Tödliche Messerattacke in Jobcenter: Rasende Wut

Von , Düsseldorf

Warum musste die Jobcenter-Mitarbeiterin Irene N. sterben? Vor dem Landgericht Düsseldorf hat sich Ahmed S. wegen Mordes zu verantworten. Zum Prozessauftakt schweigt er - doch Zeugen zeichnen ein irritierendes Bild seiner Person.

Einen Moment lang ist es ganz still in Saal 122. Alle warten darauf, dass der Angeklagte, ein kleiner, schmaler Mann mit schwarzem Schnurrbart, irgendetwas sagt. Spannung liegt in der Luft, der Polizeioberkommissar Norbert H., 43, der gerade als Zeuge gehört wird, rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Doch Ahmed S., 52, schweigt. Stattdessen lässt er seinen Anwalt erklären: Die Schilderungen des Beamten seien nicht ganz zutreffend gewesen, die Festnahme sei anders abgelaufen. Als ob das in diesem Moment wichtig wäre.

Denn S. muss sich vor der 17. Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf verantworten, weil er vor einem halben Jahr in Neuss die Jobcenter-Mitarbeiterin Irene N., 32, mit einem Messer angegriffen und ermordet haben soll. Laut Anklage stach der Marokkaner viermal mit einem 30 Zentimeter langen Fleischermesser auf die 32-Jährige ein, die wehrlos hinter ihrem Schreibtisch saß. Dabei verletzte er die zierliche Frau so schwer, dass sie innerlich verblutete.

Der Anklage zufolge ging Ahmed S. auf Irene N. los, weil er wütend über ein Dokument war, in dem er sich mit der Weitergabe seiner Daten an potentielle Arbeitgeber einverstanden erklären sollte. Offenbar verdächtige er die Behörde, mit diesen Informationen Handel zu treiben. "Er fühlte sich betrogen und hatte eine unheimliche Wut", sagt sein Verteidiger Gerd Meister, der dennoch nicht nachvollziehen kann, was genau die Wahnsinnstat ausgelöst hatte. Ahmed S. räumte die Messerstiche bei der Polizei zwar ein, erklärte sie aber kaum. Vor Gericht hat er sich bislang nicht äußern wollen.

Gelegenheitsjobs, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Ehe

Das Verfahren wird sich daher vorrangig mit der Frage befassen müssen, was für ein Mensch Ahmed S. ist. Seine beiden Verteidiger, außer Meister vertritt ihn der Rechtsanwalt Horst Ruthmann, beschreiben ihn als ruhigen, unbescholtenen Mann, als fünffachen Familienvater, der selbst nicht nachvollziehen könne, weshalb er dermaßen die Fassung verlor. Aus Ermittlerkreisen hingegen verlautet, dass S. auch bei anderen Behördengängen schon ausfällig geworden sei. Ebenso ist von psychischen Auffälligkeiten des Angeklagten die Rede. Ein Sachverständiger hatte dem Mann einen Intelligenzquotienten von 75 attestiert. Über die geistige Verfassung des Ahmed S. wird zum Ende des Prozesses ein Gutachter berichten.

Unstrittig jedenfalls ist, dass der Landwirt im Jahr 2000 nach Deutschland kam, als Nachzügler. Sein Vater und seine Mutter lebten zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Jahren in der Bundesrepublik. Dennoch spricht S. bis heute kaum Deutsch, sondern nur Berberisch. Der Marokkaner verdingte sich seither unter anderem als Saisonarbeiter in einer Sauerkrautfabrik und ging putzen. "Er hat eigentlich fast alles gemacht", sagt Anwalt Ruthmann. Doch immer wieder wurde S. arbeitslos, seine Ehe zerbrach schließlich.

Der Gerichtsmediziner, der am Mittwochmorgen vor Gericht aussagt, gibt einen Eindruck davon, in welch unbändiger Raserei Ahmed S. getötet haben muss. Einer der Stiche, die Irene N. erlitt, durchbohrte den gesamten Körper der 1,64 Meter großen Frau. Den Ausführungen des Experten zufolge war die verheiratete Mutter eines Sohnes auch nicht mehr in der Lage, sich der heftigen Attacken zu erwehren.

Angeklagter beschwerte sich über grobe Behandlung durch Polizisten

Der nachfolgende Jobcenter-Klient erinnert sich an Schreie aus dem Zimmer. Er sei hineingestürmt und habe den Mann in den Bauch der Frau stechen sehen. Dann habe der Täter aufgehört und sei hinausgelaufen. Nachdem im Büro des Opfers Alarm ausgelöst worden sei, sei sie auf den Flur gegangen, so eine Kollegin der Getöteten. Mit seiner blutigen Hand habe S. ihr bedeutet, nicht näher zu kommen.

