Mutmaßlich entführte Vierjährige "Sie hat nicht nach ihren Eltern gefragt"

Die vierjährige Maria gibt der griechischen Polizei Rätsel auf. Das blonde Mädchen, das bei einem Roma-Paar gefunden wurde, gilt als Entführungsopfer. Nun werden erschreckende Details aus dem Leben des Kindes bekannt.

Von , Thessaloniki


Athen - Die Telefone der Polizeidienststelle in der griechischen Stadt Larisa stehen nicht mehr still, seit Beamte bei der Durchsuchung einer Roma-Siedlung eine verblüffende Entdeckung machten: ein blondes, blauäugiges, vier Jahre altes Mädchen, das entführt worden sein soll. Ein DNA-Test ergab keine Übereinstimmung beim Erbgut des Kindes und seiner vermeintlichen Eltern.

Nun muss die örtliche Polizei eine Flut von Anfragen örtlicher und internationaler Medien, Organisationen und besorgter Bürger beantworten. Doch der eine Anruf, auf den die Beamten tatsächlich warten, ist noch nicht erfolgt: den der wahren Eltern des Mädchens, das auf den Namen Maria hört. "Die biologischen Eltern haben sich noch nicht gemeldet", sagt ein Polizeisprecher.

Das Kind wurde während einer Razzia in einem Roma-Lager in der Nähe von Farsala gefunden, einer Stadt in Zentralgriechenland, etwa 40 Kilometer von Larisa entfernt, auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Athen im Süden und Griechenlands zweitgrößter Stadt Thessaloniki im Norden.

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Polizeisuche: Wer ist dieses Kind?
Das Lager ist typisch für die Ansiedlungen der ausgegrenzten Roma, von denen in Griechenland etwa 300.000 leben: Die Straßen sind schmutzig, die Infrastruktur marode, die Häuser windschief und schäbig. Der Polizei zufolge wurde Maria in einem dieser Häuser entdeckt, unter einer Decke versteckt. Die Beamten fanden zwei weitere kleine Mädchen und einen Jungen in dem Haus. Die Polizei versucht noch immer, ihre Identitäten zu ermitteln.

Den Beamten vor Ort zufolge sprach Maria nur einige wenige Worte der Roma-Sprache. Aufgrund ihres Aussehens vermuten die Beamten, dass sie ursprünglich aus Nord- oder Osteuropa stammt, doch bislang mangelt es an belastbaren Hinweisen.

"Es ist unmöglich, das genaue Alter und die Herkunft des Mädchens zu bestimmen", sagt der Polizeisprecher. Ein Anthropologe soll das Mädchen untersuchen, um bei der Bestimmung seiner Herkunft zu helfen.

"Sie spielt im Krankenhaus mit ihren Spielsachen"

Derzeit befindet sich Maria in der Obhut einer Wohltätigkeitsorganisation namens "Kinderlächeln". Sie wird in einer Klinik medizinisch betreut und untersucht, wie ein Sprecher der Organisation sagt. "Es geht ihr gesundheitlich gut und es gibt keine Hinweise auf Missbrauch. Das letzte, was ich von ihr gehört habe, ist, dass sie im Krankenhaus mit ihren Spielsachen spielt."

Die Kommunikation mit dem Mädchen gestaltet sich schwierig, berichten mit der Situation vertraute Personen. Sie habe bislang nur einige wenige Worte gesprochen. Der Sprecher der Hilfsorganisation sagt, ihre Stimmung verbessere sich zusehends, warnt jedoch, Maria sei in einer schwierigen Lage: "Selbst wenn sie unter harten Bedingungen aufgewachsen sind, fühlen Kinder eine natürliche Bindung an ihre Betreuer. Doch soweit wir wissen, hat Maria bislang nicht nach dem Paar gefragt, das sie für ihre Eltern hält."

Am Montag will die Polizei Bilder des Paares veröffentlichen, bei dem man Maria gefunden hat, in der Hoffnung, dass ihre tatsächlichen Eltern sich melden werden. Das Roma-Paar soll am gleichen Tag einem Staatsanwalt vorgeführt werden. Den beiden droht eine Anklage, unter anderem wegen Kindesentführung.

"Das Paar hat das Mädchen geliebt, als sei es sein eigenes Kind"

Die Anwältin des Paares behauptet, dass die biologische Mutter das Kind freiwillig in die Obhut ihrer Klienten gegeben habe, weil sie selbst nicht für Maria sorgen konnte. "Ihre biologische Mutter, eine Ausländerin, wollte Maria nicht und entschied sich, sie loszuwerden", sagt die Anwältin Marietta Palavra im griechischen TV-Sender Skai. Ihre Klienten hätten Mitleid mit dem Kind gehabt und sich entschieden, es großzuziehen. "Das Paar hat das Mädchen geliebt, als sei es sein eigenes Kind."

Ein Polizeisprecher sagt dagegen, man vermute, dass Maria eines der vielen Opfer eines großen internationalen Rings von Kinderhändlern sein könnte. "Wir untersuchen jeden Ansatz. Interpol ist involviert."

Insidern zufolge überprüfen die Ermittler auch Kliniken und staatliche Institutionen auf der Suche nach möglichen Komplizen. Die Annahme, dass Staatsbedienstete verwickelt sein könnten, rührt daher, dass es dem Roma-Paar offenbar gelungen war, sich scheinbar gültige Dokumente zu verschaffen. Damit konnte das Paar, ein 39-jähriger Mann und eine 40-jährige Frau, behaupten, 14 Kinder zu haben. Auf diese Weise verschafften sich die beiden staatliche Zuwendungen in Höhe von 2800 Euro im Monat.

