Neonazis in Thüringen Polizei ermittelt nach Prügel-Überfall vier Verdächtige

Wie ein Rollkommando stürmten 15 Angreifer eine Kirmesgesellschaft im thüringischen Ballstädt. Sie prügelten auf ihre Opfer ein, nach wenigen Minuten waren sie verschwunden. Ermittler sind sich sicher: Es waren Neonazis. Wollten die Militanten ihre Macht demonstrieren?

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DPA

Der Überfall geschah weit nach Mitternacht: Eine Kirmesgesellschaft feierte im Kulturzentrum von Ballstädt. Gegen 2 Uhr stürmten etwa 15 Angreifer in den Saal, sie sollen vermummt gewesen sein. Die Täter prügelten innerhalb weniger Minuten auf jeden ein, der ihnen in den Weg kam, so berichten es Augenzeugen.

Selbst als die Opfer auf dem Boden lagen, sollen sie nicht aufgehört haben. So schnell die Schläger gekommen waren, so schnell verschwanden sie wieder. Sie verletzten zehn Menschen, zwei davon schwer. Nach Angaben der Landespolizeidirektion waren vier Streifenwagen zwar in kurzer Zeit am Tatort, doch von den Tätern fehlte da schon jede Spur.

Aufnahmen aus dem Kulturzentrum lassen ahnen, mit welcher Brutalität die Täter in der Nacht auf Sonntag vorgegangen sind: Spiegelscherben, umgeworfene Stühle, Blutflecken auf dem Boden.

Vorbestrafter Neonazi unter den Verdächtigen

Bereits am Montag erklärte der Thüringer Innenminister Jörg Geibert (CDU): "Es ist eindeutig, dass aus dem rechten Bereich Gewalt ausgegangen ist." Am Freitag war der Überfall Thema im Thüringer Innenausschuss.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat Ermittlungen eingeleitet. Innerhalb des Landeskriminalamts hat die Besondere Aufbauorganisation Zentrale Ermittlungen und Strukturaufklärung Rechts (Zesar) den Fall übernommen. Sie soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits vier Tatverdächtige im Visier haben. Im Innenausschuss hieß es am Freitag, dass unter den Verdächtigen eine Frau und ein vorbestrafter Neonazi seien.

Warum sie die Gesellschaft im Kulturzentrum im Stil eines Rollkommandos überfielen, ist noch unklar. Die Menschen im Ort wehren sich zunehmend gegen die Umtriebe der Rechten: Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet, rund 400 Einwohner sollen sich ihr angeschlossen haben. Mit Demonstrationen und Konzerten stellen sie sich den Neonazis entgegen.

Wollten die Täter den Ballstädtern ihre Macht demonstrieren? Sie einschüchtern? "Opfer haben berichtet, dass die Neonazis bei ihrem Angriff über eine kaputte Scheibe an ihrem Haus sprachen", sagte ein Mitglied der lokalen Bürgerinitiative gegen rechts.

Schon lange haben Ermittler die Neonazi-Szene im thüringischen Landkreis Gotha im Visier. Und spätestens seit vorigem Jahr richten sie ein besonderes Augenmerk auf Ballstädt, ein Ort mit rund 700 Einwohnern.

Solidarisch mit Ralf Wohlleben

Seit 2013 nutzen Neonazis aus der Region dort die alte Bäckerei, das sogenannte Gelbe Haus. Mindestens ein Tatverdächtiger des Überfalls auf die Kirmesgesellschaft ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ein mutmaßlicher Bewohner des Hauses.

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen ist einer der Nutzer des Gelben Hauses der ehemalige NPD-Landtagskandidat Steffen R., ein enger Vertrauter des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben. Steffen R. gilt als Strippenzieher für die Solidaritätsarbeit der Thüringer Szene für ihren in München inhaftierten Kameraden.

Seit Jahren sind Neonazis in der Region auffällig - und sie gründen nicht nur in Ballstädt Treffpunkte. Manche bezogen bereits Ende 2011 ein Haus im knapp 30 km entfernten Dorf Crawinkel, dort firmieren sie als Hausgemeinschaft Jonastal. Die Namenswahl mag kein Zufall sein: HJ ist die Abkürzung - wie Hitlerjugend. In dem Treffpunkt finden seitdem immer wieder Rechtsrockkonzerte statt, die Nutzer sind zum Teil dieselben wie die des Gelben Hauses.

Ende August vergangenen Jahres durchsuchten Fahnder des Landeskriminalamts drei Objekte in Thüringen, darunter auch die Häuser in Ballstädt und Crawinkel. Sie beschlagnahmten mehrere Waffen, darunter ein Sturmgewehr und zwei Maschinenpistolen sowie geringfügige Mengen Drogen.

Mahnwache gegen Rechtsextremismus

Den Razzien waren umfangreiche Ermittlungen, vor allem in Österreich, vorrausgegangen. Dort sitzen zurzeit zwei Thüringer Neonazis in Haft, die aus der Gothaer Szene stammen. Die beiden Männer und weitere Neonazis aus Ballstädt und Crawinkel sind seit Jahren eng vernetzt mit Mitgliedern des sogenannten Objekt 21 in Österreich.

Gegen die Mitglieder dieser rechtsextremen Kameradschaft liefen umfangreiche Ermittlungen, ihnen werden unter anderem Waffen- und Drogenhandel sowie Brandanschläge im Rotlichtmilieu vorgeworfen.

Die Einwohner von Ballstädt sind verunsichert, sie haben Angst und fordern eine Lösung. "Es muss jetzt was passieren, so geht das hier nicht weiter, die Neonazis müssen weg", erzählt ein Einwohner, der anonym bleiben möchte.

Am Mittwochabend versammelten sich zahlreiche Menschen zu einer Mahnwache gegen Rechtsextremismus am Bürgerhaus, wo der Überfall stattfand. Einschüchtern lassen wollen sich die Ballstädter nicht.



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