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Neue Studie: Sexueller Kindesmissbrauch nimmt ab - scheinbar

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Ist das die gute Nachricht des Tages? Die Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen - so das Fazit einer Studie im Auftrag der Bundesregierung. Doch die Ergebnisse scheinen zweifelhaft und Betroffene reagieren verärgert.

Forscher Pfeiffer, Ministerin Schavan: Projekt mit Aussicht auf Erfolg Zur Großansicht
dapd

Forscher Pfeiffer, Ministerin Schavan: Projekt mit Aussicht auf Erfolg

Hamburg - Es war einer der wenigen Sätze, die aus dem üblichen Talkshow-Gequatsche in Erinnerung blieben und - tatsächlich! - eine Diskussion über die Sendung hinaus entfachten. "Hätte ich eine Tochter, und sie würde vergewaltigt, ich würde ihr abraten, zur Polizei zu gehen."

Das sagte der frühere Staatsanwalt Hansjürgen Karge im August vergangenen Jahres im Studio von "Anne Will". Das Thema der Sendung war der Fall Kachelmann, und als Zuschauer dachte man sich: Wenn selbst einer wie Karge nicht davon überzeugt ist, dass eine Frau, die ein Sexualdelikt anzeigt, bestmöglich geschützt ist - wer soll es dann eigentlich noch sein?

Im vergangenen Jahr war das Thema sexuelle Gewalt allgegenwärtig: Canisius-Kolleg, Odenwaldschule, der Fall Kachelmann bis hin zum Freispruch. Unzählige Geschichten, die von Entwürdigungen handelten, von Macht und Ohnmacht, von Demütigungen. Und die oft jahrelang verschwiegen wurden. Aus Scham, Angst, Hilflosigkeit. Dann begannen einige zu sprechen, und Dutzende folgten. Was für manche bloß ein journalistisches Modethema zu sein schien, war für die Betroffenen weit mehr. Nämlich der Bruch mit dem Täter.

Denn egal ob Vater, Onkel, Priester, Ordensschwester: Sie alle hatten nach den Taten Geheimhaltung gefordert und ihre Opfer bedroht. Bloß nicht sprechen, schweigen, für immer. Viele erlebten darüber hinaus, dass ihnen nicht geglaubt wurde, wenn sie sprachen.

Studie mit klarer Botschaft

2010 sprachen dann aber auf einmal so viele Menschen, dass Schweigen keine Option mehr war. Auch für die Politik, die einen Runden Tisch einrichtete. Betroffene, Verbände, Kirchen, sie alle sollten zusammenkommen, aufarbeiten, diskutieren, Strategien entwickeln. Und Fakten mussten her. Deshalb gab das Bundesforschungsministerium eine Studie in Auftrag: Sie sollte darlegen, wie es um die Gesellschaft wirklich bestellt ist, wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs es gibt. Es war der Versuch, die gefühlte Situation mit der tatsächlichen abzugleichen.

An diesem Dienstag hat Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, die Ergebnisse der von ihm durchgeführten Untersuchung in Berlin vorgestellt. Auch die katholische Kirche hat ihn mit einer vergleichbaren Studie beauftragt.

Was Pfeiffer und Bundesbildungsministerin Annette Schavan nun präsentierten, lässt nur einen Schluss zu: Wir sind auf einem guten Weg. Und irgendwie konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass genau das auch die Botschaft des Unterfangens sein sollte. Das Ministerium hat 30 Millionen Euro für die Erforschung von Missbrauch und sexualisierter Gewalt zur Verfügung gestellt, Kampagnen gegen die Vertuschung initiiert.

Das Fazit der Präsentation lautete: Im Vergleich zur letzten repräsentativen Studie aus dem Jahr 1992, die Pfeiffer ebenfalls durchgeführt hatte, ist ein deutlicher Rückgang sexuellen Missbrauchs zu verzeichnen. Vor rund 20 Jahren hatten von den befragten Frauen 8,6 Prozent und von den Männern 2,8 Prozent bis zu ihrem 16. Lebensjahr eine Missbrauchserfahrung erlebt. Bei der aktuellen Befragung von mehr als 11.000 Männern und Frauen berichteten deutlich weniger von einem solchen Vorfall.

Die Forscher machen folgende Erklärungen für den Rückgang aus:

  • Die Anzeigenbereitschaft der Betroffenen hat sich deutlich erhöht, die Täter müssen eher mit einem Strafverfahren rechnen als in der Vergangenheit. "Das dämpft anscheinend den Tatendrang potentieller Missbrauchstäter", heißt es in der Studie.
  • Die Aufmerksamkeit für das Thema ist stark angestiegen; auch die Unterstützung durch Opferverbände. Die Täter, so mutmaßen die Forscher, haben so erfahren, dass sich das Risiko einer Tataufdeckung erhöht hat. "Zudem haben sich durch die verstärkte Sensibilisierung der Eltern und der Öffentlichkeit die Tatgelegenheiten reduziert."
  • Die innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Sie stellt einen Nährboden des sexuellen Missbrauchs dar.
  • Ein positiver Faktor ist auch die Einführung des Gewaltschutzgesetzes zum 1. Januar 2002, das sich vor allem auf Gewalt bezieht, die im familiären Umfeld stattfindet. Die Vorgängerstudie von 1992 hat gezeigt, dass Väter, die ihre Kinder massiv schlagen, nicht selten auch Missbrauchstäter sind. Ein besserer Schutz der Kinder vor körperlicher Gewalt könnte sich auch im Hinblick auf die sexuelle Gewalt positiv ausgewirkt haben.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Frauen mit türkischem Migrationshintergrund in der anonymisierten Befragung seltener von Missbrauchserfahrungen berichten als deutsche Frauen - darüber, ob sie tatsächlich seltener Opfer werden, sagt das freilich nichts aus. Ansonsten gilt das, was ohnehin lange bekannt war: Die Täter sind den Opfern meist bekannt, der Tatort ist meist eine vertraute Wohnung. In den seltensten Fällen ist der Täter ein unbekannter Mann, der in einem Park hinter einem Gebüsch einem fremden Mädchen auflauert.

