Neonazi André K. Mann fürs Grobe

André K. ist einer der führenden Neonazis Thüringens. Er gehörte wie das Zwickauer Terror-Trio zur "Kameradschaft Jena", ist als einziger der Gruppe noch auf freiem Fuß. Der Aufstieg des dumpfen Kraftprotzes ohne besonderes Talent zeigt, wie man sich in der braunen Szene unentbehrlich macht.

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Hamburg - Erst läuteten kurz nach 7 Uhr Beamte des Landeskriminalamts Thüringen in Jena an Ralf Wohllebens Wohnungstür, kurz darauf klingelten in der Neonazi-Szene die Handys. "Sie haben den Ralf!" Die Festnahme des einstigen NPD-Funktionärs verbreitete sich am Dienstag wie ein Lauffeuer.

Der Vorwurf der Bundesanwaltschaft lautet auf Beihilfe zum Mord in sechs Fällen: Der 36-Jährige soll 2001 oder 2002 über einen Kurier eine Schusswaffe mit Munition an Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - die Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle - geliefert haben. Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass tödliche Anschläge durchgeführt werden könnten, so die Ermittler.

Wohlleben und das Terror-Trio waren Mitglieder der "Kameradschaft Jena", zu der insgesamt nur sechs Personen zählten. Die beiden anderen sind Holger G., der inzwischen ebenfalls wegen mutmaßlicher Unterstützung der Zelle in Haft sitzt - und André K. Innerhalb der Kameradschaft ließ er sich "Führer" nennen.

Stand auch K. in Verbindung zu den drei Mitgliedern des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU)? Das zumindest wirft der Generalbundesanwalt Wohlleben und Holger G. vor. Den bisherigen Ermittlungen zufolge soll Wohlleben dem Zwickauer Trio 1998 bei der Flucht geholfen und die abgetauchten Neonazis in der Folge auch finanziell unterstützt haben. Zudem soll er den Kontakt zu Holger G. vermittelt haben.

"André K. ist noch kein Beschuldigter des Verfahrens", sagt sein Rechtsanwalt Hendrik Lippold. Sein Mandant sei bislang als Zeuge vernommen worden und habe den Kontakt zum BKA und zum Generalbundesanwalt auf eigene Initiative gesucht. "Nicht, weil er sich dadurch Vergünstigungen erhofft, sondern weil er befürchtet hat, mit Handschellen auf der Arbeit abgeholt zu werden", so Lippold. Das habe er sich und besonders seiner Familie ersparen wollen, da diese "nicht konform geht mit den Ansichten des Herrn K."

André K. habe Kooperationsbereitschaft signalisiert und sei bereit, zur Aufklärung des Falles beizutragen, betont sein Anwalt. "Herr K. kannte das Trio, wusste aber weder von dessen Aufenthaltsort in Zwickau noch von dessen Taten im Untergrund. Er ging davon aus, dass sich die drei im Ausland befinden."

Wohllebens Vollstrecker

André K., 1975 in Jena geboren, mischt bereits als Teenager in der rechtsextremen Szene Thüringens mit. Mitte der Neunziger gründet er mit den erwähnten fünf anderen die "Kameradschaft Jena". Gemeinsam marschieren sie beim Prozess gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder 1996 in Erfurt auf und bei Neonazi-Demos in Thüringen. Nach außen hin schottet sich die sechsköpfige Gruppe ab, gibt sich elitär.

André K. schließt sich - wie die anderen auch - dem "Thüringer Heimatschutz" (THS) an. Offiziell gibt es beim THS keine Posten, doch intern gilt André K. als Stellvertreter von Tino B., dem Kopf des "Freien Kameradschaftsnetzwerkes". "Der K. konnte sich durchsetzen", sagt ein Kamerad von damals. "Wenn der sich was in den Kopf gesetzt hatte, mussten alle auf sein Kommando hören." André K.s Name taucht seit 2001 in jedem Thüringer Verfassungsschutzbericht auf.

Weggefährten aus der Zeit beschreiben André K. als "Organisationstalent". Allerdings habe er die Gruppe oft mit "nationalanarchischen Anwandlungen" genervt. Nationalanarchismus wird seit Ende der Neunziger als randständige Ideologie des Rechtsextremismus betrachtet.

André K. habe Seminare zu dem Thema abgehalten und mit Gleichgesinnten bundesweit Kontakt geknüpft, die er auch zu Demonstrationen nach Thüringen eingeladen habe.

