Hamburg: Polizei nimmt international gesuchten Neonazi fest

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Auf den Unterarm hat er sich das Zivilabzeichen der SA tätowieren lassen, auf den Hals einen Totenkopf, auf die Brust angeblich ein Hitler-Porträt: Der Schweizer Neonazi Sebastien N. wurde wegen versuchten Totschlags per internationalem Haftbefehl gesucht - und nun in Hamburg festgenommen.

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Neonazi Sebastien N.: In Hamburg festgenommen

Im Dunkeln der Nacht wähnte er sich in Sicherheit. Als Sebastien N. am Montagmorgen um 3.10 Uhr am Bahnhof Hamburg-Harburg aus dem ICE 992 stieg, warteten dort am Bahnhof 40 Polizeibeamte auf ihn. Widerstandslos ließ sich der 24-Jährige auf dem Weg zur S-Bahn-Station festnehmen, in seinem Rucksack hatte er eine Pistole verstaut, geladen mit sechs Schuss.

Damit endete nach 49 Stunden die Flucht eines der gewalttätigsten Neonazis der Schweiz. Sebastien N. soll am frühen Samstagmorgen um 2 Uhr im Zürcher Niederdorf während eines Streits zweimal auf einen 26-Jährigen geschossen haben. Der Mann wurde in die Brust getroffen, schwer verletzt und liegt im Krankenhaus, sein Zustand ist stabil.

Erst eine Stunde vor der Festnahme hatte die Bundespolizei den Hinweis bekommen, dass sich Sebastien N. nach Deutschland absetzen wollte und in München in diesen Zug gestiegen war, wie Rüdiger Carstens, Sprecher der Bundespolizei, erklärte.

Der Tipp muss aus seinem Bekanntenkreis stammen. Sebastien N. soll "mehrere Bezugspersonen" im Hamburger Umland haben, wie ein Fahnder erklärte. Darunter angeblich eine Freundin, die in der Nordheide wohnt. Nach Informationen von "Recherche Nord", einem Zusammenschluss von Journalisten und Fotografen, der rechtsextreme Aktivitäten beobachtet und dokumentiert, war Sebastien N. auch auf der 1.-Mai-Demonstration der Neonaziszene in Hamburg 2008. Damals posierte er mit Jonas S., der für die Schweizer Demokraten kandidierte und für den Kanton Bern in den Nationalrat einziehen wollte. Jahre zuvor hatte er sich mit Hitlergruß in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald fotografieren lassen.

Die Gewaltbereitschaft der Demonstranten an jenem 1. Mai hatte für Entsetzen gesorgt: Wenn die Polizei nicht durchgegriffen hätte, hätte es Tote gegeben, sagte der Einsatzleiter damals sichtlich schockiert. Die Teilnehmer seien so aggressiv aufgetreten wie nie zuvor, wie auf Kommando seien Neonazis "mit äußerster Brutalität" auf ihre Gegner losgegangen.

Totenkopf am Hals, Hitler auf der Brust

Eine Welt, in der sich Sebastien N. offensichtlich wohlfühlt: Der Schweizer ist einschlägig vorbestraft, wie Esther Surber von der Kantonspolizei Zürich bestätigte. Immer wieder fiel er durch schwere Körperverletzung und Volksverhetzung auf. Mehr als 40 Straftaten sind in seiner Akte vermerkt.

So filmte Sebastien N. die Hatz von Gesinnungsgenossen auf einen Jugendlichen, malträtierte selbst andere mit Fußtritten, Schlagring oder brach ihnen mit der Faust die Nase. Einem Aussteiger zufolge gehört Sebastien N. zu den besonders gewissenlosen Neonazis der Schweiz.

Der 1,89-Meter-Hüne hat sich auf den Kehlkopf einen Totenkopf tätowieren lassen, auf dem rechten Unterarm prangt das Zivilabzeichen der SA, am Hals ein Spinnennetz, der komplette linke Arm ist bebildert. Seine Brust soll mit einem Porträt von Adolf Hitler tätowiert sein.

Sebastien N., aufgewachsen ohne Eltern, stammt aus Grenchen im Kanton Solothurn. Schon früh habe er sich der rechten Szene zugewandt, berichtete ein ehemaliger Weggefährte. "Ihm ging es allerdings mehr ums Prügeln als um Politik."

Inwieweit der versuchte Totschlag in der Nacht zum Samstag einen rechtsextremistischen Hintergrund hat, konnte Esther Surber von der Kantonspolizei Zürich nicht sagen. Auch Details zum Opfer aus dem Kanton Aargau seien noch immer Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Ebenso ob der Mann auch dem rechtsextremen Milieu angehört oder aus fremdenfeindlichen Gründen attackiert wurde.

Sebastien N. habe Konzerte mit rechtsextremen Bands organisiert, berichtet der "Tagesanzeiger". Das Solothurner Obergericht habe ihn im Januar dieses Jahres zu 39 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Verhandlung habe er in eine Fernsehkamera gesagt: "Wenn man als Nazi handelt und denkt, wird man diskriminiert in der Schweiz." Seine Haftstrafe musste Sebastien N. vorerst nicht antreten, weil er sich bereiterklärte, Medikamente gegen seine Alkoholsucht einzunehmen.

Bei seiner Festnahme in den frühen Morgenstunden habe der Schweizer weder alkoholisiert noch "unter sonstigen Drogen beeinflusst" gewirkt, sagte Rüdiger Carstens, Sprecher der Bundespolizei. Sebastien N. habe sich in keiner Weise geäußert.

Die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg wird am Dienstag beim Oberlandesgericht einen vorläufigen Auslieferungshaftbefehl beantragen - wegen eines versuchten "Tötungsdeliktes", noch sei unklar, ob der Straftatbestand auf versuchten Mord oder versuchten Totschlag laute, sagte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers.

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