Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nach Schlägen bei Demo: Berliner Polizist fliegt aus seiner Einheit

Er bleibt im Dienst, muss aber seine Einheit verlassen: Die Polizei in Berlin hat erste Disziplinarmaßnahmen gegen den Beamten getroffen, der einen Radfahrer prügelte. In einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wirft das Opfer der Polizei vor, den Ablauf der Ereignisse vertuschen zu wollen.

Bilder des YouTube-Videos: Faustschlag ins Gesicht Zur Großansicht
ddp

Bilder des YouTube-Videos: Faustschlag ins Gesicht

Berlin - Das Video auf YouTube ist mittlerweile fast 200.000 Mal angeklickt worden: Es zeigt einen Radfahrer, der neben einem Polizisten friedlich auf der Straße steht und sich offensichtlich dessen Dienstnummer auf einem Stück Papier schreibt. Dann schiebt er sein Fahrrad in Richtung Bürgersteig. Er kommt aber nicht weit: Plötzlich zerrt ihn ein Polizist zurück, andere Beamten kommen dazu, einer schlägt dem Passanten ins Gesicht. Danach wird er abtransportiert. Ein weiterer Passant bekommt bei dem Handgemenge offenbar einen Schlag ab, er ist kurz darauf mit einer blutenden Wunde im Gesicht zu sehen.

Das Video hat ein Demonstrant der Datenschutz-Demo "Freiheit statt Angst", die vergangenen Samstag durch das Berliner Zentrum zog, ins Netz gestellt. So wurde der Polizeiübergriff erst publik - und zum Skandal. Die Polizei hat bereits am Sonntagabend die Echtheit des Videos eingeräumt. Die internen Ermittlungen gegen den verantwortlichen Beamten wegen Körperverletzung im Amt liefen mit Vorrang, sagte ein Sprecher. Der Polizist sei bei früheren Demonstrationen nicht negativ aufgefallen.

Als erste Reaktion wurde der schlagende Ordnungshüter am Montag aus seiner Hundertschaft herausgenommen. Er sei aber nicht vom Dienst suspendiert worden - es gebe eine "andere dienstliche Verwendung" für ihn, teilt die Polizei mit. Jetzt müssten erst einmal alle Beteiligten zu den Ereignissen befragt werden, natürlich auch der verletzte Passant, ergänzte die Pressestelle der Berliner Polizei.

"Diverse Schläge und Tritte"

Laut Pressemeldung der Polizei vom Sonntag sei es während der Überprüfung eines Lautsprecherwagens "seitens mehrerer Teilnehmer zu massiven Störungen der polizeilichen Maßnahmen" gekommen. "Trotz wiederholter Aufforderungen, den Ort zu verlassen, störte insbesondere ein 37-Jähriger weiter" - gemeint war der Radfahrer. Daraufhin habe man ihm einen Platzverweis erteilt und ihn festgenommen.

Dieser Geschichte widerspricht der Radfahrer vehement. Die Darstellung der Berliner Polizei sei falsch, ließ der 37-Jährige über seinen Anwalt in einem Schreiben ausrichten, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Mein Mandant ist Augenzeuge eines aus seiner Sicht unverhältnismäßigen polizeilichen Gewalteinsatzes gegenüber einer Frau geworden und hat daran beteiligte Polizeibeamte nach der Dienstnummer gefragt. Diese weigerten sich, die Dienstnummer herauszugeben …" Als er wie von der Polizei angeordnet auf den Bürgersteig gehen wollte, sei er "von hinten von einem Polizeibeamten" ergriffen worden. Neben diversen Schlägen und Tritten habe man ihn daraufhin auch "mit dem Kopf 2x gegen einen Lautsprecherwagen (…) geschlagen", ihn in einen Polizeitransporter gebracht "und dort weiter misshandelt."

Berlins Innensenator Ehrhart Körting äußerte sich am Montag nicht. Erst müsse der Fall komplett aufgeklärt werden. Dennoch kam die politische Diskussion zu dem Fall bereits in Gang: Körting und Polizeipräsident Dieter Glietsch müssten im Innenausschuss am nächsten Montag Stellung nehmen, ob gegen Demonstranten unverhältnismäßig vorgegangen wurde, sagte der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Björn Jotzo. Die Oppositionsfraktion der Grünen forderte, jeder Polizist solle bei Einsätzen künftig seinen Namen an der Uniform tragen. Der Chaos Computer Club, Mitorganisator der Demonstration "Freiheit statt Angst", forderte seinerseits "Nummernschilder" für Polizisten, um sie zumindest während eines konkreten Einsatzes identifizierbar zu machen.

