Demonstrationen nach Mord an Susanna "Dafür oder dagegen?"

In Mainz demonstrieren politische Gruppen anlässlich des Mordes von Susanna. Die Linken prangern die autoritäre männliche Gesellschaft an, die Rechten fordern einen harten Umgang mit Kriminellen. Um die tote 14-Jährige geht es kaum.

Schilder von der Demonstration der AfD in Mainz
REUTERS

Schilder von der Demonstration der AfD in Mainz

Aus Mainz berichtet


Am Tatort in Erbenheim bei Wiesbaden hatte am Tag nach dem Fund der Leiche jemand ein grob gezimmertes Holzkreuz aufgestellt, darauf die Worte: "Susanna 14 Jahre Opfer der Toleranz". Zwei Tage später türmen sich an dieser Stelle etliche Grablichter, kleine Engel aus Ton, Trockenblumen und Abschiedsbriefe: "We miss you, Susanna". Das Kreuz steht auch noch da. Allerdings hat jemand es umgedreht, die Worte sind nicht mehr zu sehen. Es ist jetzt nur noch ein Zeichen der Trauer.

Genau darum ging es am Samstag in Mainz auf den beiden ersten von mehreren für die kommenden Tage angekündigten Demonstrationen. Ist diese Tat eine Angelegenheit von politischer Bedeutung, ein Politikum? Ist überhaupt denkbar, die Tat nicht zu instrumentalisieren?

Die Vergewaltigung und Ermordung der 14-jährigen Susanna F. aus Mainz, mutmaßlich durch einen abgelehnten Asylbewerber aus dem Irak, ereignete sich schließlich zu einem Zeitpunkt, da Überforderung und Versagen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) offenbar geworden sind.

40 linke, 80 rechte Demonstranten

Für 13 Uhr hat auf dem Petersplatz in der Innenstadt die "Gutmenschliche Aktion" zu einer Trauerkundgebung geladen. Das linke Bündnis hat, wie Organisatorin Franziska B. zu Protokoll gibt, ausdrücklich "keine Gegendemo" zur Veranstaltung der AfD im Sinn, die für 15 Uhr angesetzt ist (Motto: "Es reicht! Endlich Konsequenzen ziehen!").

Was sich einfindet, ist ein Grüppchen aus höchstens 40 Leuten, umlagert von mindestens ebenso vielen Medienvertretern. Zu sehen sind Punks, Studenten, die "linke Gewerkschaftsjugend" und T-Shirts mit dem Aufdruck "Kein Mensch ist illegal". Es werden Flugblätter der Linken und sozialistischer Splittergruppen verteilt, Zigaretten gedreht und in die vielen Mikrofone politische Auskünfte erteilt.

Nach einer Schweigeminute, die tatsächlich genau sechzig Sekunden dauert, halten Aktivistinnen und Aktivistenkurze Reden, abgelesen von Zetteln oder vom Smartphone. Darin geht es, meist im Stil soziologischer Proseminare, um die "Alltagstauglichkeit sexualisierter Gewalt" gegen Frauen und Mädchen. Die Tat sei Ausdruck einer auch in Deutschland "patriarchalischen" und "autoritären männlichen Gesellschaft".

Einerseits verdammen die Rednerinnen und Redner jeden Versuch, die Tat zum Anlass zu nehmen, um "rassistisches Gedankengut" unters Volk zu bringen. Andererseits sind die Vorträge über die Zusammenhänge von Patriarchat, Rassismus und Gewalt gegen Frauen ebenfalls keine Trauerreden, sondern eine Vereinnahmung des Geschehens für die vermeintlich gute Seite.

Am Ende werden die Teilnehmer gebeten, "nicht direkt" zur AfD-Veranstaltung vor der nur wenige Meter entfernten Staatskanzlei auszuschwärmen. Die Polizei ist mit Hundertschaften angetreten, um eine Konfrontation der Demonstranten zu verhindern. Ihren eigenen Bereich hat die Partei gut gesichert. "Dafür oder dagegen?", fragt der "Ordner" jeden, der hinein möchte.

"Ist das abgesagt?"

Hier herrscht - abgesehen vom Tross der Medienleute - noch weniger Auftrieb als bei der Demo der "Gutmenschen". Eine Handvoll älterer Damen mit selbstgemalten Schildern, auf denen "Schützt unsere Töchter! Eine Mutter!" zu lesen ist, wartet im Schatten und will nicht mit der Presse sprechen: "Sie schaden unserem Land!" Ein Sympathisant der AfD staunt: "Ist das abgesagt?"

Ist es nicht. Kurz vor dem angesetzten Termin rauscht eine Gruppe von AfD-Delegierten mit professionell hergestellten Schildern ("Zum Gedenken: Freiburg, Kandel, Mainz") und schwarzen Schleifen am Revers geschlossen auf den Helmut-Kohl-Platz - angeführt von Joachim Paul, Fraktionsvize seiner Partei im Landtag von Rheinland-Pfalz, und seinem Chef Uwe Junge. Angekündigt waren 200 Teilnehmer, mehr als 80 sind es nicht geworden.

So sieht kein "Riss in der Gesellschaft" aus

Zu sehen sind "Lonsdale"-T-Shirts und Seitenscheitel, Grablichter, burschenschaftliche Schmisse und eine reifere Bürgerlichkeit, die sich vor den Kameras darüber beschwert, bei einer anderen Veranstaltung neulich von "vermummten Antifanten" bis zum Parkhaus verfolgt worden zu sein. Diesmal bleibt es, bis auf wenige Zwischenrufe, ruhig.

Eine Volksbewegung sieht anders aus, wie überhaupt auch von Hysterie auch auf der Gegenseite keine Rede sein kann. Die Leute stehen mit ihren Schildern herum und sind wahlweise empört oder besorgt, meistens beides. Straßenschlachten oder bürgerkriegsähnliche Verhältnisse sind von den paar Leutchen hüben wie drüben jedenfalls nicht zu erwarten, auch wenn der mediale Auftrieb das erwarten lässt. Wenn in Mainz irgendwo der vielbeschworene "Riss" in der Gesellschaft sein soll, dann hält die Gesellschaft den locker aus.

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Wiesbaden: Der Fall Susanna

In seiner Rede würdigt Uwe Junge "Menschen, die von weit weg angereist sind" und meint damit das ebenfalls dem rechten Spektrum zuzurechnende Bündnis "Frauen von Kandel". Das Opfer, sagt Junge, sei gestorben, weil es "der Gutgläubigkeit des Mainstreams folgte". Dieser Mainstream solle sich bei der Familie der Ermordeten "für die Folgen ihrer Politik entschuldigen".

Ferner fordert Junge Kanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) dazu auf, "Kriminelle aus unserer Gemeinschaft zu entfernen". Beide Politikerinnen hätten sie ihren Eid verletzt, "Schaden vom deutschen Volk abzuwenden". Inzwischen könne "jeder hier rumlaufen und sich verstecken". Das Grundgesetz müsse überdacht werden.

Junge redet frei und nicht lange, schließlich sei das ja eine Trauerveranstaltung. Nach wenigen Minuten regt er an, noch ein Weilchen "zum Gespräch" beisammen zu stehen, und spricht routiniert in jede Kamera ("Von wem sind Sie? Ah, Reuters!"), was er von Grundgesetz und Grenzen hält.

Übrigens gab es auch bei der AfD es eine Schweigeminute für Susanna. Sie dauerte zehn Sekunden.

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