Zwei virtuelle Familien in zwei verschiedenen Bezirken

Vermutet wird, dass das Paar Maria unter ungeklärten Umständen schon als Neugeborene entführte, im Jahr 2009. Mit gefälschten Dokumenten sollen der Mann und die Frau sich anschließend eine Geburtsurkunde der Stadtverwaltung von Athen verschafft haben.

Die vermeintliche Mutter ist im Besitz zweier scheinbar gültiger Ausweise und zweier Familienstammbücher. Im Verwaltungsbezirk Larisa gab sie sich als Mutter von fünf Töchtern und eines Sohnes aus - drei der Kinder waren den Dokumenten zufolge in einem Zeitraum von nur fünf Monaten auf die Welt gekommen. Im Verwaltungsbezirk Trikala trat die Frau als Mutter von vier Mädchen auf. In einem weiteren Verwaltungsbezirk bezog das Paar Leistungen für vier weitere Kinder.

Einem Journalisten des Wochenblattes Proto Thema zufolge ist der 39-jährige Mann vorbestraft und war angeblich in eine Reihe von Raubüberfällen verwickelt. Bei der Durchsuchung des Hauses fanden die Beamten eine Schusswaffe, eine Maske und mehrere gestohlene Gegenstände.

Der örtlichen Nachrichten-Website lamiastar.gr zufolge war das vierjährige Mädchen kürzlich beim Betteln auf einem Markt in der Stadt Lamia beobachtet worden. Bettelnde Straßenkinder sind in Griechenland ein gewohnter Anblick. Schätzungen über die Zahl von Kindern, die in dem Land betteln oder illegal arbeiten, reichen von 40.000 bis 150.000.

Antonis Tsakiris, Vizepräsident der Panhellenischen Föderation griechischer Roma-Verbände (POSER), sagt, der vorliegende Fall sei "einzigartig" und sage nichts über die Roma Griechenlands im Allgemeinen aus: "Wir dürfen nicht Vorurteilen und Verzerrungen erliegen." Über das Paar habe er von Bekannten der angeblichen Kidnapper gehört, dass es das Kind gut behandelt und geliebt habe. "Es war gut, dass sie es aufgezogen haben. Wenn sie die Adoptionsgesetze gebrochen haben sollten, ist das zu verurteilen. Wir wären die ersten, die das verurteilen würden. Aber sie haben das Kind geliebt und versorgt."



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etude 19.10.2013
1. A-sozial
Entschuldigung, aber diese 'Eltern' halten sich die Kinder offensichtlich nur als Mittel zum Geldverdienen. Wer sich jemals in Florenz vor die Füße spucken lassen musste, weil er nach der dritten Runde der Mütter mit falschen Umschnallbäuchen dann nichts mehr gegeben hat, weiß wovon ich spreche. Und 3 Kinder mit Geburtstag innerhalb von 5 Monaten? Ein biologisches Wunder! Hier ist noch mehr faul, nicht nur die Eltern. Ich bete für Maria und die anderen Kinder dieser Familie, dass sie in ehrliche und fürsorgliche Obhut gelangen. Und nein, ich bin kein Rassist.
Dr.W.Drews 19.10.2013
2. Das also ist Europa.
Wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß die europäische Idee, jene Kopfgeburt heimatloser Eliten, gescheitert ist haben wir hier einen weiteren Beleg für den Bankrott. Die grundlegendsten Errungenschaften, die in Deutschland seit dem tiefsten Mittelalter funktionieren, sind in Griechenland und dem restlichen Balkan Gegenstand von Korruption und Bestechung. Kinder sind nichts als eine Ware, ein Werkzeug um Geldzu verdienen. Man kann Kinder kaufen und verkaufen und davon seinen Lebensunterhalt betreiten.
mabelle 19.10.2013
3. Unglaublich
Ich hoffe die kleine Maria und ihre wahren Eltern finden sich wieder. Es ist schrecklich, dass Kinder entführt und verkauft werden- es müsste strikte Strafen hierfür weltweit geben!!!
puqio 19.10.2013
4. kriminelle Hintergründe des Mannes
Die kriminelle Vergangenheit des Mannes lässt nichts Gutes erahnen. Es geht wohl wieder um staatliche Zuschüsse, die man aufgrund der vielen Kinder kassieren kann. Das ist böse und verurteilungswürdig. Ich kann mir nicht vorstellen dass dieses Paar derart viele Kinder selbst erzeugt oder aus "Liebe" adoptiert hat. Gefälschte Papiere und Lügen sprechen eine andere Sprache.
dedie 19.10.2013
5.
Zitat von etudeEntschuldigung, aber diese 'Eltern' halten sich die Kinder offensichtlich nur als Mittel zum Geldverdienen. Wer sich jemals in Florenz vor die Füße spucken lassen musste, weil er nach der dritten Runde der Mütter mit falschen Umschnallbäuchen dann nichts mehr gegeben hat, weiß wovon ich spreche. Und 3 Kinder mit Geburtstag innerhalb von 5 Monaten? Ein biologisches Wunder! Hier ist noch mehr faul, nicht nur die Eltern. Ich bete für Maria und die anderen Kinder dieser Familie, dass sie in ehrliche und fürsorgliche Obhut gelangen. Und nein, ich bin kein Rassist.
Wieso in Florenz, das passiert einem in Stuttgart Bad-Cannstatt täglich wenn man da ganz einfach nur einkaufen gehen will. Übrigens, ich bin auch kein Rassist, aber dafür Realist.
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