Mysteriöse Erschießungen Spur der Döner-Mörder führt zur Wettmafia

Die Polizei verfolgt eine heiße Spur: Die Ermittlungen wegen verschobener Fußballspiele haben einen Hinweis auf die sogenannten Döner-Morde ergeben - eine der mysteriösesten Tötungsserien Europas. Hatten die neun Erschossenen Schulden bei der Wettmafia?

Von , und

DPA

Hamburg - Der Mann am Telefon war sich ganz sicher: "Die haben seinen Bruder getötet." Der habe Probleme gehabt und sei deshalb erschossen worden. Der Anrufer nannte sowohl den Namen des Täters, als auch den des Opfers. Nun aber habe auch der Bruder ein Problem - 60.000 Euro Schulden bei den Leuten, die den Mord in Auftrag gegeben haben sollen.

Dieses Telefonat fingen Kriminalbeamte am 7. Oktober ab. Sie ermittelten eigentlich im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bochum gegen eine Gruppe Männer, die verdächtigt werden, im großen Stil Fußballspiele verschoben und Wetten manipuliert zu haben. Der Fall an sich ist schon spektakulär, der Anruf aber hat den Ermittlungen eine völlig neue Dimension gegeben.

Vertrauliche Hinweise, die das Bundeskriminalamt (BKA) erhalten hat, bringen das am Telefon unvorsichtigerweise erwähnte Tötungsdelikt in der Türkei in Verbindung mit einer der mysteriösesten Mordserien, die es in Deutschland je gegeben hat, den sogenannten Döner-Morden.

Fahnder der BKA-Ermittlungsgruppe "Ceska" gehen nun dem Verdacht nach, die Ermordung von neun Männern quer durch die Bundesrepublik könnte im Zusammenhang stehen mit Wettbetrügereien und verschobenen Fußballspielen, gegen die derzeit die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt.

Neun Männer, acht Türkischstämmige und ein Grieche, waren zwischen 2000 und 2006 an verschiedenen Orten in der Republik regelrecht hingerichtet worden. Die Männer kannten sich nicht, es gab kein erkennbares Motiv, es gab nur eine Gemeinsamkeit. Alle neun starben durch dieselbe Waffe, eine Pistole tschechischen Fabrikats, Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter.

Erstmals gibt es jetzt ein plausibles Motiv, warum die Opfer erschossen wurden. Ging es etwa um Wett- oder Spielschulden?

Gesprächspartner sind dem Umfeld der Wettmafia zuzurechnen

Der mutmaßliche Mord in der Türkei ist Thema mehrerer Telefonate, welche die Kripo abgefangen hat. Sämtliche Gesprächspartner sind dem engeren Umfeld der Wettmafia zuzurechnen. Sie kennen sich gut, und sie kennen sich wohl auch gut aus.

Die Polizei geht davon aus, dass ein 42-jähriger Türke einen Landsmann mit der Erschießung des am Telefon erwähnten "Bruders" beauftragt habe. Der Rechtsanwalt des Verdächtigen sagte SPIEGEL ONLINE, sein Mandant habe nichts mit den Morden zu tun. Die Vorwürfe basierten auf Verleumdungen und seien längst entkräftet.

Thomas Koch vom Oberlandesgericht Nürnberg indes bestätigte auf Anfrage: "Der 42-Jährige spielt in dem Verfahren eine Rolle." Zu Details könne er sich aber wegen laufender Ermittlungen nicht äußern. Auch das BKA hält sich bedeckt. Die Fahnder ermitteln über diplomatische Kanäle, der BKA-Verbindungsbeamte in der deutschen Botschaft in Ankara ist involviert, denn wegen des Mordes sollen bereits mehrere Männer in der Türkei in Haft sitzen.

Tatsache ist, dass die Polizei den 42-Jährigen schon länger im Visier hat. Doch es fehlte an Beweisen. Bringt der Mord in der Türkei den Durchbruch?

Am einfachsten wäre es, wenn die Türken den Deutschen die Kugel gäben, mit der jener Mann getötet worden sein soll, und diese auch aus der Ceska stammte. Dann wäre manches klar.

Andererseits kann der Mann auch mit einer anderen Waffe erschossen worden sein. Das schlösse die Verbindung keineswegs aus. Denn welcher Profikiller transportierte eine so heiße Pistole schon über mehrere Grenzen?

Tatzeugen gab es nie

Dass Profis am Werk waren, daran hat die Polizei schon lange keinen Zweifel mehr. Der oder die Täter gingen stets mit einer Kaltblütigkeit vor, die selbst erfahrene Beamte staunen lässt. Sie traten am helllichten Tag an ihre Opfer heran, selbst wenn Passanten in der Nähe waren, schossen ihnen in den Kopf und gingen davon. Tatzeugen gab es nie, Angehörige beteuerten stets, das Opfer habe keine Feinde gehabt, sei weder verschuldet gewesen noch spielsüchtig.