Nach Angaben seiner Anwälte war es Ahmed S. selbst, der nach seiner Tat die Polizei alarmierte und dann äußerlich gefasst das Jobcenter verließ. Ein Streifenwagen stellte den mutmaßlichen Mörder etwa hundert Meter vom Eingang des Gebäudes entfernt, da hielt er noch die mögliche Tatwaffe in der Hand. Ein Polizist brüllte, die Pistole im Anschlag: "Messer weg!" S. ließ es fallen. Doch als er sich nicht auf den Boden legen mochte, rang ihn ein zweiter Beamter nieder.

Gefragt, was ihm an dem Angeklagten aufgefallen sei, sagt der Polizeioberkommissar H. vor Gericht, Ahmed S. habe sich heftig und stetig über die unsanfte Behandlung beschwert. "Ihr habt mein Knie kaputtgemacht", habe der mutmaßliche Messerstecher immer wieder gerufen. "Ich konnte nicht nachvollziehen", so der Beamte, "wie man so sein kann. Gerade hat man jemandem das Messer in den Leib gerammt, und dann klagt man über sein Knie." Der Gerichtsmediziner stellte später Hautabschürfungen am Bein fest.

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Attacken in Jobcentern
21. Mai 2013
Ein 34-Jähriger attackiert in einem Jobcenter in Leipzig eine Mitarbeiterin mit einem Hammer. Die 52-Jährige erleidet schwere Verletzungen am Kopf. Der mutmaßliche Täter wird von einem anderen Besucher des Jobcenters überwältigt. Der Mann hatte wegen früherer Drohungen bereits Hausverbot in dem Jobcenter gehabt. Er muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte der Langzeitarbeitslose aus Wut über gekürzte Bezüge sowie Hass auf die Sachbearbeiterin.
26. September 2012
Im nordrhein-westfälischen Neuss sticht der 52-jährige Ahmed S. eine Mitarbeiterin eines Jobcenters nieder. Die 32-Jährige stirbt kurz nach der Attacke an ihren Verletzungen. Polizisten nehmen S. fest. Später gibt der Vater von fünf Kindern zu, die Frau angegriffen zu haben, weil er den Missbrauch seiner persönlichen Daten vermutete. Im April 2013 wird er wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seine Verteidiger haben angekündigt, das Urteil anfechten zu wollen.
19. Mai 2011
In Frankfurt am Main wird eine 39-Jährige in der damaligen Außenstelle für Obdachlose des Jobcenters erschossen. Sie war zuvor mit einem Messer auf einen Polizisten losgegangen, dann zielte eine andere Polizistin auf die Frau und traf sie tödlich. Auslöser des Streits sind zehn Euro, die das spätere Opfer in bar von der Sachbearbeiterin verlangt. Als die 39-Jährige aus Protest den Raum nicht verlässt, kommt die Polizei hinzu. In den folgenden Tagen erreichen das Jobcenter mehrfach Gewaltandrohungen per E-Mail.
21. April 2011
In Berlin-Tempelhof drischt ein 34-Jähriger mit einer Axt auf Möbel und Türen des Jobcenters ein. Der offenbar psychisch kranke Mann droht einem Mitarbeiter zudem, mit einer Maschinenpistole wiederzukommen. Das Amt hatte ihm zuvor Geldzahlungen nicht gewährt.
30. August 2010
Im hessischen Rüsselsheim schlagen Zwillinge einen Sicherheitsmann in einem Jobcenter nieder. Die beiden 29-Jährigen rasteten aus, nachdem eine Angestellte der Arbeitsagentur sie aufgefordert hatte, ihre Ausweise vorzuzeigen.
18. März 2010
Im nordrhein-westfälischen Essen attackiert ein 29-Jähriger zwei Angestellte mit einem Teppichmesser. Die Mitarbeiter werden leicht verletzt. Der Mann hatte sich wegen einer Beschwerde einen Termin geben lassen, dabei kam es zum Streit.
1. Oktober 2009
Im nordrhein-westfälischen Herne bricht ein 26-Jähriger einem Sicherheitsmann der Arbeitsagentur zwei Finger. Der Täter durfte die Behörde ohnehin nur in Begleitung des Sicherheitsdienstes betreten, weil er Hausverbot hatte. Auslöser des Ausrasters war ein fehlender Antrag.
14. Juli 2009
Im saarländischen Burbach geht ein 26 Jahre alter Mann auf den Mitarbeiter der Arbeitsagentur los und traktiert ihn mit Faustschlägen und Tritten. Einen einschreitenden Kollegen boxt er nieder und schlägt ihn mit dem Kopf gegen einen Türrahmen. Dem Mann war Geld gestrichen worden, weil er bei Arbeitsstunden fehlte.
5. September 2007
Im nordrhein-westfälischen Aachen bedroht eine Frau in einem Jobcenter zwei Mitarbeiter mit einer Waffe und nimmt sie als Geiseln. Der 46-Jährigen war die finanzielle Unterstützung gestrichen worden. Sie wollte Geld oder Essensmarken erpressen.

Quelle: dapd