Nasser, schwul, aus Berlin Flucht vor der eigenen Familie

Da Nasser schwul ist, hat ihn seine Familie entführt - er sollte zwangsverheiratet werden. Jetzt hat das Amtsgericht Tiergarten Strafbefehl gegen den Vater und zwei Onkel erlassen. Für den jungen Mann ist das wie eine zweite Befreiung.

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Berlin - Nasser wollte so sein, wie er ist: schwul. Das war für seine Familie nicht hinnehmbar, Homosexualität betrachtet sie als Sünde, als Schande für die Familie. Sein Vater und zwei Onkel entführten den Jungen daher im Dezember 2012 für zwei Tage, möglicherweise wollten sie ihn im Ausland zwangsverheiraten, erst an der bulgarisch-rumänischen Grenze wurden sie gestoppt.

Deshalb hat das Amtsgericht Tiergarten nun Strafbefehl gegen Vater Daoud EL-A. sowie die Onkel Fadi Al-A. und Khalil Kamel Al-A. erlassen. Sie sollen eine Geldstrafe zahlen - jeweils 90 Tagessätze à 15 Euro, wegen Entziehung Minderjähriger und Freiheitsberaubung. Wenn sie innerhalb von zwei Wochen keinen Einspruch einlegen, sind sie rechtskräftig verurteilt und gelten als geständig.

Die Richterin ließ den Fall in das sogenannte Strafbefehlsverfahren übergehen, nachdem die drei Angeklagten nicht im Saal 701 des Kriminalgerichts Moabit erschienen waren. Damit habe er gerechnet, sagte Nebenkläger Nasser. "Ich bin wenigstens hier aufgetaucht, viele trauen sich das nicht."

Prozessbeobachter empfinden die Geldstrafe als sehr milde. Was Nasser darüber denkt, wollte er nicht sagen - die Richterin habe nun mal so entschieden, wie sie es für richtig gehalten habe. Nasser spricht ruhig und abgeklärt, er bezeichnet es als Glücksfall, dass sich überhaupt ein Gericht mit seinem Schicksal beschäftigte, anders als in vielen vergleichbaren Fällen. Er will Betroffene ermutigen, seinen Weg zu gehen, sich bei der Polizei oder Homosexuellenverbänden Hilfe zu holen.

Der junge Mann macht einen souveränen, fast befreiten Eindruck. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, auf seinem Hemd trägt er einen "Stop Homophobia"- Aufkleber, am rechten Handgelenk ein Schweißband in Regenbogenfarben, um den Hals ein Kette mit seinem Namenszug als Anhänger. "Ich will meine Sexualität nicht unterdrücken, das musste ich bei meinen Eltern", sagt er.

Eine Lüge leben - oder sich von der Familie entfremden

Es ist schwer vorstellbar, dass Eltern einen solchen Hass auf ihr Kind entwickeln, nur weil es nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und es ist ebenso schwer vorstellbar, dass ein Jugendlicher deshalb nur die Wahl hat, sich ein Leben lang zu verleugnen - oder sich von seiner Familie zu entfremden und, so wie Nasser, sie sogar vor Gericht zu bringen.

Juristisch ist der Fall nicht außergewöhnlich. Aber gesellschaftlich hat Nassers Geschichte eine andere Dimension. Sie bündelt die Themen Zwangsheirat, Entführung, Existenz einer Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, Werten, Moralvorstellungen. Nassers Schicksal zwingt dazu, sich mit unliebsamen, manchmal verborgenen und oft genug ignorierten Realitäten auseinanderzusetzen: Laut dem Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung wurden 2014 in der Stadt 460 Fälle bekannt, bei 29 waren Jungen betroffen. Es gibt zu wenige Anlaufstellen - und die sind meist auf Mädchen ausgerichtet.

Nasser sucht die Öffentlichkeit. "Ich bin kein Mensch, der sich versteckt", sagt der 18-Jährige. Er will, dass seine Geschichte bekannt wird.

Zwei Tage in der Gewalt der Verwandten

Nasser kam als Sohn libanesischer Einwanderer in Berlin zur Welt. Als Jugendlicher sei er misshandelt worden - ausgepeitscht, mit kochendem Wasser übergossen. Ein Onkel soll Benzin über ihn geschüttet und gedroht haben, ihn anzuzünden. Der Mann vermutete, Nasser sei schwul.

Durch Zufall wird der Verdacht der Familie bestätigt. Mit 15 erzählt Nasser in der Schule von seiner Homosexualität. Seine Eltern erfahren es von einer Mitschülerin. Der Vater habe damals gedroht, ihm ein Messer in den Hals zu rammen.

Am 15. Oktober 2012 läuft der Jugendliche von zu Hause weg, kehrt aber nach einigen Tagen zurück. Die Familie soll inzwischen einen Plan gefasst haben: Der Junge soll verheiratet werden, gegen seinen Willen, im Libanon warte ein schönes Mädchen. Nasser läuft wieder weg, meldet sich beim Jugendamt Neukölln, wird in Obhut genommen. Das Familiengericht entzieht den Eltern das Sorgerecht und verhängt für Nasser eine Auslandssperre - sein Vormund befürchtet, der Junge könnte entführt werden. Diese Entscheidung wurde zu Nassers Rettung.

Er hatte sich doch noch zu einem weiteren Treffen am 10. Dezember 2012 überreden lassen. Dort sei ihm etwas in Tee oder Cola gemischt worden. Danach könne er sich an nichts mehr erinnern, erst als er schon mit Vater und Onkeln im Auto saß, sei er zu sich gekommen. Am 12. Dezember werden die drei Männer an der bulgarisch-rumänischen Grenze gestoppt, als sie den damals 15-Jährigen wegbringen wollten - in die Türkei, sagt die Anklage. In den Libanon, glaubt Nasser.

"Ich bin immer noch Familienmitglied"

Nur weil er sich nicht täglich beim Jugendamt gemeldet hatte, hielten die Grenzer das Auto an. Nur deshalb kam Nasser zurück nach Berlin. Und nur deshalb konnte er seine Verwandten wegen Misshandlung, Zwangsheirat und Verschleppung anzeigen.

Dass es vor dem Amtsgericht nur um Entziehung Minderjähriger und Freiheitsberaubung geht, hat praktische Gründe. Die Misshandlungen liegen Jahre zurück, sind kaum noch nachzuweisen. Und die geplante Zwangsheirat? Juristisch zwar ein eigener Straftatbestand, aber ebenso schwer nachzuweisen, wenn Aussage gegen Aussage steht.

Heute lebt Nasser unter falschem Namen in einem Wohnprojekt, besucht unter falschem Namen die Schule. Angst vor weiteren Repressalien durch die Familie hat er nicht. Mit dem Prozess, sagt er, sei "ein Kapitel abgeschlossen, jetzt beginnt ein neuer Abschnitt".

Ohne Vater und Mutter, es besteht kein Kontakt. "Ich bin immer noch Familienmitglied", sagt Nasser. Ob das seine Eltern auch so sehen? Das wisse er nicht.

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