Attentäter von Toulouse Polizei setzt auf Zermürbungstaktik

Nervenkrieg in Südfrankreich: Hunderte Polizisten belagern seit mehr als 24 Stunden das Wohnhaus, in dem sich der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse verschanzt. Explosionen in der Nähe des Gebäudes sollten den Mann einschüchtern - doch der hält die Beamten hin.


Paris - Die französische Polizei will den mutmaßlichen Serienkiller Mohammed Merah mit einer Zermürbungstaktik zum Aufgeben zwingen. Seit mehr als 24 Stunden belagern Hunderte schwer bewaffnete Polizisten das Haus, in dem sich der Attentäter von Toulouse verschanzt hält. Sie haben Gas und Strom gekappt und mehrere Explosionen in der Nähe des Wohnhauses ausgelöst, um ihn einzuschüchtern. Berichte, wonach die Erstürmung des Hauses begonnen habe, wurden vom französischen Innenministerium dementiert.

Offensichtlich setzen die Elitepolizisten darauf, dass der Mann irgendwann erschöpft aufgibt oder mit weniger Risiko überwältigt werden kann. "Er sagte, er wolle sich stellen, er hat seine Meinung geändert, wir erhöhen den Druck auf ihn", sagte ein Sicherheitsbeamter. Insgesamt wurden in der Nacht zum Donnerstag zwischen fünf und sechs Detonationen ausgelöst. Bei den Explosionen sollen Tür und Fenster der Wohnung aufgesprengt worden sein, wie der französische Fernsehsender BMF-TV berichtete. Zu dem 23-Jährigen bestehe kein Kontakt mehr, hieß es in der Nacht.

Die Elitepolizisten hatten am Mittwoch mehrere Male vergeblich versucht, in Merahs Wohnung in einem Mehrfamilienhaus einzudringen. Jedes Mal drängte er sie mit Schüssen aus schweren Waffen zurück. Ein Beamter erlitt einen Knieschuss, einen zweiten getroffenen Polizisten bewahrte seine schusssichere Weste vor schweren Verletzungen. Im Tagesverlauf brachte die Polizei alle anderen Hausbewohner in Sicherheit, nachdem sie zuvor auf eine Evakuierung zunächst verzichtet hatte. Das umstellte Gebäude befindet sich in einem ruhigen Wohnviertel der südfranzösischen Stadt.

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Toulouse: Polizei stürmt Gebäude
Zu Beginn des Einsatzes hatte der Mann mit automatischen Waffen auf Polizisten gefeuert, die sich der Wohnung näherten, und mindestens zwei von ihnen verletzt. Im Austausch gegen ein Telefon übergab er der Polizei später einen Colt - die mögliche Tatwaffe bei den Morden an insgesamt sieben Menschen in Südfrankreich in den vergangenen Tagen.

Bruder und Mutter sympathisieren mit den Salafisten

Bei dem Verdächtigen, den die Polizei über Spuren im Internet ausfindig gemacht hatte, handelt es sich um einen Mann namens Mohammed Merah, der sich als al-Qaida-Anhänger bezeichnet. Im Telefonkontakt mit der Polizei habe er zugegeben, für Mittwoch einen weiteren Anschlag gegen einen Soldaten geplant zu haben. Zudem habe er zwei Polizisten töten wollen.

Mehrere Personen aus seinem Umfeld wurden festgenommen, darunter waren die beiden Schwestern und Brüder sowie die Mutter des Mannes. Ein Bruder sympathisiere mit den extremistischen Salafisten, die Mutter habe seit längerem wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung gestanden, sagte Innenminister Claude Guéant. Er betonte jedoch, dass der Verdächtige bei seinen Taten allein gehandelt habe. Die Geheimdienste hätten ihn schon seit längerem beobachtet.

Der leitende Staatsanwalt François Molins bestätigte, dass Merah zweimal in Afghanistan und in Pakistan war, dass er aber "ein untypisches Profil salafistischer Selbstradikalisierung" aufweise. Er sei mit eigenen Mitteln und nicht über die bekannten Netzwerke nach Afghanistan gekommen. Der Mann habe auch behauptet, von al-Qaida in Waziristan im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausgebildet worden zu sein.

