Veranstaltung der Piusbrüder Trauerfeier für NS-Verbrecher Priebke abgebrochen

Argentinien weigert sich, Erich Priebke zu beerdigen, seine deutsche Heimatstadt ebenso. Jetzt ermöglichten die erzkonservativen Piusbrüder eine Trauerfeier für den NS-Verbrecher. Antifaschisten und Rechtsradikale gerieten aneinander, Neonazis drängten auf das Gelände - die Veranstaltung musste abgebrochen werden.

DPA

Am Dienstag gegen 17 Uhr in der kleinen Stadt Albano Laziale, nicht weit von Rom, vor dem Stammsitz der Priesterbruderschaft St. Pius X.: "Mörder, Mörder", ruft eine dichte Menschenmenge, mit Tritten und Fausthieben wird ein Leichenwagen bedacht, der einen Sarg bringt. "Wir wollen diesen Schlächter nicht in unserer Stadt", rufen die Menschen. Carabinieri versuchen die aufgebrachte Menge abzudrängen, sie werden heftig beschimpft. Auch ein Piusbruder, der in das Gebäude will, wird attackiert.

Plötzlich zieht eine ganz andere Gruppe von Demonstranten die Straße herauf, zwei Dutzend Rechtsradikale intonieren den Neonazi-Spruch "Gehängt sei, wer aufgibt". Nur mühsam verhindert die Polizei, dass es zur Massenschlägerei kommt. Es herrscht Chaos rund um die Gebäude der Bruderschaft.

So haben es alle befürchtet, und so ist es gekommen. Der Bürgermeister hat die Veranstaltung verboten. Aber der römische Präfekt hat sie erlaubt.

Drinnen beginnt derweil der Anlass für den Krawall, die "private Trauerfeier" für den NS-Verbrecher Erich Priebke. Der ist am Freitag in Rom im Alter von 100 Jahren gestorben. Doch die Totenmesse muss am Abend abgebrochen werden, weil Neonazis auf das Gelände vordringen. Er habe die Behörden um ein Eingreifen gebeten, sagte Priebkes Anwalt Paolo Giachini laut italienischen Medienberichten.

Wer ist dieser Priebke?

Am 24. März 1944 verschleppte ein SS-Kommando 335 Menschen, darunter 75 Juden, in die Ardeatinischen Höhlen, am Rande Roms, erschoss die Zivilisten, sprengte die Höhlen. Die Opfer liegen noch heute dort begraben.

Es war eine "Vergeltungsaktion" für ein Bombenattentat italienischer Widerstandskämpfer, bei dem 33 deutsche Soldaten ums Leben kamen. Führend beteiligt an der Aktion war SS-Hauptsturmführer Erich Priebke. Er führte die Liste der "Todeskandidaten", erschoss eigenhändig zwei Geiseln.

Nach dem Krieg wurde er in Bariloche, Argentinien, aufgespürt, 1995 nach Italien überstellt und dort von einem Militär-Berufungsgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Wegen seines Alters und seines Gesundheitszustands kam er mit Hausarrest davon. Manchmal versammelten sich ein paar Demonstranten vor seinem Haus, aber ansonsten lebte Priebke ganz gemütlich in Rom, ging ab und an sogar spazieren.

Bereut hat er seine Taten nie. Er habe doch nur Befehle befolgt, sagte er immer, und in einem Zeitungsinterview verstieg er sich 2000 zu der Behauptung: "Drahtzieher der Inszenierung, die gegen mich stattfindet", sei das jüdische Wiesenthal Center gewesen.

Sein Tod bescherte Rom ein ganz neues Problem. Wie beerdigt man einen Kriegsverbrecher?

Eigentlich wollte Priebke in Argentinien begraben werden, in Bariloche, wo auch seine Frau beerdigt wurde. Aber die Regierung in Buenos Aires will Priebke nicht noch einmal ins Land lassen. Auch tot nicht.

So versuchte Priebkes langjähriger Anwalt Paolo Giachini für den "gläubigen Katholiken" eine kirchliche Trauerfeier und eine Beerdigung auf einem römischen Friedhof zu organisieren. Das nun fand die jüdische Gemeinde der italienischen Hauptstadt "unerträglich" und protestierte heftig. Ein Grab für Priebke "in der Stadt der Ardeatinischen Höhlen", so ihr Gemeindepräsident Riccardo Pacifici, hieße, "die Opfer noch einmal zu ermorden". Priebke solle doch nach Deutschland geschickt werden, in seine Heimatstadt.

Dort, im brandenburgischen Hennigsdorf fand man diese Idee, verständlicherweise, auch nicht erbaulich. Womöglich sah man schon, wie sich Horden unbelehrbarer Neonazis am Priebke-Grab versammeln und die Arme heben. Und Antifaschisten sammeln sich zur Gegendemo. Nein, nein, teilte die Kommune mit, nur Einwohner der Stadt oder dort Verstorbene mit unbekanntem Wohnsitz könnten nach der Friedhofsordnung auch dort bestattet werden.

Also doch Rom? Nein, beschied der Polizeipräsident, und verbot eine öffentliche Begräbnisfeier mit dem Transport des Sarges. Ein kirchliches Begräbnis lehnte die römische Kirchenleitung umgehend ab. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte, es dürfe keine öffentliche Zeremonie in einer römischen Kirche geben. Auch in Italiens Hauptstadt fürchtet man "Solidaritätsaktionen" von Rechtsradikalen. Und das in der Woche, in der sich zum 70. Mal die Razzia der SS im römischen Ghetto jährte: 1024 Juden wurden damals gefangen und nach Auschwitz gebracht. Nur 16 kamen lebend zurück.

Trauerfeier bei den Erzkonservativen

Die erzkonservative Piusbruderschaft hatte kein Problem mit einer Trauerfeier für Priebke, zu der sich ein paar Verwandte und eine Handvoll rechtsradikaler Priebke-Fans in der Kapelle der Piusbruderschaft einfanden. Warum auch? Sie wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet, der die Modernisierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnte und an den traditionellen Lehren und Riten der römisch-katholischen Kirche festhielt. Die Bruderschaft sammelte vor allem am rechten Kirchenrand ab: Bruder Bischof Richard Williamson zum Beispiel, der von sich Reden machte, als er 1989 in einer Predigt ausgerechnet mit Bezug auf des Vernichtungslager Auschwitz den Holocaust leugnete. Oder der ehemalige Regionalleiter der Bruderschaft in Nordostitalien, Pater Florian Abrahamowicz, der die Massenmorde mit dem Satz in Frage stellte: "Ich weiß, dass die Gaskammern zur Desinfektion benutzt wurden. Ich weiß nicht, ob darin Menschen zu Tode gekommen sind." Priebke hat es so ähnlich gesagt.

Papst Johannes Paul II. ließ die Lefebvre-Bischöfe exkommunizieren, Nachfolger Benedikt XVI. machte den Akt rückgängig.

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