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André K. im NSU-Prozess: Kamerad im Zeugenstand

Von , München

André K.: "Der unbegrenzte Zuzug von Ausländern ist nicht förderlich" Zur Großansicht
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André K.: "Der unbegrenzte Zuzug von Ausländern ist nicht förderlich"

André K., Rechtsextremist aus Thüringen, war in den neunziger Jahren nah dran an den späteren Mitgliedern des NSU-Trios. Im Prozess macht er als Zeuge kaum einen Hehl aus seinen politischen Überzeugungen. Und kommt auf die Hilfe durch einen V-Mann zu sprechen.

André K., 38, ein kräftiger, untersetzter Mann mit kohlrabenschwarzem Vollbart, stellt sich als "selbständig im Bau" vor. Er gilt als einer, der in der rechten Szene Jenas schon Mitte der neunziger Jahre bekannt war - zusammen mit Ralf Wohlleben. K. und Wohlleben wollten, folgt man K.s Darstellung im Münchner NSU-Prozess, eine "Veränderung der politischen Strukturen in Deutschland erreichen".

Denn Politik, sagt er als Zeuge, sei ja eher gegen das Volk gemacht worden damals. Veränderungsbedarf habe vor allem in der Energie-, Umwelt- und Lokalpolitik bestanden. "Gorleben und so", sagt er, weil ja nur "linksradikale" Projekte verwirklicht worden seien. "Wir hatten eben Angst, dass die Politik in eine Richtung abgleitet, die nicht mehr gesund ist. Der unbegrenzte Zuzug von Ausländern ist auch nicht förderlich."

Je öfter ihn der Vorsitzende Manfred Götzl auffordert, doch einfach mal zu erzählen, wie das war damals und welche Ziele man verfolgt habe, desto freizügiger kommt K. ins Reden. Er ist bestimmt kein Intellektueller, aber auch nicht einer jener verdrucksten Zeugen, die sich schwertun mit der Wahrheit und noch schwerer damit, sich an irgendetwas zu erinnern.

"Ich bin immer leicht aufbrausend"

"War Gewalt bei Ihnen ein Thema?", fragt der Vorsitzende. "Es gab fast keine Veranstaltung", antwortet K., "auf der man nicht von Linksradikalen unter Druck geriet." Und stets habe es dann geheißen: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. "Und die wurden immer freigesprochen", fügt K. mit verhalten erbostem Unterton hinzu.

Porträt von André K.
  • Der braune Vollstrecker

    André K. war Mitglied der Kameradschaft Jena, sammelte Geld für das untergetauchte NSU-Trio. Nur wenige kannten die mutmaßlichen Rechtsterroristen so gut wie der grobschlächtige Neonazi.
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Eigentlich seien der lose organisierte "Thüringer Heimatschutz" (THS) oder die "Kameradschaft Jena" "schöne Gemeinschaften" gewesen. Der THS sei Mitte der neunziger Jahre entstanden, weil man "überregionaler werden wollte".

Innerhalb des THS war André K. nicht irgendwer. Er fungierte als Stellvertreter von Tino Brandt, dem Kopf des THS. Brandt flog später als V-Mann des Verfassungsschutzes auf, er soll noch in diesem Jahr als Zeuge in München aussagen. Die Erwartungen an diesen Auftritt hat André K. mit seiner Aussage erhöht: Nach dem Untertauchen des Trios habe sich Brandt an ihn gewandt und unter anderem zu dem NPD-Funktionär Frank Schwerdt geschickt. "Hier, kriegst mein Auto, fährst da hin. Der sollte mehr als genug Auslandskontakte haben", habe Brandt ihm gesagt.

Schwerdt wurde später stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD. Der Besuch bei Schwerdt sei aber eine "Luftnummer" gewesen, sagt K. Schwerdt habe gesagt, er wisse keine Möglichkeit, wo man die drei unterbringen könne.

Außerdem habe Brandt ihm eine Kontaktperson vermittelt, die gefälschte Pässe besorgen sollte. Der Mann habe jedoch schließlich nur drei leere Pässe übergeben. "Damit konnte ich nicht viel anfangen."

