Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neonazi-Opfer: Der letzte Kampf des Noel Martin

Von Roman Heflik, Birmingham

Noch 307 Tage, dann will sich Noel Martin das Leben nehmen - weil ihn Brandenburger Neonazis vor zehn Jahren zum Krüppel gemacht haben. Er hält das Leben nicht mehr aus, aber er kämpft immer noch gegen die rechte Szene an. Die wünscht ihm den Tod. Ein Hausbesuch.

Birmingham - Am Abend des 23. Juli 2007 soll Noel Martins Puls langsamer werden, immer langsamer, dann stehen bleiben. Es soll sein Todestag sein. So wünscht er es sich - vergiftet von einem Medikamenten-Cocktail, den er in der Schweiz vom Sterbehilfeverein "Dignitas" erhalten wird.

Nazi-Opfer Noel Martin: "Der einzige, der nicht angerufen hat, war Gott"
Roman Heflik

Nazi-Opfer Noel Martin: "Der einzige, der nicht angerufen hat, war Gott"

So hat es Martin im Juni öffentlich angekündigt, zehn Jahre nach dem Anschlag, der ihn gelähmt hat, der seinen Lebenswillen zerstört hat. Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr. Seinen 48. Geburtstag mag er noch feiern, dann den allerletzten Schluck nehmen, dann hinübergleiten, was auch immer da sein mag.

Ab heute sind es noch 307 Tage.

Der Anschlag - das war am 16. Juni 1996 in Mahlow in Brandenburg, wo der dunkelhäutige, in Jamaika geborene Brite damals als Verputzer arbeitete. Ein Stein kracht in die Scheibe seines Autos. Noel Martin bleiben nur noch wenige Sekunden seines alten Lebens. Das Auto kommt von der Straße ab. Ein Baum rutscht auf ihn zu, oder ist es andersrum? Alles spielt sich so langsam ab, denkt Martin, und ich kann es nicht verhindern. Er reißt am Lenkrad. Nichts.

Dann ein Schlag. Dunkelheit.

Martin wacht auf, auf dem Rücken liegend. "Kannst du meine Hand da auf deinem Bein fühlen?", hört er eine Stimme fragen. "Du berührst mein Bein doch gar nicht", antwortet Martin.

"Ich nehme nicht am Leben teil. Ich existiere bloß"

Zwei deutsche Jugendliche, Sandro R. und Mario P., damals 17 und 24, hatten einen Feldstein auf Martins Auto geschleudert. "Offene Ausländerfeindlichkeit" war das Motiv für den Anschlag, stellte das Gericht später fest. Fünf und acht Jahren Haft, war das Urteil. Eine Entschuldigung bekam Noel Martin nie, inzwischen ist es ihm egal: "Über diese beiden nachzudenken wäre Zeitverschwendung. Gott und das Leben werden sich mit ihnen befassen." Beide Täter sind inzwischen wieder frei. Martin dagegen ist immer noch eingesperrt - in seinem Körper.

Seit dem Unfall, der ein Anschlag war, ist Martin vom Hals an abwärts gelähmt. "Ich nehme nicht am Leben teil", sagt Noel Martin zehn Jahre und drei Monate nach dem Anschlag. "Ich existiere bloß." Er ist zuhause in Birmingham, lehnt den schweren Schädel mit den kurzen schwarzen Haaren an die Kopfstütze seines monströsen Rollstuhls, fixiert mit müden Augen sein Gegenüber. "Nichts anderes machen zu können außer Nachdenken, das ist mentale Folter." Martin wird nie wieder Arme und Beine bewegen können, nie mehr fühlen, was seine Fingerspitzen berühren. Er wird nie wieder Sex haben, nie wieder selbstständig auf die Toilette gehen. Auch seinen Herzschlag wird er nie wieder spüren.

Martin ist heute Mittag eigentlich ganz zufrieden. Er ist um acht Uhr aufgewacht, und es hat nur bis zwölf Uhr gedauert, bis man ihn gewaschen, massiert und angezogen hat.

Es gibt auch die andere Sorte Morgenstunden. Dann bluten seine Geschwüre und bluten und bluten, bis sein dunkles Gesicht aschfahl wird und ihm vor Müdigkeit die Augen zufallen. Manchmal klatschen ihm dann seine Pfleger ins Gesicht, um ihn wieder wach zu kriegen. Es muss das Gesicht sein: Es gibt ja sonst keine Stelle an Martins Körper, an der er noch etwas spürt.

Der Verlust der Kontrolle über den Körper schmerzt

An diesem Nachmittag wirkt der Gedanke an den Tod absurd. Warmes Licht fällt durch das Gartenfenster, zeichnet Muster auf den Wohnzimmerteppich. Die Stuckborte zwischen der hohen Decke und den grünen Wänden ist vergoldet, davor stehen schwere Möbel aus dunklem Holz, ein rotes Ledersofa, ein Fernseher, ein kleiner Kamin ist an der Wand. Auf dem wuchtigen alten Schreibtisch: Papiere, Fotoalben. Am Wandsims reihen sich Dutzende Geburtstagskarten. Der Raum ist voller Leben. Dies ist Martins Reich. Hier verbringt er fast jeden Tag.

Sein Rollstuhl steht mitten im Raum. Die Pfleger haben ihm eine schwarze Stoffhose und einen sportlichen schwarzen Pullover angezogen, darunter spannt sich ein kleiner Kugelbauch. "Früher war ich fit", sagt Martin. "Morgens bin ich gelaufen, dann kamen Sit-ups. Kungfu und Boxen habe ich auch gemacht." Heute quälen ihn Hitze- oder Kälteschübe. Die breiten Schultern sind eingefallen; nur in der rechten ist dem Briten ein Funken Kontrolle geblieben. Damit kann er zumindest per Joystick seinen Rollstuhl und die Telefonanlage bedienen. Ansonsten ist Martin auf die Hilfe seiner acht Pfleger angewiesen.

Sie haben ihn jede Minute im Blick, 24 Stunden lang. Auch jetzt steht eine kleine Frau mit blondem Pferdeschwanz in der Tür. "Cathy, Wein bitte", sagt Martin. Die Pflegerin hält ihm ein Glas kalten Weißweins hin, er trinkt aus einem Strohhalm. "Gut, Zigarette bitte", sagt er. Cathy steckt ihm eine in den Mund, zündet sie an. Martin nimmt einen Zug. Dann nimmt Cathy ihm die Zigarette ab - bis Martin wieder ziehen will.

Die ständige Hilfsbedürftigkeit ist für Martin eine Qual. "Ich kann nie allein sein." Den selbstbewussten Mann schmerzt der Verlust der Kontrolle. Plötzlich verzieht er sein Gesicht zur Grimasse, er hält es nicht mehr aus: "Cath, kratzen bitte." Die Pflegerin wischt ihm mit einem Handtuch das Gesicht. Etwa zehn Mal wird das an diesem Nachmittag passieren.

"Du kannst nicht jeden Tag deines Lebens leiden"

Früher pflegte ihn Jacqueline, seine resolute Frau. Vor sechs Jahren starb sie an Krebs. Zwei Tage vor ihrem Tod gaben sich die beiden an Jacquelines Krankenbett das Ja-Wort, nach 18 Jahren als Paar. "Wir hatten nach der Trauung 36 Sekunden zusammen. Dann ist sie ins Koma gefallen. Ich vermisse sie jeden Tag", sagt Martin. Seine sonst feste Stimme klingt plötzlich brüchig. Er kann ihr Grab sehen. Es liegt im Garten des Hauses.

Acht Jahre, hatte er Jacqueline nach dem Angriff versprochen, wolle er versuchen durchzuhalten. Es werden dann elf sein, an jenem Abend des 23. Juli 2007.

