Verdacht auf Gründung einer Terrorzelle: Von Neonazis und weißen Wölfen

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Verdächtiger Sebastien N. bei einer Neonazi-Demo (Archivbild): Razzia gegen mutmaßliches Terrornetzwerk Zur Großansicht
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Verdächtiger Sebastien N. bei einer Neonazi-Demo (Archivbild): Razzia gegen mutmaßliches Terrornetzwerk

Neonazis in Deutschland, der Schweiz und Holland sollen ein rechtsextremistisches "Werwolf"-Kommando geplant haben. Ihr Ziel: die Beseitigung des politischen Systems Deutschlands. Der mutmaßliche Drahtzieher sitzt in der Schweiz in Untersuchungshaft.

Seine Gesinnung hat sich Sebastien N. ins Fleisch stechen lassen: Auf der linken Brust prangt ein Hakenkreuz, rechts daneben ein großflächiges Porträt von Adolf Hitler in Uniform und mit Krawatte, am Unterarm das Zivilabzeichen der SA, auf dem Hals ein Totenkopf und ein Spinnennetz. Stolz hat der Schweizer seine Tätowierungen selbst fotografiert.

Live bewundern können die teilweise verfassungsfeindlichen Symbole zurzeit nur die Häftlinge und Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Pöschwies, des größten Gefängnisses der Schweiz. Sebastien N. war am 7. Mai vergangenen Jahres um 3.10 Uhr am Bahnhof Hamburg-Harburg aus dem ICE 992 gestiegen und von 40 Polizeibeamten empfangen worden. Widerstandslos hatte sich der 25-Jährige festnehmen lassen, in seinem Rucksack hatte er eine Pistole verstaut, geladen mit sechs Schuss.

Der bekennende Nationalsozialist gilt als einer der gewalttätigsten Neonazis der Schweiz. 49 Stunden war er auf der Flucht gewesen, nachdem er im Zürcher Niederdorf einen 26-Jährigen niedergeschossen haben soll. Sebastien N. wurde wegen versuchten Totschlags per internationalem Haftbefehl gesucht. Vermutlich wollte er sich - wegen insgesamt 44 Körperverletzungs- und Gewaltdelikten zu 39 Monaten Haft verurteilt - nach Deutschland absetzen.

Nach zwei Monaten in deutscher Untersuchungshaft wurde der Schweizer in seine Heimat ausgeliefert. "Er sitzt noch immer in U-Haft, noch hat das Verfahren gegen ihn nicht begonnen", sagt Claudia Casper, ermittelnde Staatsanwältin im Kanton Zürich.

Obwohl Sebastien N. hinter Gittern sitzt, waren seine rechtsextremen Machenschaften nun mit Auslöser für Razzien der Bundesanwaltschaft in der Schweiz, den Niederlanden, in der Umgebung von Hamburg, in der Region Hannover und in der Region Wismar. Die Gefängniszellen von Sebastien N. und dem ebenfalls inhaftierten Schweizer Roberto K. sowie Wohnungen und Geschäftsräume von vier weiteren mutmaßlichen Rechtsextremisten seien durchsucht worden, sagte Marcus Köhler, Staatsanwalt beim Bundesgerichtshof. Festnahmen habe es nicht gegeben, die Vernehmungen dauerten am Nachmittag noch an.

Mutmaßlicher Drahtzieher: Hitler-Tattoo auf der Brust

Die sechs Männer stehen im Verdacht, eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet zu haben. Gemeinsam mit noch unbekannten Komplizen sollen sie ein "Werwolf"-Kommando geplant haben, mit dem Ziel, das politische System der Bundesrepublik Deutschland gewaltsam zu beseitigen. Unter anderem hätten die Verdächtigen Bombenanschläge erwogen.

Als Vorbild soll ihnen die sogenannte "Werwolf"-Taktik der Nazis im Zweiten Weltkrieg gedient haben: Die historische Organisation "Werwolf" war im November 1944 von SS-Führer Heinrich Himmler ins Leben gerufen worden. "Entschlossene Männer und Frauen" sollten hinter den Linien des Feindes einen Guerillakrieg führen. Zahlreiche Morde an "Volksverrätern" gingen auf das Konto der "Werwölfe" und ähnlicher Organisationen. Auch eine unbekannte Zahl alliierter Soldaten kam dabei ums Leben.