tht/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 277 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. raus!
Gebetsmühle 14.09.2009
Zitat von sysopEr bleibt im Dienst, muss aber seine Einheit verlassen: Die Polizei in Berlin hat erste Disziplinarmaßnahmen gegen den Beamten getroffen, der einen Radfahrer prügelte. In einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wirft das Opfer der Polizei vor, den Ablauf der Ereignisse vertuschen zu wollen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,648950,00.html
das reicht nicht. der polizist ist fristlos aus dem polizeidienst zu entfernen. in einem rechtsstaat geht es so nicht. offensichtlich wurde ja ein fehlverhalten eindeutig erkannt, sonst gäbe es auch keine disziplinarmaßnahmen. daraus sind nun aber auch die konsequenzen zu ziehen. außerdem ist ein strafverfahren einzuleiten. schläger im dienst, welches argument hat man dann noch gegen u-bahn-schläger?
2. Nachdenklich
Moewi 14.09.2009
Zitat von sysopEr bleibt im Dienst, muss aber seine Einheit verlassen: Die Polizei in Berlin hat erste Disziplinarmaßnahmen gegen den Beamten getroffen, der einen Radfahrer prügelte. In einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wirft das Opfer der Polizei vor, den Ablauf der Ereignisse vertuschen zu wollen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,648950,00.html
Hoffentlich bekommt er zunächst einmal einen Schreibtischplatz ohne jeden "Kundenkontakt" - da man eben noch in den Ermittlungen steckt. Wiederholungsgefahr nicht ausgeschlossen. Suspendierung bis zur Klärung wäre aber angemessener und nachvollziehbarer gewesen.
3. Auch nur ein Mensch
Beobachter123 14.09.2009
Guten Abend die Herren, zunächst einmal möchte ich meinen Vorrednern in einigen Punkten Recht geben. Gewalt ist keine Lösung und körperliche Unversehrtheit ist ein hohes Rechtsgut. Dennoch erschließt sich mir der Aufschrei der Internetgemeinschaft nicht. Ist es nicht durchaus versändlich das ein Beamter (ja auch die sollen ja bekanntlich Menschen sein) nach einem stundenlangen Einsatz auch einmal falsch und unangemessen reagiert? Wo bleibt der Aufschrei wenn tagtäglich Polizisten durch Flaschen und Pflastersteinwürfe verletzt werden? Polizisten die Grundrechte wie Meinungsfreiheit beschützen, auch wenn sie Privat z.B. rechtes Gedankengut verachten oder auch nur sinnlos gegen gewaltberauschte Hooligans verheizt werden. Gerade liberale und linksgerichtete Parteien fordern eine Reduzierung des Polizeiapperats und eine Kürzung der Gelder für innere Sicherheit. Auf der anderen Seite wird aber auch von einem Polizisten erwartet, nach kostengünsiger Ausbildung, zu einem kleinen Gehalt unfehlbar zu arbeiten. Leider wird ein Bericht wie dieser hier auf Spiegel.de von vielen Menschen unreflektiert in das eigene Meinungsbild übernommen. Genau das hat sich jedoch in der Vergangenheit als sehr gefährlich erwiesen. Bilden Sie sich bitte keine vorschnelle Meinung, sondern bedenken Sie das es sich bei dem Video nur um einen Blickwinkel handelt. Letztendlich spiegeln auch heute noch die Presseartikel die politische Einstellung des Redakteurs und der Redaktion wieder. Morgen hilft ihnen vielleicht gerade der gleiche Polizist ihre vermisste demenzkranke alte Mutter wieder zu finden.
4. Charakterlich ungeeignet!
egomeabsolvo, 14.09.2009
Dieser Straftäter ist charakterlich ungeeignet für den Polizeidienst. Seine "Kollegen", die gaffend herumstehen und ihn nicht zurückhalten, ebenfalls!
5. @Beobachter123
PromotorFidei 14.09.2009
Nein, es ist nicht verständlich wenn ein Beamter überreagiert. Polizeibeamte werden ausgebildet für solche Situationen. Hier stand eine Gruppe von trainierten Polizeibeamten einem Hänfling gegenüber, der weder bewaffnet war noch sich sonst bedrohlich verhalten hat. Selbst wenn er gepöbelt hätte, ist eine solch gewalttätige Reaktion unangemessen. Mal angenommen, die Einsatzgruppe hätte einen Grund den Mann vorläufig festzunehmen und er hätte sich körperlich gewehrt. Dann hätten zwei von den Beamten ihn festhalten und "sanft" abtransportieren können. Entsprechende Techniken sind Teil der Ausbildung. Hier stand eine ganze Einsatzgruppe gegen einen, von Notwehr oder Gefahr im Verzug kann keine Rede sein. Polizisten, die so leicht die Nerven verlieren, gehören nicht in den Dienst.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: