Mutmaßlicher Terrorhelfer: Weiterer verdächtiger Neonazi festgenommen

Der Vorwurf lautet Beihilfe zum Mord in sechs Fällen: Die Bundesanwaltschaft hat den früheren NPD-Funktionär Ralf Wohlleben festnehmen lassen. Er soll über einen Kurier eine Schusswaffe und Munition an das Zwickauer Terror-Trio geliefert haben.

Ralf Wohlleben: Festnahme im Morgengrauen Fotos
dapd

Hamburg - Um 7 Uhr morgens griffen die Ermittler zu: Die Bundesanwaltschaft hat mit Unterstützung des Landeskriminalamts Thüringen Ralf Wohlleben in Jena verhaftet. Er gilt als mutmaßlicher Unterstützer des Zwickauer Terror-Trios Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Dem 36-Jährigen wird Beihilfe zum vollendeten Mord in sechs Fällen vorgeworfen.

Wohlleben soll 2001 oder 2002 über einen Kurier eine Schusswaffe mit Munition an das Trio geliefert haben. Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass tödliche Anschläge durchgeführt werden könnten, so die Ermittler. Der Vorwurf bezieht sich auf fünf Taten aus der sogenannten Ceska-Mordserie gegen Migranten sowie den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn.

Wohlleben wird zudem Beihilfe zum versuchten Mord in einem Fall vorgeworfen. Kiesewetters Kollege hatte den Anschlag schwer verletzt überlebt.

Der Beschuldigte habe bereits in den neunziger Jahren in enger Verbindung zu den drei Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gestanden, heißt es in einer Mitteilung des Generalbundesanwalts. Den bisherigen Ermittlungen zufolge soll Wohlleben dem Zwickauer Trio 1998 bei der Flucht geholfen und die abgetauchten Neonazis in der Folge auch finanziell unterstützt haben. Zudem soll er den Kontakt zu Holger G. vermittelt haben, der bereits als mutmaßlicher Unterstützer in U-Haft sitzt.

Die Ermittler werfen dem Beschuldigten vor, "aufgrund seiner anhaltenden Verbindung zu der unter falscher Identität lebenden Gruppe" von den terroristischen Taten gewusst zu haben.

Alte Seilschaften

Wohlleben gehörte wie Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zum engsten Kreis der "Kameradschaft Jena" - und war später führender NPD-Funktionär in Thüringen (mehr zum Wirken Wohllebens finden Sie hier). Erst kürzlich hatte er im Gespräch mit der "Ostthüringer Zeitung" ("OTZ") bestritten, von den Taten des Trios gewusst zu haben. "Ich glaube auch nicht, dass der Vorwurf des Bundeskriminalamts so weit geht, dass es zu meiner Verhaftung reicht."

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren 1998 abgetaucht und hatten Ermittlern zufolge die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) gegründet. Die jahrelang unentdeckt gebliebene Zelle soll hinter einer bundesweiten Mordserie mit zehn Toten stecken. Mundlos und Böhnhardt wurden am 4. November in Eisenach tot in ihrem Wohnmobil gefunden. Zschäpe stellte sich wenige Tage später der Polizei, sie sitzt ebenso in Untersuchungshaft wie die mutmaßlichen Helfer Holger G. aus Niedersachsen und André E. aus Zwickau.

Holger G. war als erster mutmaßlicher Unterstützer der Zelle verhaftet worden. Er soll dem Trio seinen Führerschein und seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben. Zudem soll er mehrfach Wohnmobile für die Gruppe angemietet haben. André E. wurde in der vergangenen Woche mit Hilfe der GSG 9 in Brandenburg festgenommen. Er ist "dringend verdächtig, in zwei Fällen die terroristische Vereinigung NSU unterstützt zu haben. Zudem besteht gegen ihn der dringende Verdacht der Volksverhetzung und der Beihilfe der Billigung von Straftaten", teilte der Generalbundesanwalt mit.

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass E. seit dem Jahr 2003 in engem Kontakt zu den Mitgliedern des NSU gestanden habe. Er ist laut Generalbundesanwalt dringend verdächtig, 2007 den zynischen Film hergestellt zu haben, mit dem sich das Trio unter anderem zu den Morden an neun Migranten und der Polizistin Michèle Kiesewetter bekannt hat. Im Schutt des abgebrannten Wohnmobils in Eisenach hatten Ermittler außerdem Bahncards gefunden, die auf die Namen von André E. und seiner Frau Susann ausgestellt waren, aber von Zschäpe und Böhnhardt benutzt worden sein sollen.

hut

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