Mit Hilfe eines eigens entwickelten Codierungsprogramms sollen die sechs Beschuldigten laut Bundesanwaltschaft ihre elektronische Kommunikation verschlüsselt haben, was die Ermittlungen erschwert. Erkenntnisse zu konkreten Anschlagsplänen oder -zielen konnten die Ermittler bislang nicht gewinnen.

Als eine der Führungsfiguren des mutmaßlichen Terror-Netzwerks beschuldigt die Bundesanwaltschaft (GBA) Sebastien N. Dem Schweizer wird enger Kontakt zu den "Weißen Wölfen Terrorcrew/Nationalkollektiv Hamburg" (WWT/HNK) nachgesagt, einem Zusammenschluss aus zwei rechtsextremen Vereinigungen. Seit 2011 tauchen deren Mitglieder bundesweit auf fast allen Demonstrationen auf. Sie gelten als besonders gewalttätig, aggressiv und gut organisiert, sie pflegen enge Kontakte zu Neonazis im Norden Deutschlands und zu NPD-Politikern.

Als am 23. Februar 2012 bundesweit eine Schweigeminute für die Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) abgehalten wurde, verfassten WWT/HNK-Anhänger folgenden Beitrag: "Wir gedenken heute Horst Wessel und den Opfern, die durch Ausländergewalt gestorben sind!"

"Wenn man als Nazi handelt, wird man diskriminiert"

Als weiterer mutmaßlicher Drahtzieher gilt der Rechtsextremist Ueli S., 54, ebenfalls ein Schweizer. Dessen Geschäftsräume und Wohnung seien ebenfalls durchsucht worden, so GBA-Sprecher Köhler. Computer und schriftliche Dokumente seien sichergestellt worden. Waffen hingegen seien bislang keine gefunden worden.

Der 29-jährige Denny R. war zu Hause, als die Ermittler an der Tür klingelten. Der bekennende Neonazi und ehemalige Obergefreite ist bei Neonazi-Kundgebungen meist als Anti-Antifa-Fotograf aktiv. Er ist WWT/HNK-Mitglied.

Heiko W., 32, wurde in seinem Haus in der Region Wismar überrascht. In sozialen Netzwerken nennt sich W. "Heiko, der Bärtige", er betrieb jahrelang den Online-Versand "Germaniashop" und fungiert gern als Ordner oder Sicherheitsmann bei Neonazi-Aufmärschen.

Zeitgleich durchsuchten niederländische Ermittler die Wohnung des 19-jährigen Jeroen B. in einem Dorf zwischen Rotterdam und Den Haag. Er war nicht persönlich anwesend. Der Niederländer wurde bereits auf NPD-Veranstaltungen in Gießen, Hamm, Dresden, Soest und Wolfsburg gesehen. Auch er gilt als radikaler Neonazi.

Sebastien N. pflegt seit Jahren Kontakt zu norddeutschen Neonazis. Er soll Konzerte mit rechtsextremen Bands organisiert und als "Geburtstagsfest" getarnt haben. Er filmte auch die Hatz von Gesinnungsgenossen auf einen Jugendlichen, malträtierte selbst andere mit Fußtritten und Schlagring oder brach ihnen mit der Faust die Nase. Einem Aussteiger zufolge gehört Sebastien N. zu den besonders gewissenlosen Neonazis der Schweiz. Nach einer Gerichtsverhandlung sagte er in eine Fernsehkamera: "Wenn man als Nazi handelt und denkt, wird man diskriminiert in der Schweiz."

Sebastien N., aufgewachsen ohne Eltern, stammt aus Grenchen im Kanton Solothurn. Schon früh habe er sich der rechten Szene zugewandt, berichtete ein ehemaliger Weggefährte. "Ihm ging es allerdings mehr ums Prügeln als um Politik."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die Wohnung des 54 Jahre alten Robert S. sei durchsucht worden. Sein korrekter Vorname lautet Ueli. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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