

Der Designer Jens R. raste mit seinem VW-Bus in der Innenstadt von Münster in eine Menschenmenge. Warum tat er das? Die Polizei sucht nach einem Motiv.

Polizisten in Münster
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Das Gasthaus "Großer Kiepenkerl" ist eine Institution in Münster. Eigentlich ist es Münster im Kleinformat: gutbürgerlich, gediegen, westfälisch gelassen. Wenn man auf dem Platz vor dem Lokal sitzt, so wie viele Menschen an diesem ersten warmen Frühlingstag, kann man den Blick über das Kopfsteinpflaster und die prächtigen Fassaden der Altstadt schweifen lassen.

Es ist, als säße man in einer nahezu heilen Märklin-Welt. Doch in dieses Idyll kracht am Samstag um 15.27 Uhr ein grauer Kleinlaster - mit hoher Geschwindigkeit.

Den VW-Bus steuerte nach Erkenntnissen der Ermittler der 48-jährige Jens R., ein selbstständiger Industriedesigner, der nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt lebte. Er tötete mit seinem Auto zwei Menschen und verletzte zahlreiche weitere teilweise schwer. Dann richtete er laut Polizei eine Pistole gegen sich selbst und drückte ab. Der Wagen, mit dem die Tat begangen wurde, war auf R. zugelassen und brachte die Ermittler schließlich auf die entscheidende Spur.

Jens R. soll bereits einen Suizidversuch unternommen haben

Das Motiv für die Attacke ist bislang indes unklar: Nach SPIEGEL-Informationen war R. den Behörden nicht als Extremist bekannt. Allerdings soll er psychische Probleme gehabt und bereits einen Suizidversuch unternommen haben.

R. stammt ursprünglich aus dem Sauerland. In Münster lebte er zuletzt eher zurückgezogen. Nachbarn beschreiben ihn als merkwürdigen Charakter, er habe häufig Streit gesucht. Seine beruflichen Aktivitäten als Designer scheinen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen zu sein. Eine Zeit lang soll er sich in Ostdeutschland aufgehalten haben, ehe er wieder nach Münster zog. Der Polizei fiel er wegen Sachbeschädigung und Bedrohung in seinem persönlichen Umfeld auf. In seiner Wohnung fand die Polizei eine "Dekowaffe", eine unbrauchbar gemachte Maschinenpistole vom Typ AK 47.

Es spreche "im Moment nichts dafür, dass es irgendeinen islamistischen Hintergrund gibt", so der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU). Der Täter sei "nach jetzigem Stand der Ermittlungen ein deutscher Staatsbürger gewesen und nicht - wie überall behauptet wird - ein Flüchtling oder Ähnliches", sagte Reul.

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Auto fährt in Menschenmenge: Tote und Verletzte in Münster

Der NRW-Landesvorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Erich Rettinghaus, warb dafür, den Ermittler Zeit für ihre Arbeit zu geben. "Die Kollegen werden die Hintergründe dieser schrecklichen Tat aufklären." Es gebe noch viele Fragen, die beantwortet werden müssten. "Die wichtigste ist sicherlich die nach dem Auslöser dieses Wahnsinns", so Rettinghaus.

Die nordrhein-westfälischen Behörden hatten die Attacke zunächst wie einen Terroranschlag behandelt - und bundesweit entsprechende Notfallkonzepte ausgelöst. Polizeibehörden von Bund und Ländern überprüften unter anderem den Verbleib sogenannter Gefährder, denen entsprechende Anschläge jederzeit zugetraut werden. Die Bundespolizei bereitete sich derweil darauf vor, Grenzen abzuriegeln, um mögliche Mittäter an der Flucht ins Ausland zu hindern. Doch bislang deutet nichts darauf hin, dass es diese gab.

Selbst wenn Jens R. nicht aus einer ideologischen Gesinnung heraus tötete, sondern aus persönlicher Verzweiflung, könnte seine Tat dennoch von Hassbotschaften oder Terrorakten inspiriert worden sein. Die Ermittler werten daher nun die technischen Geräte aus, die sie in der Wohnung des Todesfahrers Jens R. sichergestellt haben.

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