Im November 1997 gründet K. in Erfurt unter dem Namen "Neues Denken" ein Zeitungsprojekt rechtsextremen Inhalts - vom Thüringer Sozialministerium mit 23.000 D-Mark Existenzgründungshilfe unterstützt. Als Redaktionsmitglieder fungieren neben André K. der später als V-Mann enttarnte Thomas D. sowie ein Aktivist der Deutschen Volks-Union (DVU). Die Finanzierung fliegt im Mai 1998 auf. André K. versucht, mit dem Versand von "Heideschmuck" Geld zu verdienen.

Ansonsten lebt André K. von Arbeitslosengeld. Er wird führendes Mitglied der Freien Kameradschaft "Nationaler Widerstand Jena" (NWJ). Gemeinsam mit Wohlleben organisiert er mehrere Jahre lang das "Fest der Völker", zu dem in manchem Jahren bis zu 1500 Neonazis aus Europa anreisen. André K. positioniert sich meist bei Veranstaltungen am Eingang und kontrolliert die Besucher.

André K. gilt ehemaligen Weggefährten zufolge nicht als Mann der Worte - sondern als Mann fürs Grobe. Seit 1995 steht er mehrfach vor Gericht - wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung. Kameraden von damals beschreiben ihn als extrem cholerisch und unbeherrscht. Einer, der als tickende Zeitbombe gilt bei Demonstrationen. Einer, den man "nicht alleine lassen sollte", wie es einer umschreibt.



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Seite 1
stefanaugsburg 30.11.2011
1. Weißer als weiß ....
'Ich habe die 3 nie unterstützt', 'Ich dachte die sind im Ausland', 'Mir wurden die Papiere ausd dem Auto gestohlen' und 'ich glaube an den Weihnachtsmann', dieser Mann ist defintiv zu Unrecht beschuldigt worden .... ganz klar !
msmt 30.11.2011
2. Was müssen wir noch alles erfahren?
Hier hat also das Sozialministerium Thüringen finanziert! Es ist einfach unglaublich, was den Demokraten in Deutschland und weltweit noch alles zugemutet wird. Es ist an der Zeit, mit all diesen Gruppen und Gruppierungen Schluss zu machen und die Gefängnisse zu füllen. Nur ein hartes Durchgreifen kann das Ansehen unseres demokratischen Rehtsstaates noch retten. Und bitte, keine weiteren Finanzierungen, keine V-Leute. Die Ermittlungen sind doch ein Beweis dafür, das V-Leute überhaupt nichts bringen, sonst hätte man doch schon viel früher eingreifen müssen. Oder etwa nicht? Hier wäre wirklich langsam der Punkt erreicht, dass Demokraten die Zahlung von Steuern mit Recht verweigern. Es fehlt in der Altenpflege, in der Krankenpflege, in den Kinderbetreuungseinrichtungen und den Rechtsradikalen wird das Geld nur so zugesteckt. Es sind die Steuergelder die so zur Schaffung eines enormen Problems eingesetzt werden. Das kann nicht länger akzeptiert werden!
Achim 30.11.2011
3. Ah ja
»Im November 1997 gründet K. in Erfurt unter dem Namen "Neues Denken" ein Zeitungsprojekt rechtsextremen Inhalts - vom Thüringer Sozialministerium mit 23.000 D-Mark Existenzgründungshilfe unterstützt.« Das Ministerium wurde damals von der SPD geleitet. Vielleicht hilft das bei der Aufarbeitung und Frau Ellenberger berichtet, ob sie auf Anweisung des Ministerpräsidenten Vogel (CDU) gehandelt hat oder auf Berichte der V-Leute im V-Schutz hereingefallen ist.
deus-Lo-vult 30.11.2011
4. ...
Kraftprotz? Dummer Speckmops trifft es wohl besser!
narbonne 30.11.2011
5. Ost-Rechte von Behörden gesponsert
In der Ex-DDR sponsern die Behörden die rechte Szene de facto. Es gibt dort andere Strukturen als im "Westen". Die Gelder werden durch untere Mitarbeiter genehmigt, die teilweise mit den Rechten sympathisieren. Eine strenge Kontrolle der Vergabe findet nicht statt. Die antragstellenden Vereine tragen "harmlose" Namen, die keinen unmittelbaren extremistischen Bezug erkennen lassen. Man organisiert Hüpfburgen, Kinderspiele, Umzüge usw. Bei diesen "sozialen Aktivitäten" wird extremistisches Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft infiltriert. Besonders perfide ist, dass dadurch Kinder und Jugendliche für die Szene rekrutiert werden. Ein Schuldbewußtsein oder die Bereitschaft, Fehler einzugestehen, fehlt den Behörden in der Ex-DDR völlig. Das sieht man an den Reaktionen in Thüringen. Ohne Druck durch das BKA und den Generalbundesanwalt bewegt sich da nichts.
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