Oder vielleicht doch? Dass die Polizei keine Beweise fand, hat wohl nicht viel zu sagen. In dem Milieu, in dem nun die Bochumer Staatsanwaltschaft ermittelt, werden keine Verträge geschlossen. Die Zocker wissen, wie viel sie verloren haben und wann Zahltag ist. Zwar können sie sich die Schulden stunden lassen, aber die Zinsen betragen zehn Prozent - im Monat. Und wer nicht zahlen kann, der wird übel zugerichtet.

Mehrfach stieß die Polizei bei ihren Ermittlungen auf Schuldner, die in einen Keller gesperrt und geschlagen wurden, bis sie zahlungswillig waren. Wer an diese Männer geriet, hatte schon vor Spielbeginn verloren. Nicht nur Fußballspiele wurden verschoben, es wurde auch mit gezinkten Karten, manipulierten Würfeln und versteckten Kameras betrogen.

Teure Scheidung

Insofern ergäbe die Spur durchaus einen Sinn. Denn die einzige Gemeinsamkeit der Opfer war ihre knappe Kasse. Abdurrahim Ö., 48, Opfer Nummer zwei aus der Nürnberger Innenstadt, arbeitet bei Siemens am Band. Seine Frau hatte ihn verlassen, Nachbarn berichten von einer teuren Scheidung. Abends reparierte Ö. Reißverschlüsse und Hosenaufschläge in seinem kleinen Schneideratelier. Dort wurde er im Juni 2001 auch erschossen, doch zuvor wollen Nachbarn einen Streit gehört haben. Zwei Männer mit osteuropäischem Akzent hätten eine Zahl gebrüllt. Und die Nachbarn dachten, da wolle jemand sein Auto verkaufen und man streite sich um den Preis. Wahrscheinlicher ist, dass es um die Höhe der Schulden ging.

Auch dem freundlichen Dönerbudenbesitzer Ismail Y. aus Nürnberg soll es nicht leicht gefallen sein, seine monatlichen Kosten zu decken. Ihn traf die tödliche Kugel im Juni 2005.

Der Grieche Theodorous B. verkehrte fast täglich im Zockermilieu. In einer kleinen türkischen Kneipe in der Nähe des Münchner Bahnhofsviertels, wo an fast jedem Tisch Backgammon gespielt wird, war er Stammgast. Um seinen neu eröffneten Laden, einen Schlüsseldienst, mit Billigregalen einzurichten, so erzählen seine Freunde dort, habe er jeden Cent zusammenkratzen müssen.

Kurz nach der Eröffnung wurde B. - nur sechs Tage nach Ismail Y. - hingerichtet. Ebenso wie der 21-jährige Halit Y., der in Kassel ein Internetcafé betrieb und sich dafür von seinem Vater Geld geliehen hatte. Er starb als bisher letztes Opfer in Deutschland im April 2006 durch eine Kugel aus der Ceska.

Wollten sie alle ihre Geldnöte durch illegale Wetten oder Würfelspiele beheben? Dass die in Nürnberg ansässige Soko Bosporus und auch die Ermittler in anderen Bundesländern keine Hinweise auf Schulden bei den Opfern fanden, schließt das nicht aus.

Kleine Ladenbetreiber ohne Vermögen nehmen selten Kredite bei der Bank auf, vielleicht überziehen sie sogar ihr Girokonto nur minimal. Das Geld, das sie brauchen, besorgen sie sich lieber anderswo. Und begeben sich womöglich in fatale Abhängigkeit.

"Eure Polizei wird diesen Fall nicht lösen"

Und die dürfte den Familien der Getöteten auch nicht ganz verborgen geblieben sein. Die Verwandten des ersten Opfers, des Blumenhändlers Enver S. aus Nürnberg, bekannten nach der Tat, sie hätten große Angst. Vor wem, sagten sie nicht. Die anderen Befragten schwiegen eisern.

Die Kripo erntete bei den Familienmitgliedern meist nur Kopfschütteln. Ehefrauen wollten von den Geschäften des Mannes nichts gewusst haben, enge Freunde verwandelten sich über Nacht in oberflächliche Bekannte, man habe sich nur gelegentlich gegrüßt, das war's.

"Eure Polizei wird diesen Fall nicht lösen", orakelte ein türkischer Nachbar von Halit Y. Und der frühere Nürnberger Soko-Leiter Wolfgang Geier musste eingestehen, die Polizei wisse viel zu wenig über ausländische Mitbürger und ihre Mentalität.

Eine plausible Idee

In ihrer Not hielten sich die Soko und die beauftragten Profiler sogar an die These vom irren Einzeltäter. Einmal sollte es ein Serienkiller sein, der sexuell motiviert war, einmal versteifte man sich auf einen Handelsvertreter mit Türkenhass.

Höhepunkt der abenteuerlichen Nachforschungen war 2006 die Festnahme eines Beamten des hessischen Verfassungsschutzes. Der Mann hatte sich mit einer Plastiktüte, die offenbar einen schweren Gegenstand barg, zur Tatzeit im Internetcafé von Y. aufgehalten. Wie sich später zeigte jedoch nur, um heimlich am Bildschirm seinen sexuellen Neigungen nachzugehen.

