Neuer Ernst-August-Prozess: Prügeljahre eines Prinzen

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Ohrfeige ja, Schlagring nein - vor Gericht in Celle versucht Prinz Ernst August das Prügel-"Geständnis" zu korrigieren, das sein Ex-Anwalt vor Jahren ohne Absprache präsentierte. Der Fall wird klären: Wie weit darf ein Verteidiger sich aus reiner Prozesstaktik von den Wünschen seines Mandanten entfernen?

Ernst August Prinz von Hannover: Rechtsstreit um ein Geständnis Fotos
DPA

Celle - Was macht eigentlich Ernst August von Hannover? Über die meisten seiner Affären handgreiflicher Art ist Gras gewachsen. Seine Ehefrau Caroline von Monaco wird nicht mehr an seiner Seite gesehen, die gelben Blätter haben längst andere Lieblinge erkoren. Nur die Justiz stört diesen Rückzug und erinnert an so manchen Fehltritt. Freilich auch deshalb, weil der Prinz auf Gerechtigkeit pocht, wenn er sich im Recht wähnt.

Die Sensationsgier der Medien hatte Ernst August vor Jahren, als er frisch liiert war mit der glamourösen Caroline von Monaco, mehrfach die Fasson verlieren lassen. In Erinnerung sind die Regenschirmattacke gegen einen aufdringlichen Fotografen etwa, der Tritt im Salzburger Hotel Goldener Hirsch in Richtung Hinterteil einer Journalistin, verbale Entgleisungen gegenüber der "Bild"-Zeitung. Er selbst ruinierte sein Ansehen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Die Paparazzi rächten sich damals mit "Prügel"- oder "Promille-Prinz" und ähnlichen Schmähworten.

"One for the music and one for the light"

Doch all das war von anderer Qualität als der angebliche Ausraster des Prinzen in der Nacht vom 14. auf den 15 Januar 2000 am Strand der Insel Lamu vor der Küste Kenias. Ernst August versetzte dort dem Deutschen Josef "Mombasa Joe" Brunlehner, der auf einer nahen Nachbarinsel eine Diskothek betrieb, zwei Ohrfeigen ("One for the music and one for the light"). Wie viele der größtenteils muslimischen Inselbewohner fühlte er sich von der Geräuschkulisse und der Laser-Illumination des Etablissement gestört.

Es war nie zu beweisen, dass sich Brunlehner wohl erst in dem Moment, als er erfuhr, welch prominenter Mann ihn geohrfeigt hatte, entschloss, den lebensbedrohlich Verletzten zu mimen. Es gingen Fotos um die Welt, die einen angeblich vom Prinzen ins Koma geprügelten Schwerstkranken zeigten. Dass es sich dabei offensichtlich um eine Inszenierung gehandelt hatte, änderte an dem verheerenden Eindruck der Öffentlichkeit nichts mehr.

Der Rechtsweg, der Ernst August daraufhin erwartete, war lang und voller Überraschungen. Das Amtsgericht Springe erließ Strafbefehle in Millionenhöhe, es verurteilte den Welfen unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten. Nachdem Rechtsmittel eingelegt worden waren, rückte das Landgericht Hannover erst durch einen Deal zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft davon ab und verhängte wieder eine beachtliche Geldstrafe.

Um diesen Deal geht es nun vor dem Oberlandesgericht Celle. Er beseitigte damals, 2004, zwar die drohende Gefahr einer Freiheitsstrafe. Doch die Erklärung, die Ernst Augusts damaliger Anwalt Jochen Heidemeier zum Tatgeschehen in Kenia mit der Staatsanwaltschaft vereinbart hatte - nicht als sein Verteidiger, sondern namens seines Mandanten -, vergrößerte Ernst Augusts Imageschaden.

"Alkoholisiert gesteigerte Erregung"

Der Prinz hatte unmittelbar nach dem Vorfall am Strand 2000 gegenüber Journalisten zugegeben, seinem Kontrahenten zwei Ohrfeigen verpasst zu haben. Daran hält er bis heute fest.

