Zahlungen aus den USA Geflüchtete Nazis sollen jahrelang Sozialleistungen kassiert haben

Sie tauchten in Amerika unter, bauten sich ein neues Leben auf und bekommen noch heute Sozialleistungen: Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP haben die USA Dutzenden mutmaßlichen Altnazis noch nach Verlassen des Landes Bezüge gezahlt.


Hamburg - Jakob D., ehemaliger Wachmann in Auschwitz, lebte den amerikanischen Traum. Seine Firma in Akron im US-Bundesstaat Ohio stellte Plastik her und entwickelte sich prächtig. Ende der Achtziger hatte er einen Cadillac DeVille, ein Lincoln Town Car, ein Haus am See, investierte in Öl und Immobilien.

Dann trafen die Fahnder ein. Im Jahr 1989 wollte ihm die US-Regierung seine Staatsangehörigkeit aberkennen. D. packte seine Koffer und floh nach Deutschland. Von dort siedelte er nach Kroatien über, wo er noch immer komfortabel in einer Wohnung an der Drau lebt - finanziert offenbar vom amerikanischen Steuerzahler.

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, gehört D. zu einer Gruppe mutmaßlicher Nazi-Verbrecher, die nach dem Verlassen der USA Millionen vom amerikanischen Sozialsystem kassiert haben sollen.

Demnach versprach das US-Justizministerium Dutzenden mutmaßlichen Kriegsverbrechern, sie könnten ihre Sozialleistungen behalten, wenn sie einverstanden seien, das Land zu verlassen oder vor ihrer Auslieferung zu flüchten. Das geht laut AP aus einer zweijährigen Recherche und Überprüfung von Gesprächen und internen Dokumenten hervor. Diese Zahlungen sollen aufgrund einer Lücke im Gesetz möglich gewesen sein.

Mehrere Millionen Dollar ausgezahlt

Unter den Begünstigten sollen laut Bericht Mitglieder der Waffen-SS gewesen sein, die in Konzentrationslagern tätig waren. Außerdem nennt AP den Fall SS-Funktionär Arthur Rudolph, der mithilfe von Häftlingen die V2-Rakete fertigte. Er arbeitete später bei der Nasa und wurde geehrt - weil er daran beteiligt war, erstmals Menschen auf den Mond zu schicken.

Das US-Justizministerium bestreitet zwar, solche Zahlungen als Druckmittel benutzt zu haben. AP fand jedoch Papiere der zuständigen Sozialbehörde und des Außenministeriums, in denen beide Behörden große Zweifel am Vorgehen des Justizministeriums hinsichtlich der Fahndung nach Nazis äußerten. Verantwortlich war damals das Office for Special Investigations (OSI), das Büro für besondere Ermittlungen. Seit seiner Gründung im Jahr 1979 ist es Aufgabe des OSI, geflohene Kriegsverbrecher aufzuspüren. Rechtlich hatte es aber nur wenig Möglichkeiten, gegen mutmaßliche untergetauchte Nazis vorzugehen. Meist bleibt als einzige Lösung aufzuzeigen, dass die Geflüchteten bei der Einwanderungsbehörde falsche Angaben machten. Offenbar wandte die Behörde daraufhin andere Methoden an.

Nach den Erkenntnissen der AP wurden seit 1979 mindestens 38 Verdächtige mit diesem Deal aus den USA "entfernt", die dann aber ihre Sozialleistungen behalten durften. Demnach soll es sich insgesamt um mehrere Millionen Dollar handeln, die im Laufe von drei Jahrzehnten ausgezahlt wurden.

Die Reporter der AP besuchten D. in seiner kroatischen Heimat in Osijek, dieser wollte jedoch nicht Stellung beziehen. 1500 Dollar soll er im Monat erhalten aus den USA. D.s Sohn, der noch in den Staaten lebt, bestätigte den Journalisten jedoch, dass sein Vater Sozialleistungen aus den USA bezieht. Er verteidigte seinen Vater, dieser verdiene sie. "Das kommt nicht aus den Taschen anderer Leute, er hat in das System eingezahlt", so Thomas D.

gam/AP

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