Protest Betroffener

Die Ergebnisse der Studie, die Ende 2013 komplett abgeschlossen sein wird, sollen dazu dienen, den Schutz der Betroffenen weiter auszubauen: durch Studien, Präventionsmaßnahmen, gezielte Programme. Doch wie aufschlussreich sind die Zahlen?

Betroffene weisen darauf hin, dass das Schweigen nach einem Missbrauch Jahre anhält, oft Jahrzehnte. Auch das sind die Lehren aus den Fällen, die im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit drangen. Auch die aktuelle Untersuchung zeigt, dass Opfer eines schweren Missbrauchs im Schnitt mehr als sechs Jahre warten, bis sie Anzeige erstatten - wenn sie es überhaupt wagen. Opfer von leichteren Fällen warten im Schnitt immer noch vier Jahre.

Wie verlässlich sind also die Angaben der Befragten? Kann man aus ihnen einen Rückschluss darauf ziehen, was sich vor allem hinter verschlossenen Wohnungstüren abspielt? Verbrechen, die von Tätern begangen werden, die den Opfern meist bekannt sind?

Betroffene reagieren verärgert auf die Studie. Der Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, sagt, viele Opfer hätten den Missbrauch verdrängt und machten deshalb keine Angaben bei Befragungen. Zudem: Die Gruppen, die im vergangenen Jahr besonders im Fokus der Aufmerksamkeit standen, Katholiken und frühere Heimkinder, sind in der neuen Befragung unterrepräsentiert. Das räumen selbst die Forscher ein. Und die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christiane Bergmann, kritisiert, psychisch Kranke und Traumatisierte seien erst gar nicht befragt worden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
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1. Alles hat seine guten Seiten.
franzdenker 18.10.2011
Zitat von sysopIst das*die gute Nachricht des Tages? Die Fälle*sexuellen Kindesmissbrauchs*sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen - so das Fazit*einer Studie im Auftrag der Bundesregierung. Doch die Ergebnisse scheinen zweifelhaft und Betroffene reagieren verärgert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,792577,00.html
Die vielen Kirchenaustritte haben offenbar auch ihre guten Seiten...
2. Befragung bricht Schweigen?
nonevernomore 18.10.2011
Zitat von sysopIst das*die gute Nachricht des Tages? Die Fälle*sexuellen Kindesmissbrauchs*sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen - so das Fazit*einer Studie im Auftrag der Bundesregierung. Doch die Ergebnisse scheinen zweifelhaft und Betroffene reagieren verärgert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,792577,00.html
Eine Studie durch Befragung! Jeder Mensch, der sich nur ein wenig damit befasst hat, weiß dass das Überleben traumatischer Situationen sehr oft mit völliger oder partieller Amnesie über das Geschehen / Dissoziation des Geschehens verbunden ist. Und die glauben an die Aussagekraft von Befragungen! Ich bin mit einer Betroffenen verheiratet. Mehr als 20 Jahre dieser Ehe hätte und hat sie jeden Hinweis darauf, sie hätte sexuelle Gewalt erfahren, ungläubig zurückgewiesen. Und dann kam das "Erwachen". Dissoziation und Amnesie hat sie durchbrochen, es war ein Schock für uns beide. Doch trotz erneuter Qual, durch die Bearbeitung der Erinnerungen hat sie somatische Schmerzen und soziale Hemmungen überwunden. Hilfreich und segensreich dabei die Literatur, die Psychotraumatologen erstellt haben. Dadurch und dann durch Zeugenaussagen war sie erst in der Lage, sich selbst zu glauben. Hätte sie 1992 an der "repräsentativen" Studie teilgenommen, sie hätte jede sexuelle Gewalterfahrungen verneint. Gerne würde ich Pierre Janet posthum den Nobelpreis verleihen.
3. Kritik am Artikel
heribertX 18.10.2011
Zwei Punkte stören mich an diesem Artikel: 1. Wieso wird hier Kachelmann (mal wieder) mit verurteilten(!) Tätern, die auch noch Kinder missbraucht haben, in eine Reihe gestellt? Kachelmann wurde immerhin freigesprochen und um Kinder ging es in dem Verfahren nicht einmal. 2. Wieso "scheinbar"? "Scheinbar" impliziert die Aussage, dass etwas anders ist, als es scheint. Ist die Studie also falsch? Wo gibt es denn eine gegenteilige Studie oder ähnliches, was dieses "scheinbar" begründen würde?
4. seltsame Studie
NormanR, 18.10.2011
kann man das glauben? ich sage nein.
5. Problematisch ist hier die Verdrängung...
Flugwuppich 18.10.2011
Stellenweise wohl Real, stellenweise wohl aber auch den solch Auskunft Verweigernden oder solch Erleben bestreitenden Personen eben von Kritikern der Studie und ihrer Ergebnisse unterstellt. Wie müsste den jemand, der definitiv nicht missbraucht wurde gegenüber solchen Skeptikern Auskunft geben, daß ihm Glauben geschenkt würde?
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