Neonazi im NSU-Prozess Provokationen im Zeugenstand

Die Waffe, mit der neun von zehn mutmaßliche NSU-Opfer getötet wurden, soll über die Verkaufstheke eines rechten Szeneladens in Jena gegangen sein. Dessen Besitzer gab sich nun vor Gericht betont unwissend. Er schürte so noch mehr Misstrauen.

Tatwaffe der Ceska-Morde: "Bringt nur Probleme mit sich"
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Tatwaffe der Ceska-Morde: "Bringt nur Probleme mit sich"


Wer die Neonaziszene Jenas in den neunziger Jahren kannte, der kannte auch Frank L. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Andreas S. eröffnete er 1995 das Madley, einen Laden mitten in einem beliebten Kneipenviertel in der Jenaer Innenstadt. Im Schaufenster, hinter extra eingebautem Sicherheitsglas, wurden Kleidung und Devotionalien angeboten, die in rechtsextremen Kreisen begehrt sind. Darunter "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"-Aufnäher und indizierte Tonträger.

Über die Verkaufstheke des Madley soll die tschechische Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, inklusive Schalldämpfer, gegangen sein, mit der die Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) mutmaßlich neun Menschen erschossen haben. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft hat Carsten S. aus Jena die Waffe Ende der Neunziger im Madley abgeholt, nachdem Ralf Wohlleben ihn dazu beauftragt hatte, um sie den in der Illegalität lebenden NSU-Mitgliedern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zukommen zu lassen.

Am Donnerstag begegnete Frank L. den Angeklagten Carsten S. und Ralf Wohlleben vor dem Oberlandesgericht München (OLG): Er war am 53. Verhandlungstag Zeuge im Prozess gegen die mutmaßlichen Unterstützer des NSU.

"Die bestimmte Kundschaft ist gekommen"

Den Schädel bis aufs Deckhaar kahl geschoren, das wuchtige Kreuz in einen schwarzen Kapuzenpullover gezwängt, nimmt Frank L., 40, breitbeinig Platz. Ein maulfauler Mann, der noch immer Wörter wie "Reichsbahn" im Wortschatz pflegt.

"Ich bin zurzeit zu Hause", beschreibt der gelernte Kfz-Mechaniker seinen derzeitigen Beruf. Er habe von 1995 bis 2009 in Jena einen Laden betrieben. "Sonst gibt's dazu nichts weiter zu sagen." Noch scheint L. zu glauben, seinen Auftritt vor Gericht möglichst kurz halten zu können.

Es kommt anders. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl duldet keine wortkargen Aussagen, schonungslos nimmt er den nicht allzu auskunftsfreudigen Zeitgenossen ins Kreuzverhör. Was L. denn verkauft habe, will Götzl wissen. "Ganz normale Sachen, Schuhe und Alpha-Jacken. Später ging es in die moderne Richtung: Thor Steinar und so."

"Hat Ihr Geschäft auf eine bestimmte Kundschaft abgezielt?"

"Die bestimmte Kundschaft ist gekommen, abgezielt haben wir auf alle."

"Und wer kam?"

"Die Jugend."

"Hatte die Besonderheiten?"

"Es waren welche aus dem rechten Spektrum dabei, aber andere kamen auch, normale Leute."

"Kannten Sie Uwe Böhnhardt?"

"Vom Sehen her."

"Bei welcher Gelegenheit?"

"In der Jugend, beim Mopedfahren. Jena ist nicht sehr groß."

"Wie gut kannten Sie ihn?"

"Nur vom Sehen."

"Wie häufig hatten Sie Kontakt zu ihm?"

"Nur, wenn man sich zufällig mal getroffen hat."

"War er auch Kunde bei Ihnen?"

"Er war auch mal da."

"Was hat er bei Ihnen gekauft?"

"Klamotten, Schuhe, vielleicht auch mal eine CD."

"Kannten Sie Uwe Mundlos?"

"Im gleichen Verhältnis."

In diesem zähen Rhythmus peitscht Götzl den widerspenstigen Zeugen durch die Befragung, presst jede Silbe aus ihm heraus: Welchen Kontakt er zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen hatte, ob er Beate Zschäpe kannte, wie eng sein Verhältnis zu Wohlleben war.

