Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neonazi-Terrorzelle: Kumpel aus dem Erzgebirge

Von

Jahrelang tauchten die Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle unter, konnten unbehelligt leben und ihre Straftaten planen. Wie  ihnen das gelang, wird nun immer deutlicher: Gute Freunde aus der rechtsextremen Szene unterstützten das Trio mit Geld, Wohnungen, Papieren. Einer von ihnen: Matthias D.

Zwickauer Polenzstraße: Hier soll Beate Zschäpe gewohnt haben Zur Großansicht
dapd

Zwickauer Polenzstraße: Hier soll Beate Zschäpe gewohnt haben

Hamburg - Sein silberfarbener Wagen stand regelmäßig vor dem adretten Haus in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. Das Kennzeichen: ERZ, für Erzgebirgskreis. Matthias D. fuhr von Johanngeorgenstadt, einem 4600-Einwohner-Ort direkt an der tschechischen Grenze, in das eher gediegene Viertel Zwickaus und traf Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Die Wohnung, die Matthias D. dann betrat, kannte er gut. Jahrelang hatte er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE selbst dort gewohnt. Im Jahr 2008 war er ausgezogen, überließ seinen drei rechtsextremen Freunden die Wohnung, die sie nach ihrem Geschmack selbst umbauten und darin einen Fitnessraum einrichteten.

Der Mietvertrag lief weiterhin auf den Namen Matthias D., wie SPIEGEL ONLINE bereits mehrfach berichtete. Bislang hieß es aus Ermittlerkreisen, der 34-Jährige habe dem Trio seinen Personalausweis überlassen und sei bereits wenige Stunden nach dem Fund der beiden Leichen von der Polizei in Gewahrsam genommen und verhört worden.

Das ARD-Magazin "Fakt" berichtet an diesem Dienstag außerdem, Matthias D. sei nach Angaben des Vermieters nicht nur alleiniger Mieter jener Wohnung gewesen - sondern auch die Miete sei von einem Konto abgebucht worden, das auf den Namen von Matthias D. geführt wurde.

Zudem hat der 34-Jährige laut "Fakt" eine Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße angemietet, in der Beate Zschäpe von Frühjahr 2001 bis Sommer 2008 unter falschem Namen gelebt haben soll.

Kameraden aus alten Jenaer Zeiten

Matthias D. gilt als Mitglied der rechten Szene Sachsens, im Raum Johanngeorgenstadt tat er seine Gesinnung öffentlich kund. Inzwischen soll er nach Niedersachsen gezogen sein, in den Raum Hannover. Dort wohnt auch Holger G., gegen den Haftbefehl wegen Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung erging.

Holger G. soll die Gruppierung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), die für die "Döner-Mordserie" mit neun Opfern und für den Heilbronner Polizistenmord verantwortlich gemacht wird, unterstützt haben. Der 37-Jährige soll sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 2007 angeschlossen, ihnen seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben.

Auch das Wohnmobil, mit dem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterwegs gewesen sein sollen, als sie in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen, soll auf den Namen Holger G. gemietet worden sein. Eine mögliche unmittelbare Tatbeteiligung von ihm an den Mordtaten des "NSU" wird geprüft.

Holger G. stammt wie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt aus Jena, war Mitglied der rechtsextremen "Kameradschaft Jena", wuchs mit einem der drei auf. Bis zuletzt soll er Kontakt zur rechten Szene in Thüringen gepflegt haben.

Nach einem vereitelten Anschlag auf ein Fahrzeug des Wahlkreisbüros der Linken-Landtagsabgeordneten Katharina König aus Jena im Juli 2010 wurde im September die Soko "Feuerball" gegründet, die gegen mehrere Mitglieder der rechten Szene ermittelte - auch gegen Holger G.

Er war ins Visier der Ermittler geraten, weil die Telefone der vier Männer, die im Verdacht stehen, einen Anschlag auf Königs Auto zu verüben, abgehört wurden. Man habe mögliche Anschläge verhindern wollen, sagt ein Fahnder. Es wurde vermutet, die rechte Szene horte Sprengstoff oder sei im Besitz von Anleitungen für den Bau von Bomben.