Martin weiß, welche Aufregung seine Selbstmord-Ankündigung ausgelöst hat. Tagelang stand das Telefon nicht still. Er witzelt: "Ich denke, der einzige, der nicht angerufen hat, war Gott." Viele Journalisten baten um Interviews, empörte Christen forderten ihn auf, sich nicht am eigenen Leben zu versündigen. "Ich brauche aber keinen Rat", sagt Martin. "Cath, Zigarette bitte." Tiefer Zug. "99 Prozent dieser Leute hätten in meiner Lage doch schon vor Jahren Schluss gemacht." Und was sagt er zu anderen Behinderten, die nicht "Schluss machen" wollen? "Leiden ist individuell", antwortet er. "Und du kannst nicht jeden Tag deines Lebens leiden." Nein, er habe keine Angst vorm Sterben, "dem Tod entkommt doch sowieso keiner". Er wirkt jetzt entspannt. Fast heiter. Er hat diese Gedanken schon oft gedacht.

In Internet-Foren feiern Neonazis schon den baldigen Tod des verhassten Schwarzen. Schließlich hatte Brandenburg nach dem Anschlag eine ungekannte Solidaritätskampagne erlebt: In Mahlow gründeten Bürger spontan die Initiative "Tolerantes Mahlow". Martin kehrte 2001 in den Ort zurück, bat die Bürger um Zivilcourage, gründete eine Stiftung gegen Fremdenhass. Und so provoziert es die rechtsextremen Hetzer bis heute, dass er noch lebt. Im Internet fordert einer von ihnen, der Schwarze solle sich am besten kostengünstig auf einem Marktplatz verbrennen lassen, und fügt hinzu: "Werde gerne das Benzin spendieren." Was sagt Martin zu den Neonazis? "Dumme Menschen, die nichts über das Leben wissen. Bleiche Haut finden sie toll, aber sie legen sich zum Bräunen in die Sonne." Man solle sie reden lassen, schließlich gebe es ja die Meinungsfreiheit. "Ich hatte und habe keine Angst vor ihnen."

Noch hat sich Noel Martin nicht vom Leben verabschiedet

Schwarze sind in Ostdeutschland heute noch nicht sicher - zehn Jahre nach dem Anschlag auf Noel Martin. Er sagt dazu: "Die Regierung sollte schon dafür sorgen, dass jeder Mensch überall hingehen kann und sicher ist." Martin weiß, wie weit das Problem reicht. Das Wort "Nigger" hat er vor Jahrzehnten zum ersten Mal zuhause in der Industriestadt Birmingham gehört.

Und so will er die Zeit, die ihm bleibt bis zu jenem Abend des 23. Juli 2007, noch nutzen. Martins Pflegerinnen Cathy und Charity breiten Papiere auf dem Teppich aus. Martin geht Termine mit ihnen durch, erledigt Telefonanrufe. Er hat sich noch nicht vom Leben verabschiedet. Er arbeitet an einem Buch. Im Oktober wird er in London den brandenburgischen Ministerpräsident Matthias Platzeck treffen. Später möchte er noch mal nach Mahlow reisen. "Ich möchte den Menschen sagen, dass sie aufhören sollen, sich für ihre Vergangenheit zu entschuldigen. Sie sollen ihren Kindern einfach den Wert des Lebens beibringen." Die öffentliche Aufmerksamkeit ist ihm nun gewiss - und Martin nutzt sie, für seine Stiftung und einige andere Hilfsprojekte.

Die Rechtsradikalen werden seinen Tod vielleicht wie einen späten Triumph feiern. Er selbst sieht das ganz anders. "Ich habe eine schlechte Nachricht für diese Menschen", sagt Martin, hebt Kopf und Stimme, als setze er zu einer Rede an: "Von den sechs Milliarden Menschen auf der Welt sind etwa fünf Milliarden farbig. Irgendwann werden sich alle miteinander vermischen." Er grinst: "Wer weiß? Vielleicht heiraten die Kinder dieser Nazis irgendwann eine Schwarze oder einen Schwarzen?"

Der Gedanke gefällt ihm: Den Nazis läuft die Zeit davon - ob mit oder ohne Noel Martin.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: