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Attentäter von Toulouse: Mutter von Mohammed Merah auf freiem Fuß

Drei Tage lang war sie in Gewahrsam der Polizei, nun ist die Mutter des Attentäters von Toulouse wieder frei - und fürchtet sich vor Racheakten. Der Bruder von Mohammed Merah wurde hingegen zu weiteren Befragungen nach Paris geflogen. Er soll ausgesagt haben, er sei "stolz" auf seinen jüngeren Bruder.

Polizisten, Verdächtiger: In der Mitte sitzt vermutlich der Bruder des Attentäters Merah Zur Großansicht
AP

Polizisten, Verdächtiger: In der Mitte sitzt vermutlich der Bruder des Attentäters Merah

Hamburg - Es soll ihr Computer gewesen sein, den Mohammed Merah nutzte, um sein erstes Opfer in die Falle zu locken: Die Mutter des Attentäters von Toulouse ist wieder auf freiem Fuß - das gab der Anwalt der Frau bekannt. Sie sei am Boden zerstört, sagte ihr Verteidiger Jean-Yves Gougnaud. "Ihre Welt ist auf den Kopf gestellt. Sie hätte sich niemals vorstellen können, dass ihr Sohn all das getan hat."

Mohammed Merah hatte sich dazu bekannt, drei Soldaten, einen Lehrer und drei Kinder in Toulouse und Montauban kaltblütig ermordet zu haben. Nach einer mehr als dreißigstündigen Belagerung war er von einem Spezialkommando der Polizei erschossen worden. Wie zuletzt bekannt wurde, stand er bei den US-Sicherheitsbehörden auf der "no-fly"-Liste für Terrorverdächtige - damit war er von Flügen in die USA ausgeschlossen.

Zoulhika A., so der Name der Mutter, frage sich, ob sie die Taten ihres Sohnes hätte verhindern können, sagte Gougnaud. Seine Klientin sei wütend auf ihren Sohn und frage sich, warum er ihr dies angetan habe. Sie habe zudem Angst vor Racheakten und wolle deshalb im Moment nicht nach Hause zurückkehren. Dem Anwalt zufolge waren die drei Tage in Polizeigewahrsam sehr schwer für die Frau, die am Freitagabend wieder freikam. Sie habe mit der Polizei kooperiert, versicherte der Anwalt, es gebe keine Anklage.

Abdelkader Merah, der ältere Bruder des Attentäters, befindet sich hingegen weiter in Haft. Die Ermittler prüfen derzeit, ob es bei den Anschlägen Mittäter oder Unterstützer gab - und dabei konzentrieren sich die Untersuchungen auf den 29-Jährigen. Er und seine Ehefrau wurden für weitere Befragungen nach Paris geflogen.

Die Ermittler wollen vor allem klären, wie der Attentäter ohne eigenes Einkommen ein Waffenarsenal anhäufen konnte. Der französische Geheimdienstchef Ange Mancini sagte dem Fernsehsender BFMTV, Merah habe während der Belagerung durch die Polizei erklärt, er habe 20.000 Euro für die Waffen bezahlt. Das Geld stamme aus Einbrüchen. Mancini sagte, er halte das für möglich. Die Ermittler würden die Waffen jedoch untersuchen, um Hinweise auf ihre Herkunft zu erhalten.

Abdelkader Merah soll ausgesagt haben, er habe nichts von den Plänen seines Bruders gewusst, sei aber "stolz" auf sie - das verlautete laut AFP aus dem Umfeld der Polizei.

Terrorwarnstufe wieder gesenkt

Mohammed Merah hatte vor seinem Tod erklärt, weder seine Mutter noch sein Bruder hätten von seinen Plänen gewusst. Ein Sprecher der Polizeigewerkschaft sagte hingegen, es gebe Hinweise, dass Abdelkader seinem Bruder möglicherweise geholfen habe. Der Verdächtige war bereits vor einigen Jahren von der Polizei vernommen worden, weil er Kontakt zu einem Netzwerk gehabt haben soll, das Jugendliche aus der Region von Toulouse in den Irak schickte.

Im nordfranzösischen Rouen erinnerten Hunderte in Weiß gekleidete Menschen mit einem Gedenkmarsch an das erste Opfers Merahs. Die Trauernden versammelten sich vor dem Haus der Familie des am 11. März getöteten Fallschirmjägers. Einige hielten ein großes Spruchband mit den Namen aller sieben Opfer Merahs und dem Satz "Wir werden es niemals vergessen" in die Höhe. Der Soldat soll am Sonntag in Marokko beerdigt werden.

Die französische Regierung hat die nach den Morden ausgerufene höchste Terrorwarnstufe unterdessen wieder aufgehoben. Am Samstag wurde die Stufe für den Südwesten Frankreichs von "scharlachrot" wieder um eine Stufe abgesenkt.

hut/dapd/AFP/dpa

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Toulouse: Ende eines Nervenkriegs

Chronologie
Zwölf Tage der Angst
Der Serienattentäter von Toulouse hat ganz Frankreich zwölf Tage lang in Atem gehalten. Die Ereignisse in der Übersicht:
11. März: Der erste Mord
Ein Fallschirmjäger in Zivil wird am Nachmittag in Toulouse auf offener Straße erschossen. Der Täter, der sein Opfer durch eine Internetanzeige aufspürte, flieht auf einem Motorroller.
15. März 2012: Zwei Soldaten getötet
Ebenfalls auf offener Straße werden zwei weitere Fallschirmjäger getötet, die gerade am Geldautomaten Geld abheben wollten. Ein dritter Soldat wird lebensgefährlich verletzt. Auch diesmal flieht der Täter auf einem Motorroller. Ort der Bluttat ist Montauban, rund 50 Kilometer nördlich von Toulouse.
19. März 2012: Drei Kinder und ein Lehrer werden erschossen
Vor Unterrichtsbeginn erschießt ein Mann vor einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Lehrer. Bei der Gewalttat, die weltweit Entsetzen auslöst, trägt der Täter eine Kamera um die Brust geschnallt. Präsident Nicolas Sarkozy ruft in Südfrankreich die höchste Terrorwarnstufe scharlachrot aus.
20. März 2012: Frankreich trauert
Frankreich gedenkt der Opfer in einer Schweigeminute.
21. März 2012: Fahnder entdecken das Versteck
Die Polizei spürt Mohammed Merah auf und umzingelt gegen 3 Uhr morgens dessen Haus im Osten von Toulouse. Der algerischstämmige Franzose verschanzt sich in dem Gebäude. In Israel werden die vier jüdischen Opfer begraben, in Frankreich findet eine Trauerfeier für die drei Fallschirmjäger statt.
22. März 2012: Scharfschützen töten Mohammed Merah
Nach rund 32 Stunden Belagerung dringt die Polizei am Vormittag in Merahs Wohnung vor. Er versteckt sich zunächst im Badezimmer und schießt dann wild um sich. Er wird von Scharfschützen getötet, als er aus dem Fenster flüchten will.

Quelle: AFP


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