Urlaubsbilder aus Afghanistan

Wegen seiner Reisen nach Afghanistan und Pakistan war Merah im November 2011 in Toulouse vom französischen Inlandsgeheimdienst befragt worden, wie Innenminister Guéant dem Sender TF1 sagte. Er habe aber von einer touristischen Reise gesprochen und dies mit Fotos untermauert.

Im Gespräch mit Polizisten bedauerte der Mann nun, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben, wie Staatsanwalt Molins sagte. Er habe sich gerühmt, Frankreich in die Knie gezwungen zu haben. Den Ermittlern zufolge fand die Polizei einen Motorroller, mit dem der Verdächtige wohl zu den Orten seiner Verbrechen fuhr, sowie eine Kamera, mit der er seine Taten möglicherweise filmte. Noch gesucht wurde ein Auto, in dem Waffen und Sprengstoff vermutet wurden.

Merah erklärte im Gespräch mit Polizisten, er habe stets allein gehandelt. "Er bedauert nichts", sagte Staatsanwalt Molins. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Innenminister Guéant forderten, den Mann lebend zu fassen, damit er sich vor Gericht verantworte. Sarkozy warnte vor Rachegedanken und einer Vermengung von Religion und brutalem Extremismus.

Merahs Anwalt Christian Etelin bezeichnete unterdessen die Gerüchte um einen Gefängnisaufenthalt seines Mandanten in Afghanistan als falsch. Etelin erklärte, Merah habe vom Dezember 2007 bis September 2009 wegen bewaffneten Raubes in einem französischen Gefängnis gesessen. Damit könne er in der fraglichen Zeit nicht in Afghanistan inhaftiert gewesen sein. Auch das Büro des Gouverneurs von Kandahar wies die Darstellung einer Haft Merahs dort zurück. Solche Berichte seien ohne Basis, sagte der Sprecher des Gouverneurs, Ahmed Jawed Faisal. "Die Sicherheitskräfte in Kandahar haben niemals einen französischen Staatsbürger mit Namen Mohammed Merah inhaftiert."

Die Redakteurin des französischen TV-Senders France 24, Ebba Kalondo, berichtete mittlerweile von einem Telefongespräch, das sie mit Merah geführt hatte - kurz bevor die Belagerung seiner Wohnung durch die Polizei begann. Demnach rief Merah bei dem Sender an, um sich zu den Taten zu bekennen. Sie habe sofort das Gefühl gehabt, dass dieses Bekenntnis authentisch sei, sagte Kalondo. Merah habe präzise Angaben zu den Taten gemacht, sein Französisch sei überaus elegant gewesen, er sprach sehr höflich und redete sie durchgehend mit "Madame" an.

jbr/AFP/dpa

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Seite 1
jupiter999 22.03.2012
1. Vorführen
Zitat von sysopDPANervenkrieg in Südfrankreich: Hunderte Polizisten belagern seit mehr als 24 Stunden das Wohnhaus, in dem sich der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse verschanzt. Explosionen in der Nähe des Gebäudes sollten den Mann einschüchtern - doch der hält die Beamten hin. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,822913,00.html
Unglaublich wie sich die Französischen Behörden von einem feigen Kindermörder der nicht einmal eine einzige Geisel hat seit 24 Stunden vorführen lassen. "Er soll unbedingt lebend gefasst werden" klingt immer mehr wie eine billige Ausrede. Ich bezweifle das er irgendwelche verwertbaren Aussagen zu Al Qaida machen könnte. Die tun so als ob dieser unbedeutende niemand ein Führungsmitlied von Al Qaida voller wertvoller Geheimnisse wäre. Bisher dachte ich das die in der Kultur verwurzelte Ängstlichkeit der Franzosen, die die Briten und Amerikanern ihnen gerne nachsagen, nichts weiter als ein billiges erfundenes Stereotyp ist. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr so sicher. Scheinbar ist tatsächlich irgendwo etwas dran an der Darstellung. Hunderte Französische Polizisten PLUS scheinbar reichlich wenig spezielle Spezialeinheit gegen einen einzelnen Mann der nicht mal ein Druckmittel wie eine Geisel vorweisen kann. Einfach unglaublich. Vielleicht sollte Sarkozy auch noch hinfahren und Mohammed die Pizza an die Tür bringen die er bald verlangen wird.
aramis45 22.03.2012
2. Ein Serienkiller
Zitat von sysopDPANervenkrieg in Südfrankreich: Hunderte Polizisten belagern seit mehr als 24 Stunden das Wohnhaus, in dem sich der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse verschanzt. Explosionen in der Nähe des Gebäudes sollten den Mann einschüchtern - doch der hält die Beamten hin. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,822913,00.html
Nun wenn man diesen Artikel liest handelt es sich um einen Serienkiller, über die Motivation wurde wo anders bereits berichtet und Vergleiche gezogen zu dem ebenfalls bekannten Serienkiller Brevik. Interessanterweise werden beide als Terroristen eingeordnet, was sicher auch richtig sein kann, aber es verfälscht etwas die Realität beider Persönlichkeiten. Diese beiden Herren hätten besser gegeneinander kämpfen sollen, dann wären sie keine Terroristen sondern bestenfalls Soldaten als Vertreter ihres politisch geprägten Handelns. Herr Merah kämpft für den Islamismus mit seinen bekannten Widerwärtigkeiten und Herr Brevik gegen den Islamismus! Diese Form der Auseinandersetzung ist von niemanden erwünscht, zeigt aber wie gefährlich die augenblickliche politische Falscheinschätzung durch "Volksvertreter " in Wahrheit ist. Nichts wird über viele solcher Ähnlichkeiten der Auseinandersetzung auch in Deutschland berichtet, wer allerdings tötet ist der Terrorist und sofort in aller Munde! Diese Entwicklung bereiten unsere Politiker und ihre wählenden Anhänger vor, genau in die Richtung einer bewaffneten Auseinandersetzung ob, wer den richtigen Glauben hat oder nicht!
AxelSchudak 22.03.2012
3. bevor?
kurz bevor die Belagerung seiner Wohnung durch die Polizei begann. Demnach rief Merah bei dem Sender an, um sich zu den Taten zu bekennen.
unifersahlscheni 22.03.2012
4. Wollen Sie ...
Zitat von jupiter999Unglaublich wie sich die Französischen Behörden von einem feigen Kindermörder der nicht einmal eine einzige Geisel hat seit 24 Stunden vorführen lassen. "Er soll unbedingt lebend gefasst werden" klingt immer mehr wie eine billige Ausrede. Ich bezweifle das er irgendwelche verwertbaren Aussagen zu Al Qaida machen könnte. Die tun so als ob dieser unbedeutende niemand ein Führungsmitlied von Al Qaida voller wertvoller Geheimnisse wäre. Bisher dachte ich das die in der Kultur verwurzelte Ängstlichkeit der Franzosen, die die Briten und Amerikanern ihnen gerne nachsagen, nichts weiter als ein billiges erfundenes Stereotyp ist. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr so sicher. Scheinbar ist tatsächlich irgendwo etwas dran an der Darstellung. Hunderte Französische Polizisten PLUS scheinbar reichlich wenig spezielle Spezialeinheit gegen einen einzelnen Mann der nicht mal ein Druckmittel wie eine Geisel vorweisen kann. Einfach unglaublich. Vielleicht sollte Sarkozy auch noch hinfahren und Mohammed die Pizza an die Tür bringen die er bald verlangen wird.
... als Gruppenführer oder Vorgesetzter die Verantwortung übernehmen wenn Sie ein Kommando reinschicken und der Attentäter sprengt sich und die Einsatzkräfte mit einer großen Ladung in die Luft? Wo es doch nur eine Frage der Zeit ist bis er aufgeben muss? Er sitzt in der Mausefalle...! Aber in den "Action-Filmen" geht freilich alles viel einfacher...
fuchs008 22.03.2012
5. Die Antiterror-Show
Zitat von sysopDPANervenkrieg in Südfrankreich: Hunderte Polizisten belagern seit mehr als 24 Stunden das Wohnhaus, in dem sich der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse verschanzt. Explosionen in der Nähe des Gebäudes sollten den Mann einschüchtern - doch der hält die Beamten hin. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,822913,00.html
Wozu braucht man dort "hunderte" Polizisten? Ein Einzeltäter in einem Haus eingesperrt, irgendwann muss der doch auch mal schlafen. Hier will der französische Staat eine Schlagkraft demonstrieren, die er nicht hat. Solche Taten wird es auch in Zukunft geben, egal ob dort 20, hunderte oder tausende Polizisten das Haus umstellen.
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