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Möglicher NSU-Zeuge: Die Zwei-Mann-Schutzstaffel von Heilbronn

Von , Stuttgart

Zeuge K. im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart: "Dummheit" Zur Großansicht
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Zeuge K. im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart: "Dummheit"

Half die Heilbronner "Neoschutzstaffel" beim Mord an der Polizistin Kiesewetter? Wohl nicht. Bei der Organisation handele es sich womöglich um ein Hirngespinst, sagt der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses.

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Der Auftritt wurde mit Spannung erwartet, die Presseplätze im Landtag waren bis auf den letzten Platz gefüllt: Matthias K. alias "Matze" sagte vor dem NSU-Untersuchungsausschuss aus. Der junge Mann hatte im Vorfeld einigen Beobachtern als Kopf einer im Verborgenen wirkenden Organisation namens Neoschutzstaffel (NSS) gegolten - einer Gruppe, die den "Nationalsozialistischen Untergrund" womöglich beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter unterstützte.

Doch an dieser Theorie ist höchstwahrscheinlich nichts dran. "Matze", ein schmächtiges Bürschchen von 21 Jahren, verwickelte sich in Widersprüche und musste vorherige Aussagen vor Ermittlern korrigieren.

Eine gefährliche rechtsextreme Organisation namens NSS, so zeichnet sich stattdessen ab, existierte in Baden-Württemberg wohl vor allem in der Fantasie einer Gruppe von rechtsorientierten Jugendlichen, die sich in Heilbronner Kneipen und Parks zum Saufen trafen. Es waren, so beschrieb es ein anderer Zeuge, auch ein paar Punks dabei, man hörte Musik von Metallica bis zur Rechtsrockband Landser.

Zur Gruppe, die sich nach ihrem Treffpunkt beim Heilbronner Kongresszentrum "Harmonie" nannte, gehörte neben "Matze" auch Florian H. - jener junge Neonazi, der im Herbst 2013 in Stuttgart in einem brennenden Auto gestorben war. Zuvor hatte er erzählt, er kenne die Mörder von Kiesewetter und wisse von einer Unterstützerorganisation namens NSS.

Beide Aussagen konnte Matthias K. nicht stützen. Im Gegenteil: Der sogenannte NSS bestand in Baden-Württemberg womöglich nur aus ihm selbst und Florian H., den er selbst angeworben hatte, ohne zu wissen, für welche Sache eigentlich.

"Jugendlicher Leichtsinn"

"Matze" erklärte vor dem Ausschuss, er sei Anfang 2011 auf einer Demonstration in Dresden von einem Mann angesprochen und als Mitglied der NSS rekrutiert worden. Von der Organisation habe er danach nie mehr etwas gehört, aber Florian H. für sie gewonnen, per selbst verfasstem Beitrittsformular. Als Gründe für sein Handeln führte der Lagerist nun "jugendlichen Leichtsinn" und "Dummheit" an.

Er trage auch keine Tätowierung mit den Buchstaben NSS, präzisierte "Matze" und korrigierte damit kursierende Berichte. Sein Vater, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, der heute als Jugendarbeiter tätig ist, versicherte im Anschluss, er wisse nichts von kolportierten Treffen Rechtsradikaler im Haus der Jugend in Öhringen bei Heilbronn.

Substanzielles zu möglichen Mitwissern oder gar Mittätern des Kiesewetter-Mordes wusste "Matze" nicht beizutragen. Florian H. habe ihm nichts darüber erzählt, sagte K. im Ausschuss. Der Polizei hatte er noch erklärt, dass Florian ihm gesagt habe, er kenne Kiesewetters Mörder.

Florians Vater hatte erklärt, sein Sohn habe den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München als reine Farce bezeichnet, solange nicht weitere Personen auf der Anklagebank säßen. Dabei habe Florian auch "Matze" genannt.

Doch von der Heilbronner Clique führt wohl keine Verbindung zum Polizistenmord. "Dann spielt NSS gar keine Rolle", sagte der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, der SPD-Politiker Wolfgang Drexler, in einem Zwischenfazit. Womöglich handele es sich dabei um ein reines Hirngespinst.

Stattdessen bekamen Drexler und seine Kollegen ein Sittengemälde von orientierungslosen Jugendlichen präsentiert, die zusammen tranken und grillten, über Frauen redeten und gegen Ausländer pöbelten, sich Tattoos stechen ließen und voreinander prahlten. Zum Beispiel durch vorgebliche Kontakte zu Radikalen außerhalb von Heilbronn.

Kaum vorstellbar, dass aus diesem Milieu jemand die beiden NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unterstützt haben könnte. Die Ermittler glaubten von Anfang an nicht an eine solche Theorie, die jetzigen Aussagen scheinen sie zu bestätigen.

Eine Reihe von Polizeipannen hatte der Ausschuss jedoch schon ans Licht gebracht: Die Ermittler müssen sich schlampige Arbeit vorhalten lassen, weil sie in dem ausgebrannten Wagen von Florian H. diverse Gegenstände übersehen hatten, darunter Handys, eine Machete und eine Pistole. Wegen möglicher Versäumnisse bei den Ermittlungen in dem Fall laufen derzeit nach Angaben des Innenministeriums Disziplinarverfahren gegen drei Polizisten.


Zusammengefasst: Der NSU-Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg geht der Frage nach, ob im Raum Heilbronn eine bisher unbekannte rechtsextreme "Neoschutzstaffel" (NSS) mit Verbindungen zum NSU existierte. Von der Organisation hatte der frühere Neonazi Florian H. berichtet, der 2013 in einem brennenden Auto starb. Die Aussagen des angeblichen NSS-Mitglieds "Matze" konnten die Spekulationen über die gefährliche Gruppe aber nicht erhärten. Er und H. seien seines Wissens die einzigen Mitglieder gewesen, sagte der 21-jährige "Matze" vor dem Ausschuss.

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