Ein Mann mit "offenkundig stark rechter Gesinnung"

16 Einrichtungen wurden im Rahmen einer Razzia am Morgen des 6. Oktober 2010 durchsucht - darunter das sogenannte Braune Haus in Jena, Treffpunkt der dortigen Szene, das "Schützenhaus" in Pößneck und Wohnungen in Gotha, Suhl, Westsachsen, Mittel- und Oberfranken. Es wurden Computer, aber keine sprengstoffähnlichen Substanzen oder Bauanleitungen sichergestellt.

Obwohl das Verfahren auf eine Einstellung hinauslief, legten die mutmaßlichen Täter Beschwerde ein. Derzeit liegt das Verfahren bei einer Beschwerdekammer des Landgerichts Gera. Einer der Tatverdächtigen ist Karl-Heinz Hoffmann, Chef der nach ihm benannten und 1980 verbotenen rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Auch dessen ehemaliges Rittergut in Westsachsen war durchsucht worden.

"Es gibt Hinweise auf weitere Helfer", sagte der Vorsitzende des parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, nach einer Sitzung am Dienstag in Berlin. "Die Helfer der Terroristen müssen ermittelt und hart bestraft werden."

Auch die mögliche Rolle des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes bei einem Mord in Kassel war Thema der Sitzung. Oppermann verwies auf den bisherigen Stand der Ermittlungen, wonach der Mann kurz vor dem Mord den Tatort verlassen haben will. Nichts sagen wollte Oppermann zu verschiedenen Medien-Informationen, nach denen der Mann noch während des Mordes in dem fraglichen Café und insgesamt in der Nähe von sechs Tatorten gewesen sein soll. Er teilte mit: "Dieser Mann hat eine offenkundig stark rechte Gesinnung. Er arbeitet im Augenblick bei der Bezirksregierung in Hessen."

Ob Mitarbeiter des thüringischen Verfassungsschutzes Kontakt zu den über Jahre untergetauchten mutmaßlichen Tätern der Zwickauer Zelle hatten, sei unklar. Konkrete Hinweise lägen nicht vor, sagte Oppermann. Ausschließen könne man es auch nicht.