Die Eskalationsstufen des Richters Götzl

Frank L.s Geduld ist nicht strapazierfähig, seine Stimmung hat eine kurze Lunte. Schnell wird er ungehalten, blafft nuschelnd herum, sein Thüringer Akzent erschwert das Zuhören. Ja, er habe auch Ralf Wohlleben gekannt, mit ihm gequatscht, eine geraucht. Na und?

"Worüber haben Sie denn geredet?", fragt Richter Götzl.

"Das weiß ich doch nicht mehr! Worüber man so quatscht."

Auf Andreas S., seinen ehemaligen Mitbesitzer des Ladens, angesprochen, blökt L.: "Treffen darf man sich heutzutage doch noch mit Freunden, oder?"

"Haben Sie mit Andreas S. über eine Waffenübergabe im Madley gesprochen?", hakt Götzl nach.

"Das geht mich nichts an."

"Haben Sie mit ihm gesprochen?"

"Ich wollte es gar nicht wissen, bringt nur Probleme mit sich, wenn man zu viel weiß. Das kann man auch noch nach dem Prozess fragen."

Gelächter im Saal.

"Kam mal jemand auf Sie zu und hat Sie nach scharfen Waffen gefragt?"

"Über Waffen haben wir uns alle unterhalten, wir waren jung. Wir hatten ja alle schon als Kind Kontakt mit Waffen in der DDR."

Es dauert lange, bis Götzls Geduldsfaden überdehnt ist. Diplomatisch klingt das so: "Ich habe Probleme mit Ihrer Antwort, da müssen Sie sich jetzt etwas bemühen." Die nächste Eskalationsstufe lautet: "Was heißt: 'Wir haben da nicht groß darüber gesprochen'? Das hilft mir auch nicht weiter."

Keine Erinnerung an eigene Aussagen?

Die Alarmglocken schrillen, als Götzl in scharfem Ton sagt: "Ich muss Sie an Ihre Wahrheitspflicht erinnern! Warum muss ich so nachfragen?" Es grenzt an ein Wunder, dass kein Prozessbeteiligter schreiend aus dem Saal stürmt, als Frank L. sich tatsächlich zu seinem scheinbaren Lebensmotto hinreißen lässt: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß."

Nur einmal hastet Götzl überstürzt aus dem Saal, die Nerven liegen blank. Nach zehn Minuten Pause geht es weiter.

Auch nonverbal provoziert L. "Könnten Sie eine weniger bequeme Haltung einnehmen?", fordert Götzl den 40-Jährigen auf. "Die stundenlangen Diskussionen...", stöhnt L. "Die müssen Sie über sich ergehen lassen!", fällt ihm Götzl sichtlich genervt ins Wort.

Richter Götzl konfrontiert L. mit seinen Aussagen aus einer Vernehmung vom Januar 2012. Demnach gab der 40-Jährige zu Protokoll, in der rechten Szene sei immer wieder von dem untergetauchten Trio gesprochen worden und Wohlleben habe Kontakt zu den drei gehalten.

Vor allem: Oft hätten Leute aus der rechten Szene in seinem Laden nach Waffen gefragt. Auch Wohlleben hat ihn laut Vernehmungsprotokoll "mal zwischen Tür und Angel gefragt", ob er eine Waffe besorgen kann. Wahrscheinlich habe er ihn an seinen Kompagnon Andreas S. verwiesen.

Vor Gericht will Frank L. sich weder an solch eine Begebenheit noch an sämtliche Aussagen bei der Vernehmung erinnern. Die Ermittler hätten die Sätze "zusammengebastelt". Warum aber hat er die Protokolle dann unterzeichnet und damit deren Wahrheitsgehalt bestätigt? Er habe rausgewollt, an die frische Luft, eine Zigarette rauchen und deshalb nicht alles gegengelesen.

"Ist Ihre Aussage bei der Vernehmung richtig?", fragt Richter Götzl.

"Kann sein, kann auch nicht sein."

Immer wieder schaut Frank L. zur Anklagebank, mustert seine ehemaligen Gesinnungsgenossen. Die ebenfalls angeklagten Holger G., Carsten S. und André E. kenne er nicht, sagt er zum Gericht. In einer Verhandlungspause allerdings steht er mit André E. zusammen. Darauf vom Vorsitzenden Richter und einer Nebenklagevertreterin angesprochen, streitet L. ein Zusammentreffen im Flur ab. Ein glucksendes Kichern kann er sich dabei nicht verkneifen.

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