Doch mit den Ermittlungen im Zockermilieu gibt es jetzt ein mögliches Motiv. Es ist das erste Mal, dass die Fahnder eine plausible Idee haben, warum die neun Männer sterben mussten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Knütterer, 12.12.2009
1. Parallelgesellschaft...
... hier an dieser Stelle sollten sich mal wieder die "Alles-ist-gut-Mulitkulti-Freunde" eines Besseren belehren lassen! Es wird für die Ermittlungsbehörden nicht leichter, sondern künftig noch schwerer, Delikte mit dieser Brisanz zu klären!
systemfeind 12.12.2009
2. Döner-Bude / € 3500.- Kaltmiete
Zitat von Knütterer... hier an dieser Stelle sollten sich mal wieder die "Alles-ist-gut-Mulitkulti-Freunde" eines Besseren belehren lassen! Es wird für die Ermittlungsbehörden nicht leichter, sondern künftig noch schwerer, Delikte mit dieser Brisanz zu klären!
....bisher konnte mir nie jemand erklären wie man den Döner für € 2,50 verkaufen kann wenn bereits die Monatskaltmiete für den Laden bei € 3500 bis € 5000.- liegt . Natürlich geht es "irgendwie" und natürlich macht der Dönermann am Wochenende "ganz viel Umsatz" und natürlich bruchen wir noch viel mehr "Unternehmer" . ( Das "Geschäftsmodell" funktioniert auch bei Kneipen : man "verkauft" Bier , legt Geld in die Kasse und alle sind happy ( auch das Finanzamt ) ) .
lenon 12.12.2009
3. unfassbar geringer Ermittlungsdruck
Es ist schier unfassbar, dass die Ermittlungsbehörden acht Jahre lang illegale Schulden als Motiv der Mordserie weder belegen noch entkräften konnten! Man stelle sich mal den polizeilichen Ermittlungsdruck - und die schnellen Erfolge - vor, wenn es sich bei den Todesopfern nicht um arme ausländische Schlucker, sondern um deutsche Industriemanager gehandelt hätte. Die zocken zwar auch gerne am Rande der Illegalität, erhalten dann aber keine Kopfschüsse, sondern eine Millionen-Abfindung und vielleicht Jobs in ein paar Aufsichträten. Vielleicht ist unsere Kriminalpolizei noch nicht in der multi-ethnischen Gesellschaft angelangt, wo nicht alle Kredite von der örtlichen Sparkasse vergeben werden?
bürger mr 12.12.2009
4. So isses
Zitat von lenonEs ist schier unfassbar, dass die Ermittlungsbehörden acht Jahre lang illegale Schulden als Motiv der Mordserie weder belegen noch entkräften konnten! Man stelle sich mal den polizeilichen Ermittlungsdruck - und die schnellen Erfolge - vor, wenn es sich bei den Todesopfern nicht um arme ausländische Schlucker, sondern um deutsche Industriemanager gehandelt hätte. Die zocken zwar auch gerne am Rande der Illegalität, erhalten dann aber keine Kopfschüsse, sondern eine Millionen-Abfindung und vielleicht Jobs in ein paar Aufsichträten. Vielleicht ist unsere Kriminalpolizei noch nicht in der multi-ethnischen Gesellschaft angelangt, wo nicht alle Kredite von der örtlichen Sparkasse vergeben werden?
Die deutsche beamtendenke ist noch Lichtjahre entfernt von der Multikulti Realität. Das sieht man doch schon bei der Gesetzgebenden Seite, Wolke 7 und Anschlußjob bei der Industrie, was wirklich im Lande geschieht interessiert die Zumwinkel´s doch einen feuchten Kehricht.
Haio Forler 12.12.2009
5. .
Zitat von lenonEs ist schier unfassbar, dass die Ermittlungsbehörden acht Jahre lang illegale Schulden als Motiv der Mordserie weder belegen noch entkräften konnten! Man stelle sich mal den polizeilichen Ermittlungsdruck - und die schnellen Erfolge - vor, wenn es sich bei den Todesopfern nicht um arme ausländische Schlucker, sondern um deutsche Industriemanager gehandelt hätte. Die zocken zwar auch gerne am Rande der Illegalität, erhalten dann aber keine Kopfschüsse, sondern eine Millionen-Abfindung und vielleicht Jobs in ein paar Aufsichträten. Vielleicht ist unsere Kriminalpolizei noch nicht in der multi-ethnischen Gesellschaft angelangt, wo nicht alle Kredite von der örtlichen Sparkasse vergeben werden?
Also Moment, wenn ich 5 Leichen an 5 Döerbuden sehe, ist mein erster Verdacht erst einmal nicht illegales Wetten. Da würde mein erster Verdacht eher auf einen Döner-Fabrikanten fallen, auf einen Döner-Konkurrent oder ein Lamm, daß verspätet ziemlich sauer ist. Denn fragen Sie mal, wieviele Griechen Zocker sind; die komen gklich nach den Chinesen, das ist kaum ein Anhaltspunkt. Wetten ist da nix besonderes, und Schulden zu haben heute, ebenfalls nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.