Unabhängig davon verfolgte Verteidiger Heidemeier eine andere, nämlich offensichtlich seine eigene Strategie. In Springe hatte er erfolglos bestritten, dass sein adliger Mandant den Diskothekenbetreiber am Strand überhaupt berührt habe. Vor dem Landgericht Hannover wiederum erklärte er am 25. November 2004 "als Vertreter des Angeklagten": "Am 14. Januar 2000 ist mein Mandant mit mehreren Personen auf Herrn Brunlehner zugestürmt. Er war auf ihn zornig und hatte erheblich getrunken. In diese Situation hat er Herrn Brunlehner nach seiner Erinnerung zwei Ohrfeigen versetzt. Aufgrund seiner alkoholisiert gesteigerten Erregung kann mein Mandant nicht ausschließen, Herrn Brunlehner Verletzungen zugefügt zu haben. Er kann auch nicht ausschließen, dass ihm zuvor einer seiner Begleiter einen Gegenstand in die Hand gedrückt hatte. Mein Mandant bedauert den Vorfall."

Aber war Ernst August wirklich "erheblich" betrunken und dadurch besonders erregt?

Nicht erst im Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Hildesheim 2009 kam zur Sprache, dass jene Geständnis-Erklärung Heidemeiers zwar mit der Staatsanwaltschaft, nicht aber mit dem Prinzen abgesprochen war. Im Gegenteil: Ernst August habe erklärt, lieber gehe er ins Gefängnis als etwas einzuräumen, was er nicht getan habe.

Der Prinz erfuhr aus den Medien, was er angeblich "gestanden" haben sollte. Heidemeier schrieb daraufhin an ihn: "Königliche Hoheit, die Presse ist eine Hure! Was über die Berufungsverhandlung geschrieben wurde, war und ist entstellend. Es ist falsch, dass ich als Ihr Verteidiger erklärt hätte, sie seien bei der Sache in Kenia erheblich oder beträchtlich betrunken alkoholisiert gewesen...Mir war und ist klar, dass die ganze Geschichte Brunlehner von vorne bis hinten erlogen ist..."

Die Entscheidungsfreiheit des Verteidigers

Ernst August wechselte daraufhin den Anwalt, zeigte Heidemeier wegen des Verdachts des versuchten Prozessbetruges an und verklagte ihn auf Zahlung eines "angemessenen" Schmerzensgelds.

Das Landgericht Hannover gestand dem Prinzen 2008 zwar zu, dass die negative Berichterstattung seinem Ansehen abträglich gewesen sei, zweifelte aber daran, ob der Anwalt rechtswidrig gehandelt habe. "Im Falle eines Verteidigungsmandats", so die Begründung, "ist der Strafverteidiger berechtigt, zugunsten des Angeklagten eine andere Prozesstaktik zu verfolgen, als der Angeklagte es wünscht, wenn andernfalls zu befürchten ist, dass der Angeklagte durch verfehltes Agieren Nachteile erfährt."

Der neue Anwalt Ernst Augusts, Hans Wolfgang Euler, der auch die Wiederaufnahme des Strafverfahrens erstritten hatte, legte gegen diese Entscheidung Berufung ein, über die das Oberlandesgericht Celle nun verhandelte. Heidemeier war mit seinem Anwalt Josef Fullenkamp erschienen.

Dass die geständnisgleiche Erklärung nicht autorisiert gewesen sei - völlig unstrittig, trug Fullenkamp vor. Ein Verteidiger dürfe das. Schließlich habe Heidemeier für Ernst August "das Optimum herausgeholt". Euler hielt ihm entgegen: "Ein Verteidiger darf doch nicht etwas frei Erfundenes als Erklärung des Mandanten vorbringen!" Er habe sich bis dahin nicht vorstellen können, dass ein Verteidiger seinen Mandanten derart hintergehe.

"Der Angeklagte weiß nicht immer, was das Beste für ihn ist"

Der um einen Vergleich bemühte Vorsitzende Heinz Herbert Schneider wandte gegen Fullenkamps Argumente ein, die wie ein Geständnis klingende Erklärung beinhalte doch "genau das Gegenteil dessen", was der Prinz stets gesagt habe; auch die Gerichte hätten die Erklärung als Geständnis verstanden. "Der Angeklagte weiß nicht immer, was das Beste für ihn ist", fuhr Schneider fort. "Aber hier gab es Vorgaben des Prinzen!" Das Landgericht Hildesheim habe bezüglich des Tathergangs zumindest eine Tendenz erkennen lassen: dass die Geschichte mit dem Schlagring nicht stimme. "Und gerade die bringt den Kläger in ein Milieu, in das er nicht hingehört! Wenn Sie jetzt sagen, das war kein Geständnis - was war es denn dann?"

