Neue Missbrauchsvorwürfe Mixa soll Bistum Augsburg verlassen

Die deutsche katholische Kirche lässt ihren prominentesten Sünder fallen: Nach erneuten schweren Missbrauchsvorwürfen gegen Walter Mixa drängt der Vorsitzende des Augsburger Diözesanrats den Ex-Bischof, das Bistum zu verlassen - damit endlich wieder Ruhe einkehrt.

DPA

Augsburg - Möglichst schnell soll es gehen - Walter Mixa soll rasch aus dem bischöflichen Wohnsitz in Augsburg ausziehen. "Das ist der einzig vernünftige Weg, wieder Ruhe in die Diözese zu bringen", sagte der Vorsitzende des Rates, Helmut Mangold, am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Nach Angaben aus Kirchenkreisen drängt die Spitze des Bistums den durch belastende Zeugenaussagen erneut in die Kritik geratenen Mixa, das Bischofshaus zu verlassen. Mixa war vor kurzem nach einem Schweizer Klinikaufenthalt überraschend ins Bischofspalais zurückgekehrt.

Er wolle Mixa "nicht nach Sibirien verbannen", halte aber mehr Zurückhaltung für geboten, so Mangold. Der Wirbel um den emeritierten Bischof schade dem Bistum, "weil so viele Leute zu seinen Fans zählen", betonte Mangold. "Unser Problem ist nicht der Bischof selber, sondern die Streitereien zwischen Gegnern und Befürwortern." Diese seien dermaßen eskaliert, "dass es kaum mehr erträglich ist". Aus einem kleinen Schneeball sei "eine große Lawine geworden, die über das Bistum hinwegfegt".

Mangold sagte, er habe den Eindruck, dass Mixas Anhänger meinten, derzeit beginne ein großer Kampf gegen die katholische Kirche, die es zu schützen gelte. Der Kampf für Mixa werde mit dem Kampf für die Kirche vermischt. "Sie fühlen sich wie Kreuzritter", sagte er. Der Fall Mixa schade dabei nicht nur der Diözese Augsburg, sondern der Kirche in Deutschland insgesamt.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" hatten am Wochenende von einem rund drei Dutzend Seiten langen geheimen Dossier berichtet, das der päpstliche Nuntius in Berlin, Jean-Claude Perisset, am 27. April dem Vatikan übergeben haben soll. In der Akte werden schwere Vorwürfe gegen Walter Mixa erhoben. So sollen Zeugen aus dem engsten persönlichen Umfeld des damaligen Bischofs über dessen sexuelle Übergriffe auf mindestens zwei volljährige Priester berichtet haben. Diese "weichen Vergewaltigungen" sollen sich in den neunziger Jahren zugetragen haben, als Mixa noch Stadtpfarrer in Schrobenhausen war.

"Ich bin doch nicht schwul"

Als besonders brisant gilt ein von der "Süddeutschen Zeitung" zitierter Dialog zwischen Mixa und einem jungen Mann, der sich während eines gemeinsamen Urlaubs massiv von dem Geistlichen bedrängt fühlte. "Bleib hier, ich brauche deine Liebe", soll Mixa gesagt haben, woraufhin der Priester erklärte, er sei doch nicht schwul. "Ich doch auch nicht", soll Mixa beteuert haben. "Und was war gestern Abend?", lautete die ungläubige Gegenfrage. Das sei "im Überschwang der Gefühle" geschehen, so Mixa. Er habe es gebeichtet. Der Zeitung zufolge stammt die Zeugenaussage allerdings nicht von dem jungen Mann selbst, sondern von Augenzeugen.

Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" soll Mixa zudem auch noch Stiftungsgelder für Waisenkinder an eine in Rom lebende Person gesandt haben, die in einem Milieu verkehrte, "mit dem man ihn nicht in Verbindung bringen sollte". Das Dossier habe Papst Benedikt XVI. vorgelegen und ihn bei seiner Entscheidung über das Rücktrittsgesuch des umstrittenen Bischofs maßgeblich beeinflusst, hieß es.

Nicht nur die angeblichen sexuellen Übergriffe, auch der offenbar massive Alkoholabusus des Ex-Bischofs kommen in der Akte zur Sprache. Demnach wird Mixa als sogenannter Spiegeltrinker bezeichnet, der seinen Alkoholpegel über den Tag hinweg halten müsse. Als "vor dem Hintergrund der Krankheit sogar erklärbar" bezeichnet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Gedächtnisverlust Mixas in Sachen Gewaltexzesse gegen Kinder. Der ehemalige Bischof hatte noch in seinem letzten Interview mit der "Welt" behauptet, sogenannte Prügelstrafen während seiner Zeit als Stadtpfarrer in Schrobenhausen seien ihm "beim besten Willen immer noch nicht erinnerlich". Eine lässliche Amnesie dank Alkoholmissbrauch?

Der Nuntius von Berlin, Jean-Claude Perisset, sagte SPIEGEL ONLINE er sei nicht befugt, sich zu dem Sachverhalt zu äußern und verwies an den Vatikan. Dessen Sprecher Federico Lombardi erklärte am Montag, der Papst habe seine Entscheidung zum Rücktritt Walter Mixas selbstverständlich auf der Basis von Informationen getroffen. "Woher er diese bekommen hat, ist zweitrangig", sagte Lombardi der Nachrichtenagentur dpa. Man werde die neuen Vorwürfe nicht kommentieren. "Es ist klar, dass die Presse spekuliert, aber wir wollen zu diesen Spekulationen nicht auch noch beitragen", so der Sprecher.

"Schwerer Schaden für die katholische Kirche"

Nach Ansicht des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hat die öffentliche Auseinandersetzung um den Ex-Bischof zu "schwerem Schaden für Mixa und die katholische Kirche" geführt. Mit Mixas Interview in einer Tageszeitung sei eine neue Eskalation der Vorgänge eingetreten. "Das ist eine bittere Entwicklung, die zu einer vergifteten Situation führt", sagte Glück der Nachrichtenagentur dpa. Jetzt müsse mit Hilfe des Vatikans die ganze Angelegenheit um Mixa geklärt werden, sonst bleibe eine "unerträgliche Situation von Verdächtigungen und Vorwürfen".

Mixas Augsburger Anwalt Gerhard Decker hat Zweifel an den Berichten über das belastende Dossier geäußert. Die österreichische Internetseite kath.net zitiert eine Stellungnahme Deckers, in der dieser die Quellen und Berichte als "nebulös" kritisiert. Sein Mandant könne und wolle sich nicht zum "angeblichen Inhalt ihm nicht bekannter 'Dossiers' und 'Geheimakten' äußern", heißt es. Mixa ist seit seinem Interview mit der "Welt" abgetaucht.

"Ich halte es mit den Grundsätzen des Rechtsstaats für unvereinbar, sich auf angebliche Quellen zu berufen, die niemand nachprüfen kann, auch nicht die unmittelbar davon Betroffenen", wird Decker zitiert. Er halte es für unwahrscheinlich, dass Teile der Presse Zugang zum Archiv des Vatikans oder des päpstlichen Nuntius hätten.

Decker zieht in seiner Stellungnahme auch Parallelen zu den inzwischen eingestellten Missbrauchsermittlungen gegen Mixa. "Einer beruft sich auf den anderen, und am Schluss war alles ein Missverständnis", wird der Anwalt zitiert. Sein Mandant werde Stellung nehmen, wenn es harte Fakten gebe.

ala/dpa/AFP/ddp

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