Bekannt ist, dass die Suche nach Pässen dafür gesorgt haben soll, dass es zwischen André K. und dem Angeklagten Ralf Wohlleben zwischenzeitlich zum Bruch kam: André K. soll mit Wohlleben Rechtsrock-Konzerte organisiert haben, auf denen für das untergetauchte Trio Geld gesammelt wurde. Wohlleben soll K. den Auftrag erteilt haben, mit dem Geld Pässe zu besorgen, mit denen sich das Trio nach Südafrika absetzen sollte. André K. soll eingewilligt und später behauptet haben, ihm seien die gefälschten Dokumente aus dem Auto geklaut worden. Knapp zwei Jahre soll Wohlleben kein Wort mit André K. gesprochen haben.

K. sagt nun in München, er habe auf einer Reise nach Südafrika nach Unterbringungsmöglichkeiten für die drei gesucht. Und auch auf Konzerte kommt er zu sprechen. "Welche?", fragt Götzl sofort nach. Na ja, "Rechtsrock eben". Man habe gegrillt, gezeltet, Partys gefeiert, sei zum Baden gegangen. Man habe Flugblätter verteilt, Kundgebungen veranstaltet, Demonstrationen in anderen Orten besucht. "Die Grundstimmung unter den Jugendlichen war schon gegen die Ausländer", fügt er hinzu. Dieser Punkt sei Beleg dafür gewesen, "dass etwas schiefläuft im Staat". Denn: "Für unser Zusammenleben ist es nicht dienlich, wenn so viel ausländische Population hier ist."

Ralf, er nennt Wohlleben meist nur beim Vornamen, habe im Ortsbeirat kandidiert, was seiner Auffassung nach der richtige Weg sei. "Man muss ganz unten bei den Menschen anfangen. Ralf ist da besser. Ich bin immer leicht aufbrausend." Es sei versucht worden, von dem "Sauf-Image von Skinhead-Prolos" wegzukommen. Das sei das Ziel "der meisten" gewesen. Er zählt Namen auf, Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sind nicht dabei.

"Ich tat es als relative Kasperei ab"

Sein Verhältnis zu den beiden Uwes und zu Beate Zschäpe? Mundlos habe er als "relativ charakterstark" und sehr intelligent eingeschätzt und "nicht besonders aggressiv". Böhnhardt habe ein weithin bekanntes Faible für Waffen gehabt wie Schreckschusspistolen, eine Armbrust und ähnliches. Denn Anfang der neunziger Jahre habe es viele Auseinandersetzungen mit "Linksautonomen" gegeben. "Da konnte man schon aus der Entfernung viel entschärfen", sagt K. und lässt keinen Zweifel daran, was dies heißen sollte. "Hatte Böhnhardt nicht doch eine herausgehobenere Position?", fragt der Vorsitzende. "Eigentlich nicht," es sei schon "basisdemokratisch", gleichberechtigt abgelaufen.

Und Beate Zschäpe? "Als ich sie kennenlernte, war sie mit Mundlos liiert, später dann mit Böhnhardt. Ich habe mich nicht explizit gefragt, wie das ablief." Aktionen habe sie durchaus gemacht, und auch ihre Meinung habe sie vertreten. Als die Sache mit den "Bombenattrappen" ("hielt ich für kontraproduktiv") bekannt geworden sei, habe jeder in der Szene geahnt, wer die Urheber gewesen seien. "Man kennt ja die Leute!" Darüber habe gar nicht groß gesprochen werden müssen.

Zwischen dem 30. Dezember 1996 und dem 2. Januar 1997 waren in Jena Briefbombenattrappen mit Hakenkreuzen bei der "Thüringischen Landeszeitung", der Stadtverwaltung und der Polizeidirektion aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, am 18. Juni 1997 wurde das Verfahren jedoch eingestellt.

Als 1998 "die Bombenwerkstatt ausgehoben wurde", als die Polizei in einer von Zschäpe angemieteten Garage Teile von Rohrbomben und Sprengstoff entdeckte, habe er keinen Grund gesehen, die drei zu verpfeifen. "Ich tat es als relative Kasperei ab", sagt K. Mittlerweile sehe er dies natürlich anders.

Auch K. will seine Unterstützung des Trios auf die Jahre bis 1998 beschränkt wissen. Danach habe er nichts mehr von den dreien gehört. Erst wieder am 4. November 2011, als in Eisenach der Wohnwagen mit Mundlos und Böhnhardt in Flammen aufging.

Mit Material von dpa

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