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Muslimische Mädchengang: Mildernde Glaubensumstände

Die Innenstadt von Leicester in England: Eine Frauengang greift Rhea Page an, tritt sie, reißt ihr Haarbüschel aus. Doch das Urteil fällt milde aus - weil die Angreiferinnen getrunken hatten und als Musliminnen keinen Alkohol gewöhnt seien, so der Richter.

SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Die Straße ist menschenleer, der Bürgersteig breit und sauber, ein paar Bäume, Mülleimer, Bänke. Die Schaufenster der Geschäfte verströmen Licht. Ein wenig verschlafen wirkt die Innenstadt des englischen Leicester an diesem 18. Juni 2010, an dem Rhea Page und ihr Freund auf ein Taxi warten. Sie war nach ihrem Job noch ausgegangen, hatte später ihren Freund Lewis getroffen, ein paar Getränke, nichts Besonderes.

Während Rhea Page und Lewis Morre warten, kommen vier Frauen die Straße hinuntergelaufen, Anbaro Maxamed, ihre Schwestern Ayan und Hibo und ihre Cousine Ifrah Nur. Es sind schmale Gestalten, alles andere als bedrohlich. Zielstrebig hasten sie auf Page und ihren Freund zu, die Handtasche baumelt am Unterarm, bevor sie in den Kampf ziehen.

Die Überwachungskamera filmt Bilder eines Menschenknäuels, in sich verschlungen, Tritte, Schläge, ein Zerren, ein Schubsen, immer wieder fällt jemand zu Boden. An den Haaren wird Page geschleift, ein ganzes Büschel reißen ihr die Angreiferinnen aus. Ihr Freund versucht die vier Frauen abzuhalten. Vergeblich.

Page wird später erzählen, die aus Somalia stammenden Frauen hätten sie als "weiße Schlampe" bezeichnet. "Als ich mich umdrehte, griff eine von ihnen meine Haare, sie wickelte sie buchstäblich um ihre Finger und schmiss mich dann auf den Boden. Dann fingen sie an, mich zu treten", sagte Page dem "Telegraph". "Ich dachte, sie bringen mich um."

"Die Frauen waren Alkohol nicht gewöhnt"

Nun mussten sich die vier Frauen, zwei von ihnen sind Studentinnen, vor einem Gericht verantworten. In Großbritannien kann eine Körperverletzung mit fünf Jahren Haft geahndet werden. Doch Richter Robert Brown verhängte nur Bewährungsstrafen von sechs Monaten und Stunden gemeinnütziger Arbeit, denn, so seine Begründung, die vier Frauen hätten vor dem Angriff Alkohol getrunken - seien aber daran als Musliminnen nicht gewöhnt.

Der Richter folgte damit der Argumentation des Verteidigers von Ambaro Maxamed: "Die Frauen sind somalische Musliminnen, mit Alkohol und Drogen sind sie nicht vertraut." Der Angriff sei nur geschehen, weil die Frauen betrunken gewesen seien.

Der Fall ist mehr als die Geschichte eines nächtlichen Angriffs, wie er dutzendfach allabendlich in britischen Städten geschieht. An ihm entzündet sich eine Debatte über Recht und Gerechtigkeit, Nachsicht, das Verständnis von Integration. Rechte britische Gruppen überhöhen die Prügelei und das Urteil zu einem Angriff auf die britische Gesellschaft.

Rhea Page litt nach dem Überfall unter Panikattacken, Flashbacks, in Gedanken erlebt sie die Szenen immer wieder, den Angriff, die Schläge, die Tritte. Sie fehlte bei der Arbeit, schließlich verlor sie ihren Job als Pflegerin, noch immer besucht sie einen Therapeuten.

Bewährungsstrafe für die Angreiferinnen

"Ich glaube wirklich, dass sie mich nur angegriffen haben, weil ich weiß bin", sagte sie dem "Telegraph". "Einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen." Der Vorfall wurde von dem Gericht allerdings nicht als rassistische Tat eingestuft. Angreiferin Ifrah Nur sagte aus, es sei vielmehr Moore gewesen, der sie zuerst beleidigt habe. Die Staatsanwaltschaft wies diesen Einwand jedoch zurück.

"Die Tat war scheußlich und spricht gegen euch vier", sagte Richter Brown zu den vier Angreiferinnen. "Wer einen anderen zu Boden wirft und gegen den Kopf tritt, hat es verdient, hinter Gitter zu kommen. Aber ich werde die Strafe zur Bewährung aussetzen."

Die vier Angreiferinnen hätten sich möglicherweise auch durch Moore bedroht gefühlt, der versucht hatte, seine Freundin zu verteidigen. Gary Short, Anwalt von Angreiferin Ambaro Maxamed, sagte vor Gericht laut "Telegraph": "Auch wenn der Partner von Frau Page Gewalt angewendet hat, rechtfertigt das nicht das Verhalten der Frauen."

Der Vorfall wird derweil von der rechtsextremen English Defence League (EDL) instrumentalisiert. Sie will einen Marsch veranstalten, wie so oft. An einem Sonntag im Januar sollen die Menschen durch Leicester laufen, um gegen den "Rassismus gegen Weiße" zu protestieren. Unter dem Deckmantel der Vielfalt würden Weiße benachteiligt, so die Botschaft. Pages Fall scheint wie gemacht für die Interessen der Liga, die gegen Muslime hetzt, vor einer Unterwanderung Großbritanniens warnt. In Foren wird behauptet, der Vorfall zeige, dass die Rechte von Ausländern in Großbritannien eher geschützt würden als die von Einheimischen. Die Rechtssprechung sei "auf den Kopf gestellt worden".

han

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