NSU-Prozess "Zielgerichtet ausbaldowert"

"Gutes Objekt und geeigneter Inhaber": So lautet eine Notiz, die in den Trümmern des NSU-Verstecks in Zwickau gefunden wurde. Im NSU-Prozess wurde erneut deutlich, wie akribisch die mutmaßlichen Rechtsterroristen vorgingen.

April 2006: Ermittler in dem Dortmunder Kiosk, in dem Mehmet Kubasik starb
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April 2006: Ermittler in dem Dortmunder Kiosk, in dem Mehmet Kubasik starb

Von , München


Es wurde eine lange Nacht für die Kriminalkommissarin P. Ihr Vorgesetzter hatte sie und weitere Kollegen in den späten Abendstunden des 30. November 2011 ins Büro beordert. Es ging darum, Kartenmaterial auszuwerten, das teilweise von Flammen zerstört, in wichtigen Teilen aber noch gut erhalten war: mit Markierungen versehene Stadtpläne, unter anderem von Stuttgart, Dortmund, Chemnitz, Plauen und Ludwigsburg.

Ermittler hatten die Unterlagen wenige Tage zuvor in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung in der Frühlingsstraße 26 gefunden, die den mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe als Unterschlupf gedient hatte.

Es sei damals unklar gewesen, ob es möglicherweise weitere Mitglieder der mutmaßlichen Terrorzelle gebe, sagte die BKA-Beamtin am Donnerstag als Zeugin im NSU-Prozess. Entsprechend habe man die Karten "unter dem Gefährdungsaspekt" ausgewertet - die Hauptangeklagte Zschäpe hatte sich am 8. November 2011 der Polizei gestellt, Böhnhardt und Mundlos hatten vier Tage zuvor in Eisenach Selbstmord begangen, offenbar um sich dem Zugriff durch die Polizei zu entziehen.

Rosa Kreise, blaue Kreuze

Die Ermittler stießen auf etliche Markierungen auf den Karten: Mal waren es rosa Kreise mit Punkten, mal blaue Kreuze, manchmal stand einfach ein "P" auf den Unterlagen. In etlichen Fällen ist bis heute nicht klar, welche Bedeutung die Einträge haben. Etwa ein Punkt auf der Chemnitz-Karte, der eine Geflügelfarm markiert. Oder der bei einer Kleingartenanlage: "War da vielleicht ein Versteck?", so die Beamtin vor Gericht - man habe nichts derartiges feststellen können.

Andere Markierungen dagegen entpuppten sich als deutlich aufschlussreicher und legen nahe, dass sich die mutmaßlichen Terroristen offenbar minutiös auf die ihnen zur Last gelegten Morde und Banküberfälle vorbereitet haben. So machten die Ermittler mehrere Einträge auf den Karten als Markierungen für Banken und Sparkassen aus, etwa in der Chemnitzer Sandstraße. Der Anklage zufolge überfielen Mundlos und Böhnhardt die dortige Sparkassen-Filiale am 18. Mai 2004 und erbeuteten dabei 73.815 Euro. Auch die mit "P" bezeichneten Markierungen konnten die Ermittler schnell klären - es handelte sich dabei stets um Polizeidienststellen.

Eine ebenfalls im Zwickauer Brandschutt sichergestellte Adressliste enthielt zudem Anmerkungen in Maschinenschrift, die die Ermittler als "Ausspähnotizen" werten. So heißt es etwa zu einem türkischen Imbiss in der Dortmunder Uhlandstraße: "Gutes Objekt und geeigneter Inhaber". Es liegt nahe, dass damit ein mögliches Anschlagsziel gemeint war - dem NSU werden unter anderem zehn Morde vorgeworfen, neun davon an türkisch- beziehungsweise griechischstämmigen Kleinunternehmern.

"Zielgerichtet ausbaldowert"

Dazu zählt auch ein Mord in Dortmund: Am 4. April 2006 wurde der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik in seinem Kiosk getötet. Der Tatort ist nicht sonderlich weit entfernt von dem Imbiss in der Uhlandstraße - die beiden Orte trennen lediglich 500 Meter. Zwei Kartenausschnitte zu Dortmund, die die Ermittler im Zwickauer Brandschutt zusätzlich fanden, wurden am 3. April 2006 ausgedruckt, am Tag darauf starb Mehmet Kubasik durch zwei Kopfschüsse.

Die Gegend in Dortmund sei offenbar "zielgerichtet ausbaldowert worden", hielt das BKA in einem Vermerk fest. Dafür spreche auch ein handschriftlicher Kommentar auf einem Plan zur Dortmunder Nordstadt, den auch die Zeugin am Donnerstag nannte: "Wohngebiet wie Mülheim Köln". In der Köln-Mülheimer Keupstraße mit vielen türkischen Geschäften waren bei einem Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 insgesamt 22 Menschen verletzt worden. Auch für dieses Attentat wird der NSU verantwortlich gemacht.

Am Donnerstag sagte zudem ein weiterer früherer BKA-Ermittler als Zeuge aus. Seinen Äußerungen zufolge spähten die mutmaßlichen Terroristen auch mögliche Anschlagsziele in Kiel aus. Der Pensionär berichtete von sichergestellten Kartenausschnitten und Adresslisten zu der schleswig-holsteinischen Stadt, die im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden worden waren. Demnach seien darauf 19 Kieler Adressdaten verzeichnet gewesen, darunter vor allem türkische und islamische Einrichtungen.

Ob mit den Betreibern dieser Einrichtungen gesprochen worden sei, fragte Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler. Dazu habe er keine Erkenntnisse, antwortete der Zeuge. Daimagüler nannte es später bedauerlich, dass die Ermittler die Liste offenbar nicht für weitergehende Recherchen genutzt hätten. Schließlich hätte man mit den Betreibern über mögliche rechtsradikale Bedrohungen sprechen und gegebenenfalls "Helfershelfer" des NSU ausfindig machen können.

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