Heidemeier beschrieb gestenreich seinen Deal mit dem Staatsanwalt: "Ich musste unbedingt einen milderen Fall aus der Kenia-Sache machen! So kamen wir auf Alkohol, das ist ja üblich bei jeder Schlägerei im Hafen." Der Vorsitzende: "Warum haben Sie Ernst August dann darüber nicht informiert?" "Der war doch ständig betrunken, der Mann! Ständig!" Heidemeier wurde nun laut. Dass sich ein Anwalt derart abfällig über einen früheren Mandanten äußert, und dies auch noch öffentlich, ist ungewöhnlich und lässt auf eigene Probleme schließen. Der Celler Senat wird sich seine Gedanken dazu machen.

Die Vergleichbemühungen, schloss der Vorsitzende die zeitweise ziemlich erregte Debatte, "sind also gescheitert." Der Senat werde eine Gesamtbewertung vornehmen. Probleme sehe er allerdings bei dem Begehren, die Sache öffentlich richtigstellen zu lassen. "Wir können den Medien nicht vorschreiben, worüber sie berichten sollen." Und eine Erklärung des Ex-Verteidigers in der Zeitung in Form eines Inserats auf eigene Kosten "neben dem Inserat eines Möbelhauses womöglich", komme ja wohl nicht in Frage.

Mit der Entscheidung des Senats ist am 12.Oktober zu rechnen.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Ex-Anwalt ohne Chance
cajou 08.09.2011
Zitat von sysopOhrfeige ja, Schlagring nein - vor Gericht in Celle versucht Prinz Ernst August das Prügel-"Geständnis" zu korrigieren, das sein Ex-Anwalt vor Jahren ohne Absprache präsentierte. Der Fall wird klären: Wie weit darf ein Verteidiger sich aus reiner*Prozesstaktik von den Wünschen seines Mandanten entfernen? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,784938,00.html
Spätestens beim Europäischen Gerichtshof ist der Ex-Verteidiger des Prinzen ,,platt". Einen gröberen Verstoß gegen dessen Grundrecht auf persönliche Entfaltung kann ich mir in Juristenkreisen kaum vorstellen.
2. so oder so....
cmburns1 08.09.2011
...irgendwann wird auch mal dieser Kasperle-Prinz seinen Meister finden, der ihm mal ohne viel Worte das Fressbrett feinjustiert!
3. Alkoholikerproblem
gertpablo 08.09.2011
Der peinliche »Prinz« verträgt offensichtlich keinen Alkohol und nimmt sich darob des öfteren daneben. Warum ist er nicht froh, dass er nicht in den Knast musste und hält einfach die Schnauze. Es sollte eine Möglichkeit geben solche »Adligen« zu entadeln.
4. "Persönliche Entfaltung"
emme2711 08.09.2011
Zitat von cajouSpätestens beim Europäischen Gerichtshof ist der Ex-Verteidiger des Prinzen ,,platt". Einen gröberen Verstoß gegen dessen Grundrecht auf persönliche Entfaltung kann ich mir in Juristenkreisen kaum vorstellen.
Er "entfaltet" sich, indem er um sich schlägt und um sich pinkelt...Einfach widerlich dieser Typ.
5. ++
saul7 08.09.2011
Zitat von sysopOhrfeige ja, Schlagring nein - vor Gericht in Celle versucht Prinz Ernst August das Prügel-"Geständnis" zu korrigieren, das sein Ex-Anwalt vor Jahren ohne Absprache präsentierte. Der Fall wird klären: Wie weit darf ein Verteidiger sich aus reiner*Prozesstaktik von den Wünschen seines Mandanten entfernen? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,784938,00.html
Dieser blaublütige und prügelfreudige Adlige hat offenbar ein riesiges Alkoholproblem, das ihn immer wieder zu derartigen Attacken auf andere Bürger veranlasst hat. Ich zweifle nicht einen Moment an der Aussage des ehemaligen Verteidigers, der sich auch in dieser Richtung geäußert hat.
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