Oppermann kritisierte, das Bundeskriminalamt (BKA) hätte früher die Ermittlungen übernehmen sollen. Schließlich habe es bereits nach dem zweiten Mordfall Hinweise gegeben, dass es sich um dieselben Täter handelte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, das Wohnmobil, in dem die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden wurden sei ebenso wie das, das die Männer benutzten, als sie in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen, auf den Namen Matthias D. gemietet worden. Tatsächlich wurden Ausweispapiere von Holger G. benutzt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...
Forum - Wurde der Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
insgesamt 2160 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja
hoffnungsvoll 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Menschenverachtung ist Teil jeder rechtsradikalen Idee. Darum muss mit allem gerechnet werden, wenn der Mop sich organisiert. Gewalttaten gehörten immer dazu und werden es auch in Zukunft.
2. Wurde der Rechtsextremismus
wurzelei, 12.11.2011
Erst exakt ermitteln, dann bewerten!
3. ach ja
ALG III 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Den Rechtsextremismus kann man gar nicht unterschätzen. Er stellt immer eine Gefahr für die ganze Gesellschaft dar. Menschen, die rechtsextremem Gedankengut anhängen, kennen kein Pardon und sind zu allem fähig. Magda Goebbels brachte im April 1945 alle ihre blonden Kinder um, weil sie glaubte, daß ein Leben nach dem Dritten Reich sowieso nicht lebenswert sei. Das war natürlich ein Irrtum, wenn man an den dicken Erhardt mit seinen fetten Zigarren denkt. Selbst eingefleischte Nazis hatten unter Adenauer wieder Spaß am Leben. Wenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt. Ich sage nichts Neues. Aber man kann ja hin und wieder an alte Weisheiten erinnern.
4. Hat in Deutschland Tradition
Websingularität 12.11.2011
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Sagen wir es mal so, die Ermittler sind auf dem rechten Auge blind. Ich wette, das rechte Gedankengut findet man in den höchsten Ebenen & Instanzen, Polizeirat, Politik, etc. Selbst in den etablierten Parteien. Randparteien wie NPD sind nur Lockvogel zur draufhauen.
5. Xenophobie gibt es bei Arm und Reich
cycokan, 12.11.2011
Zitat von ALG IIIDen Rechtsextremismus kann man gar nicht unterschätzen. Er stellt immer eine Gefahr für die ganze Gesellschaft dar. Menschen, die rechtsextremem Gedankengut anhängen, kennen kein Pardon und sind zu allem fähig. Magda Goebbels brachte im April 1945 alle ihre blonden Kinder um, weil sie glaubte, daß ein Leben nach dem Dritten Reich sowieso nicht lebenswert sei. Das war natürlich ein Irrtum, wenn man an den dicken Erhardt mit seinen fetten Zigarren denkt. Selbst eingefleischte Nazis hatten unter Adenauer wieder Spaß am Leben. Wenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt. Ich sage nichts Neues. Aber man kann ja hin und wieder an alte Weisheiten erinnern.
Na, nee. Dass es einen gewissen Zusammenhang gibt, zwischen Radikalismus und sozialer Situation, will ich ja nicht bestreiten. Aber Ausländer aus Rassenhass per Kopfschuss exekutieren und Bomben legen, dass hat ja wohl eine besondere, über politische Radikalität hinausgehende Dimension. Dafür muss man erstens Extremist sein und 2. zusätzlich eine schwere Persönlichkeitsstörung haben. Und so etwas wird, mMn, eher weniger durch Armut angelegt, ich glaube nicht, dass die betreffende 3er Gruppe Unterschichtkinder waren. Und ich glaube auch nicht, dass der latente Fremdenhass, in so mancher Familie, an so manchem Stammtisch, ein Armutsproblem ist. Meine Erfahrung ist eher, dass manche gutsituierte Ober- und Mittelklasse Menschen offen, und noch viel mehr erst nach dem xten Bier, schier unglaublich rücksichtslose fremdenfeindliche Sprüche vom Stapel lassen. Und in jedem Ortsverband der FDP, der CDU, selbst der SPD, gibt es Menschen, die zu gewissen Fragen am liebsten die ganz einfachen Antworten hören wollen und das auch dumm laut verkünden, auch hier, umso mehr, je höher der Alkoholspiegel. Kampagnen gewisser Medien greifen diese latente Stimmung auf und befördern sie zusätzlich. Das es dann bei sozialschwachen dummen Jungs aus strukturschwachen Gebieten besondere Auswüchse gibt, mag sein. Aber das Finanzielle ist nicht der Auslöser. Klar, irgendwo im tiefen Osten auf dem Land, keine Arbeit, die schlauen jungen Männer und alle Frauen haben sich längst in die Städte oder den Westen verabschiedet, übrig geblieben die eher weniger begabte männliche Jugend und ein paar Rentner, da fehlen wichtige soziale Bande und Banden. Vor allem eben keine Freundin, keine eigene Familie, was in aller Regel den Testosteron Haushalt unter Kontrolle hält und Gelegenheit gibt Verantwortung zu tragen und Empathie fördert, genauso aber auch fehlende politische Gegner, die haben sich längst bedroht, aber auch gelangweilt nach Berlin verdrückt und fehlende Ausländer, die gibt es dort ja kaum, als Kontrolleure und Widersacher fehlen. Und der Dorfbulle, der ist oft selbst so ein frustrierter Law and Order Typ, der für die große Karriere offenbar nicht geeignet war, sonst wäre er woanders.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Bekennervideo: Paulchen Panther und Propaganda


Fotostrecke
Neue Spuren: Döner-Morde - Spur im rechtsextremen Milieu

Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: