Mutmaßlicher Kidnapper aus Cleveland: "Er benahm sich, als wäre alles normal"

Ariel C. fuhr den Schulbus, machte Musik in Latin-Bands, in seinem Haus aber hielt er drei Frauen in Ketten: Über den mutmaßlichen Entführer aus Cleveland werden neue Details bekannt - auch über die Gefangenschaft.

Mutmaßlicher Entführer Ariel C.: Ein ganz normaler Nachbar Fotos
REUTERS/ Cleveland Police Dept.

Cleveland - Nach der spektakulären Befreiung von drei jahrelang vermissten Frauen in Cleveland kommen immer mehr Details über die Gefangenschaft ans Licht.

Am Mittwoch entdeckten die Ermittler Ketten und Seile in dem Haus, in dem die Frauen festgehalten worden waren. "Wir können bestätigen, dass sie gefesselt wurden", sagte Polizeichef Michael McGrath dem US-Sender NBC. Nach Angaben der Polizei Cleveland sollen die drei festgenommenen Verdächtigen noch am Abend einem Richter vorgeführt werden.

Während Cleveland die Entführungsopfer und ihre Retter als Helden feiert und die Polizei Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight über ihre Gefangenschaft befragt, wird immer mehr aus dem Leben des mutmaßlichen Kidnappers bekannt.

Ariel C., ist der Hauptverdächtige, auch seine Brüder Onil, 50, und Pedro, 54, werden nun verhört. Der 52-jährige Ariel wurde vor Jahren geschieden und lebte seitdem offiziell allein in der Seymour Avenue in Cleveland, einem Arbeiterviertel, das vor allem von Lateinamerikanern bewohnt wird. Nachbarn erzählten, es habe sie verwundert, dass er oft mit riesigen Tüten voller Lebensmittel nach Hause kam. Auch habe man ihn häufig mit einem kleinen Mädchen gesehen, von dem er behauptete, es handele sich um die Tochter seiner Freundin.

Mahnwache für eine der verschwundenen Frauen - Ariel C. war dabei

Er soll das Mädchen mit in den Park zum Spielplatz und in Schnellrestaurants genommen haben. Ein Nachbar, Israel Lugo, 39, sagte, bei dem Kind handele es sich um das Mädchen, das Amanda Berry im Arm hielt, als sie befreit wurde. Als Familie und Freunde von Gina DeJesus im vergangenen Monat mit einer Mahnwache an ihr Verschwinden erinnerten, war einer der Teilnehmer Ariel C. "Er kam zu der Mahnwache und benahm sich so, als wäre alles normal", sagte Anthony Quiros, 24, der direkt neben C. wohnt.

Eventuell kannte C. eine der Entführten bereits jahrelang: Die "Times" berichtet, dass seine Tochter eine Schulkameradin von Gina DeJesus gewesen sei.

C. arbeitete als Schulbusfahrer und wurde von seinem Arbeitgeber zunächst geschätzt, dann aber vermehrt gerügt. So soll er in einem Fall eine Schülerin als "Miststück" bezeichnet und allein im Bus gelassen haben. Im vergangenen November dann wurde er entlassen.

Auf seine Umgebung wirkte Ariel C. freundlich. Er hatte eine Vorliebe für Motorräder und Autos und soll Spaß an Kfz-Reparaturen gehabt haben. Der gebürtige Puertoricaner war Bassist in Latin-Bands namens Borin Plena und Grupo Fuego. Der Retter von Amanda Berry, Charles Ramsey, zeigte sich vollkommen verwundert über den Tatverdacht. "Ich grille mit dem Kerl", sagt er. "Nichts Aufregendes. Na ja, bis heute." Und jetzt? "Der hat ganz schön dicke Eier, so was zu machen."

C.s zweistöckiges Haus war unauffällig, wenn auch heruntergekommen. Gebaut im Jahr 1890 soll es nur noch um die 13.000 Dollar wert gewesen sein. Die Fenster waren verbarrikadiert.

Mehrere Fehlgeburten während der Gefangenschaft

Trotz der Euphorie über die gelungene Rettung müssen sich die Ermittler derzeit harsche Kritik gefallen lassen. Bereits im Jahr 1993 wurde C. wegen mutmaßlicher häuslicher Gewalt vorübergehend festgenommen, aber nicht angeklagt. Nachbarn hatten Medienberichten zufolge die Polizei mehrmals auf eigenartige Vorgänge und angeblich sogar auf "Frauen in Ketten" in dem Haus aufmerksam gemacht.

Die Polizei verteidigte sich auf ihrer Internetseite: Man habe nur zwei Hinweise erhalten und sei diesen auch nachgegangen. Beide hätten nichts mit den vermissten jungen Frauen zu tun gehabt. Die Polizei hatte das Haus in den Jahren 2000 und 2004 aufgesucht.

Amanda Berry kam frei, nachdem Nachbar Charles Ramsey am Montag Hilferufe aus dem Haus gehört hatte. Mit seiner Hilfe rief sie die Polizei an. Der Notruf wurde öffentlich - und er sorgte für Unmut. Das Opfer sei zunächst nicht ernst genommen worden, werfen Kritiker der Polizei vor. Auf ihrer Facebook-Seite versprach die Polizei eine Untersuchung.

Die Ermittler wurden schon früher mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert: 2009 waren in einem Haus in einem anderen Stadtviertel Clevelands die Leichen von elf Frauen gefunden worden. Sie waren Opfer eines Massenmörders gewesen. Auch damals hatten einige Familien der Polizei Untätigkeit vorgeworfen.

Berichte über mögliche weitere Schwangerschaften der Entführungsopfer beschäftigen die Polizei: Der Lokalsender ABC Channel 5 News berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, eine der Frauen habe zwei oder drei Fehlgeburten erlitten. Eine andere Quelle sprach von bis zu fünf Schwangerschaften der Opfer, so der Sender.

Mitgefühl von Entführungsopfer Dugard

Worte der Unterstützung kamen von einem anderen ehemaligen Entführungsopfer aus den USA, von Jaycee Lee Dugard. Das berichtete die Zeitung "Los Angeles Times". Die Frauen brauchten nun Zeit für eine Heilung, wurde Dugard in einer Mitteilung zitiert. Dugard war 1991 als Mädchen entführt und 18 Jahre lang gefangen gehalten worden.

Am Dienstag erhielt Dugard in Washington einen Preis einer Hilfsorganisation für entführte Kinder. "Gestern ist ein weiteres Wunder geschehen", sagte Dugards Mutter Terry Probyn bei der Preisverleihung. Das Happy End von Cleveland habe ihn darin bestätigt, dass man nie die Hoffnung aufgeben sollte, sagte John Walsh, der Mitbegründer des Zentrums für vermisste und ausgebeutete Kinder.

ala/Reuters/dpa/AFP

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